Raumfahrt | 19. Juni 2019

AGBRESA: Ein Proband berichtet: Am Ende des Horizontalen

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Das :envihab auf dem DLR-Gelände in Köln

Zunächst ist da kein göttergesandtes Licht, kein Bouquet voll nasser Blumen, weder Trommelwirbel noch Fanfaren. Nein, am Ende kommt die große Entkabelung. Stück für Stück entfernt man die Elektroden von meinem Körper, die Blutdruckmanschette, den Sensor um den Zeigefinger. Das letzte horizontale Experiment ist beendet. Es ist Montagmorgen. Noch liege ich. Zwanzig Augen blicken mich an und gratulieren mit dem feuchtblauen Funkel der Begeisterung, der um ihre Pupillen kreist. Am Ende also, jetzt weiß ich es, steht die große Erwartung.##markend##

Für eine Sekunde frage ich mich, ob der Automatismus des Aufstehens überhaupt noch in Gang kommt, ob die anästhesierte Motorik das Signal nachzeichnen wird, das der Aufstehwille ihm sendet. Nach sechzig Tagen, in denen man kein einziges Mal den Kopf hob, um vorauszublicken zu just diesem Moment, könnte es durchaus sein, dass diese Verbindung so lahmgelegt ist wie meine Wadenmuskulatur.

Aber der Körper erinnert sich. Ich drücke mich auf den Ellbogen, stoße mich hoch - und sitze. Bleiern hängen die Beine über der Bettkante. Nur, wenn ich den Kopf zur Seite drehe, wird mir sofort schummrig; ansonsten sitze ich einfach und fühle, wie ich in der Vertikalität existiere. Alles ändert sich jedoch, als ich mich vom Bett stoße und stehe. Diesen Augenblick haben wir mit jenen Astro- und Kosmonauten gemeinsam, die von langen Aufenthalten auf den Raumstationen zurück in den Schoß des Heimatplaneten kehren, ein Erlebnis, das nur sehr wenige Lebewesen bislang erleben konnten und das wir alle nie wieder vergessen werden: Der Sog der Erde, die erneute - und in einem gewissen Sinne allererste - Erfahrung der Schwerkraft. Ich gehe. Mit jedem Schritt muss ich bewusst all meine Kraft aufwenden, um mich gegen die Anziehungskraft eines Planeten zur Wehr zu setzen. 38 Erdenjahre hat es gedauert, um diese Erfahrung zu machen. Als steckte man im Innern eines dumpfen Magneten, der den Körper wortwörtlich zu Boden bringen will, zieht man sich Zentimeter für Zentimeter über den Boden. Es ist Arbeit, die tauben, zittrigen Beine zu heben und einigermaßen gerade wieder abzusetzen. Der Körper weiß, was er zu tun hat, gleichzeitig hat er alles vergessen. Er fühlt sich fremd und geisterhaft an, während er im selben Moment wieder voller Blut, Gewicht und Gegenwart schießt, während alles wieder unter dem Druck des Getragenwerdenmüssens an Realität zurückgewinnt. Zwei Monate lang lag alles herum und wurde gehalten. Nun gilt es, uns wieder selbst zu tragen.

Die Schwerkraft der Erde

In der Science-Fiction Serie "The Expanse" kommt der Moment, in dem einige Marsianer zum ersten Mal irdischen Boden betreten. Diese Wesen sind keine uns halbähnlichen Organismen oder überschleimte Glubschhutzel, sondern Menschen, die im 23. Jahrhundert bereits in der dritten Generationen auf dem Mars wohnen und noch nie die dreimal so starke Schwerkraft der Erde erlebt haben.

(Übrigens sind es erst knappe 50 Jahre, seit die allzu phantastische Schwärmerei über den Mars erst einmal ein abruptes Ende nahm. Jahrtausende lang hatten Astronomen und Sehnsüchter ihre Teleskope mit den Versprechen des Nachthimmels kalibriert. Der Mars leuchtete und versprach, und nur die Erde selbst bot mehr Stoff für Fiktion und Träumerei. Lange glaubten einige Forscher, auf dem Mars von intelligenten Wesen konstruierte Kanäle entdeckt zu haben. Auch die Poesie kam nicht zu kurz. Die dunklen Flecken, die Wilhelm Herschel Ende des 18. Jahrhunderts am Äquator ausmachte, hielt er für einen beschiffbaren Ozean. Die Gegend nannte er The Hourglass Sea, das Sanduhrenmeer. Die Wissenschaft, die Weltraumliteratur und das Kino wurden vom roten Planeten beherrscht, welcher der Sehnsucht der Erdlinge lange nichts Handfestes entgegen setzen konnte. Gab es dort oben Einzeller, Bakterien, organisches Leben, Wesen wie den Menschen, zehngehörnte Wurmwesen mit feuerspuckenden Mäulern? Gab es Wasser und Flüsse und Fische und atmende Dinge oder anders atmende Dinge? Gab es eine Art Leben, das nicht mit den Formen unseres Planeten vergleichbar wäre, besaß der Mars eine geodynamische Ader und eine Atmosphäre, um den Menschen aufnehmen zu können wie ein gütiges Großmütterchen? Gab es Farben, Düfte, Einbauschränke, Coca-Cola? Gab es dort geistige Wesen, von denen wir abstammen und sie sich an uns erinnern würden? So weit kann der Menschen denken und träumen, dass der Mars unter der Last der Erwartungen nur kollabieren konnte.1976 war es soweit, dass die Viking-Sonden erste verwertbare Fotos von der Marsoberfläche an die Erde zurückschickten. Sie zeigten keinen Dschungel, keine Softdrinkfabrik und kein einziges erstaunt in die Kamera schielendes Wesen aus froschgrünem Marsstoff. Sie offenbarten eine karge, monotone und kraterübersäte Landschaft, kurz: Sie zeigten die nackte und lebensfeindliche Kälte, die der Menschheit bereits vom Angesicht des Mondes entgegenblickte. Sie zeigten lediglich – Bekanntes. Der Mars war einer der größten Träume der Menschheit – und wurde, vorerst, zu einer ihrer größten Enttäuschungen.)

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)

Aber zurück zur Science Fiction, wo die Marsianer auch nur Menschen sind. Als sich die Luke ihres Raumschiffes öffnet und sie das Landefeld überqueren müssen, werden sie von ihren Vorgesetzten ermahnt, dem stolzen Mars keine Schande zu machen. Vergeblich. Die Schwerkraft, die weite, gleißende Ebene des Himmels, das Sonnenlicht! Ein Marsianer erbricht sich, während man seine Kollegen und Kolleginnen wie benommen in Richtung Terminal tapsen sieht. Auch diese Erfahrung steht uns in zwei Wochen bevor, die Übelkeit und das Wanken einmal abgerechnet. Dann werden alle Nachuntersuchungen beendet sein, wir werden unsere Zimmer räumen, uns von unseren Crew-Mitgliedern verabschieden und zum ersten Mal nach drei vollen Monaten, die wir nur Drinnen verbracht haben, die Oberfläche eines Planeten betreten. Wir werden zum ersten Mal wieder erleben, was das eigentlich bedeutet: Luft, Himmel, Sonne und Baum. Farbe und Regen. Zum ersten Mal ein Planet mit all seinen verlebendigten Wundern.

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Über den Autor

Wie wirkt sich die Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper aus? Und was können wir gegen die negativen Effekte tun? Bettruhestudien dienen hier auf der Erde als Modell, um die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den Körper hervorzurufen, um so Reaktionen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen untersuchen zu können. Im Blog wollen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Beteiligte an der Studie und natürlich unsere Probandinnen und Probanden selbst zu Wort kommen lassen und von ihren Erfahrungen und Aufgaben berichten, die es rund um eine 60-tägige Bettruhestudie zu erledigen und zu erleben gibt. zur Autorenseite

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