Raumfahrt | 06. Oktober 2014 | von Jan Oliver Löfken

Die Nacht vor dem Ausstieg

Alexander Gerst im Raumanzug EMU
Quelle: NASA
"Thumbs up" - Alex ist bereit für sein Abtenteuer im Weltall

Eine Nacht trennt Alex Gerst jetzt noch von einem der absoluten Höhepunkte seines Astronautenlebens. Morgen wird der Geophysiker etwas machen, das nur eine Handvoll Menschen vor ihm erlebt haben: Er wird in seinem Raumanzug aus der Internationalen Raumstation aussteigen und beinahe freifliegend mit 28.000 km/h über die Erde hinwegschweben. Alles, was er in seinem Studium je an Bergen, Kontinenten, Gletschern, Landschaften, Städte, Vulkane kennengelernt hat, wird er unter sich vorbeiziehen sehen.##markend##

Seit Tagen und Wochen, ja Monaten wirft dieses Ereignis seine Schatten voraus: Alex hat den Ausstieg immer wieder trainiert, hat seinen Raumanzug auf der Raumstation entsprechend konfiguriert, die Batterien geladen und die wichtigen Funktionen getestet. Bis morgen sich die Luke wieder hinter ihm schließt, werden jetzt alle seine Aktivitäten nur noch im Zeichen der „Extravehicular Activity“ (EVA) stehen. Sogar sein Schlaf wird zur Vorbereitung genutzt. Das zeigt, dass ein "Weltraumspaziergang" alles andere ist als Sonntagsnachmittagsentspannung.

Livestream: Weltraumausstieg EVA27 auf NASA-TV ab 14:10 Uhr.
Im Weltall herrscht Vakuum, also relative perfekte Luftleere - Luftdruck Null. Unser Körper braucht freilich Luft, weshalb in der Raumstation ein Luftdruck von etwa ein Bar aufrechterhalten wird, was dem Normaldruck in Meereshöhe entspricht. Natürlich muss auch der Raumanzug druckbeaufschlagt sein. Damit ergibt sich jedoch ein Problem, das man sich leicht vor Augen führen kann, wenn man an einen Auto- oder Fahrradreifen denkt: Die zwei oder drei Bar Überdruck der Reifen im Vergleich zur Umgebung tragen mit Leichtigkeit das Auto oder den Radfahrer. Dabei ist es kaum möglich, den Reifen mit den Fingern ernstzunehmend zu verformen. Eine vergleichbare "Steifheit" würde auch der Raumanzug zeigen, würde man ihn im Vakuum des Weltraums auf ein Bar "aufblasen". Um den Astronauten zumindest einen gewissen Grad an Bewegungsfreiheit zu geben, ist der Luftdruck im Anzug daher auf etwa ein Drittel Bar reduziert. Trotzdem müssen die "Aussteiger" immer noch gegen die verbleibende Steifheit der Arme, Finger, Beine anarbeiten, was die üblichen sechseinhalb Stunden Außenbordeinsatz zu einer anspruchsvollen Fitnessübung werden lassen.

An diesen geringeren Luftdruck muss der Körper langsam gewöhnt werden - so wie ein Taucher aus größerer Wassertiefe und damit einem Ort mit erhöhtem Druck auch nur langsam wieder an die Wasseroberfläche zurückkehren kann. Zu groß wäre sonst die Gefahr, dass die in seinem Blut gelösten Gase gleich einer frisch geöffneten Sprudelflasche ausperlen und als Blasen die Gefäße verstopfen könnten: Immer wieder kommt es zu tödlichen Tauchunfällen aufgrund dieser Dekompressionskrankheit.

Quelle: NASA
Die Unterwäsche muss sitzen - nur dann können die eingearbeiteten Wasserschläuche den Körper während des Aussenseinsatzes optimal temperieren

Für die Astronauten ist daher eine Nacht in der Luftschleuse der ISS vorgeschrieben, während der der Luftdruck nach einem festgelegten Protokoll heruntergefahren wird. Dadurch wird insbesondere der Stickstoffpartialdruck in Alex’ Körper reduziert und der Situation im Raumanzug Schritt für Schritt angepasst. Am Morgen des Ausstiegs wird die Schleuse dann wieder kurzzeitig auf Normaldruck gebracht. Dabei nutzt man aus, dass die Gewebe im Körper nur träge auf Druckänderungen reagieren und die "Entgasung" der Nacht im Wesentlichen erhalten bleibt - auch das Atmen einer saueratoffangereicherten Luft über eine Maske trägt dazu bei. Während dieser "Normaldruckphase" kann Alex dann seinen üblichen morgendlichen Aktivitäten nachkommen und sich von seinen Astronautenkollegen in den Raumanzug helfen lassen. Und dann wird sich die Luke für ihn öffnen - zu wahrscheinlich einem der gewaltigsten Abenteuer seines Lebens.

Ob man da in der Nacht davor überhaupt Ruhe findet? Wir wünschen’s ihm zumindest: Schlaf gut, Alex - und viel Erfolg morgen!

PS: Hautnahes Erleben des Columbus-Kontrollzentrums gibts am Tag der offenen Tür in Oberpfaffenhofen am 12. Oktober 2014!

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Über den Autor

Als Kind wollte Tom Uhlig Astronaut werden. Beim DLR kam er dabei seinem Traum sehr nahe: Er arbeitete als Columbus-Flugdirektor an der Konsole und leitete sowohl das Col-CC-Trainingsteam als auch Gruppe für den Betrieb von geostationären Satelliten bis Dezember 2016. zur Autorenseite