Raumfahrt | 24. August 2016 | von Manuela Braun

Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Schon beim Aufstieg zeigte sich, wem die Höhe und die "dünnere" Luft besser bekommt und wem nicht.

Einigen Probanden geht es schlecht. Im Tagebuch einer Studienteilnehmerin versammelt sich alles, was man nicht haben möchte: massive Kopfschmerzen, schwere Müdigkeit, und Übelkeit mit Erbrechen, Ödeme, also Wassereinlagerungen, in den Händen - und dann auch noch schlecht geschlafen. Die ersten Symptome tauchten bereits beim Aufstieg auf, als die zehn Probanden vom italienischen Alagna zunächst zur Orestes-Hütte und dann weiter zur Gnifetti-Hütte auf 3647 Metern Höhe stiegen. Schließlich folgte gestern, am Dienstag, noch der Aufstieg zum Endziel - der Schutzhütte Regina Margherita auf über 4500 Metern Höhe.

Für die Teilnehmer ohne oder mit nur schwachen Symptomen der Höhenkrankheit eine Wanderung über den Lys-Gletscher mit schöner Aussicht, für die Höhenkranken Schritt für Schritt mit den Steigeisen an den Schuhen und dem Fünf-Kilo-Gepäck auf dem Rücken anstrengend und alles andere als ein Vergnügen. In diesem Fall sind die schlechten Nachrichten für die Studie aber gute Nachrichten: DLR-Studienleiter Ulrich Limper braucht Probanden, deren Körper auf den verminderten Luftdruck und den Sauerstoffmangel reagieren. ##markend##

Fliegende Gefriertruhe für die Forschung

Die Schutzhütte Regina Margherita thront auf einem Felszacken in den Walliser Alpen. Dicht am Abgrund auf italienischem Gebiet und nur 30 Meter von der Landesgrenze zur Schweiz entfernt. Mit 4554 Metern über dem Meeresspiegel ist sie das höchstgelegene Gebäude Europas. Die Zugspitze, Deutschlands höchster Berg, bringt es gerade einmal auf 2962 Meter. Das Team des DLR hat aus einem Vier-Bett-Zimmer der Hütte ein Labor gemacht, geschlafen - oder je nach Ausmaß der Höhenkrankheit wachgelegen - wird in Etagenbetten im Zehner-Zimmer. Per Hubschrauber schwebten am Dienstagmorgen 600 Kilogramm Ausrüstung in die Höhe. 500 Kilogramm Ausrüstung von der Gefriertruhe, in der Blut-, Urin- und Speichelproben sicher eingefroren werden sollen bis zur Analyse im DLR Köln, bis hin zu allen einzelnen Probengefäßen, Material für die Blutabnahme oder auch 50 Kilogramm Trockeneis für die Kühlung. Mit an Bord: Jeweils zehn Kilogramm persönliches Gepäck für jeden der Probanden, die für die Studie auf einige Annehmlichkeiten verzichten müssen. Auf fließendes Wasser in der Hütte, auf Einzelzimmer, Privatsphäre und zum Teil auf ihr körperliches Wohlbefinden. Zwei Mal musste der Hubschrauber zur Hütte fliegen, bis sämtliche Ausrüstung in über 4500 Metern Höhe ausgeladen werden konnte.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Per Hubschrauber gelangen rund 600 Kilogramm Ausrüstung und Material auf die Regina Margherita Hütte in 4554 Metern Höhe.

Leiden von leicht bis schwer

Für die Probanden galt: Nur wer sich in den vergangenen drei Monaten nicht in einer Höhe über 3000 Metern aufgehalten hatte, kam als Teilnehmer in Frage. Fit sollten sie sein, Nichtraucher, keine Probleme mit Lunge oder Herz haben - aber Erfahrungen mit der Höhe waren tabu. Dafür hat Ulrich Limper jetzt auch das breite Spektrum der Höhenkrankheit: Glückspilze mit ganz zarten Kopfschmerzen, Probanden, denen es mittelprächtig geht, aber auch Teilnehmer, denen es nicht gut geht - und deren Körper sich hoffentlich schnell durch den mehrtägigen Aufenthalt in der Höhe an die Bedingungen anpasst.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Nahrungsmittel, Verbrauchsgüter und wissenschaftliche Geräte kommen per Außenlast an und müssen dann in der Hütte verstaut werden.

"Für die Studie ist das gut", sagt der Arzt. "Für manche Teilnehmer leider nur nicht so angenehm." 30 Prozent der Probanden geht es relativ schlecht - unabhängig davon, ob sie sportlich sind, welches Alter sie haben oder ob es ein Mann oder eine Frau ist. Vorhersagen, wer erkrankt, kann noch niemand, solange die Höhenkrankheit nicht ausreichend erforscht ist. Mit Medikamenten wie Schmerztabletten, die die Symptome lindern und die Höhenkranken stabilisieren, kann Ulrich Limper dienen, bei stärkeren Medikamenten hingegen würden die gemessenen Daten verfälscht - und der Proband wäre im Tal deutlich besser aufgehoben. Per Hubschrauber würde der Studienleiter diese Teilnehmer aus der Höhe herunterbringen lassen. Notwendig ist das bisher allerdings nicht.

Höhenkrank bei schönstem Wetter

Tagebuch führen bereits alle. Wie schlecht fühlt man sich? Wie stark sind die Kopfschmerzen? Fühlt man sich verkatert und wenn ja - eher leicht, moderat oder vielleicht sogar extrem? Schon während des mehrtägigen Aufstiegs wurden außerdem die Herzfrequenz und die Sauerstoffsättigung des Bluts gemessen. Im Tal lag diese noch bei den üblichen 98 Prozent, auf 3600 Metern Höhe nur noch bei 85 bis 90 Prozent. Jetzt, auf der Regina Margherita-Hütte, wird der Körper schon mit einem Viertel weniger Sauerstoff versorgt wie im Tal. Gestern Nachmittag wurden die ersten Blut- und Speichelproben genommen. Heute, am Mittwoch, beginnen die Ultraschall-Untersuchungen, mit denen festgestellt wird: Hat der Körper bereits Flüssigkeit im Gewebe eingelagert?

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Teil der Fracht war auch diese Zentrifuge zur Untersuchung der Blutproben.

Klar ist: Alle Teilnehmer, die die erste Nacht in der Höhe ohne große Beschwerden überstanden haben, haben das Glück, eher unempfänglich für die Symptome der Höhenkrankheit zu sein. Wem es jetzt noch gut geht, kann genießen, dass ein stabiles Hochdruckgebiet über den Walliser Alpen für wolkenfreien Himmel und großartige Aussicht sorgt. Gerade einmal minus acht Grad Celsius in der Nacht, aber immerhin ein Grad Celsius am Tag. Für die übrigen Bergsteiger, die auf ihrer Tour in der Schutzhütte Halt machen, ideales Wetter. Und wer mit der Höhe nicht zurechtkommt, fragt den DLR-Arzt.

Weitere Eindrücke gibt es im Flickr-Album.

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Über den Autor

Manuela Braun ist im Bereich Raumfahrtforschung und –technologie für die strategische Kommunikation der Raumfahrtthemen zuständig. Als ausgebildete Journalistin in Print und Online ist sie am liebsten dort vor Ort, wo Raumfahrt zum Greifen nah ist. zur Autorenseite