Raumfahrt | 20. November 2018

Antarktisexpedition GANOVEX 13: Mars-analoge Gebiete und eine geheimnisvolle Flechte - Teil 7

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Gleißendes Sonnenlicht am Mount Emison.

16. November 2018: Der Morgen startete sehr sonnig mit wenigen Wolkenfeldern. Ob das vielleicht bedeutete, dass wir nun doch besseres Wetter hätten und unser Flieger nach Christchurch zumindest heute bei uns landen würde? Es wäre zu wünschen. Wie jeden Tag hörten wir dann zur Frühstückszeit um ca. 07:15 Uhr die Wetternachrichten von Mario Zucchelli. Es klang eigentlich vielversprechend. Unser Pilot Hamish war sogar so optimistisch, dass er meinte, dass wir heute noch eine weitere letzte Feldaktion starten könnten. Wir sollten doch noch einmal evaluieren, ob der Mount Emison oder sogar die weiter entfernten Hangrutschungen auf Eis und Gletscher in der Nähe vom Mariner-Gletscher für einen Flug in Frage kämen.##markend##

Als später Ernst dazu kam und wir ihm diese Möglichkeit eröffneten, eventuell auch erst am Nachmittag zu starten, leuchteten seine Augen. Jedoch gab er zu bedenken, dass wir noch für morgen unsere Sachen packen müssten. Das taten wir dann auch gleich nach dem Frühstück. Ich hatte bereits nach dem letzten Waschgang vieles gepackt und holte nur noch meine beiden größeren Gepäcktaschen aus dem Zelt in die Station, wo noch Kleinigkeiten verpackt wurden. Dann las ich noch etwas, als plötzlich Ernst um die Ecke kam und mich fragte, ob ich schon das Neueste gehört hätte. Unser Flieger würde heute nicht kommen, da das Flugpersonal der McMurdo-Station nicht arbeitete. Wir waren beide etwas sprachlos. Es herrschte draußen bestes Wetter, und der Flieger kommt nicht. Das würde für uns sicher bedeuten, dass der Flieger frühestens am Samstag eintreffen würde, und da McMurdo ja auch sonntags nicht operiert, wir erst am Montag von hier nach Christchurch würden fliegen können. Für Ernst bedeutet das bereits Umbuchungen, da er so geplant hatte, dass er am Montag von Christchurch abfliegen würde. Ich hätte dann zwar noch bis Mittwoch Zeit, aber wer sagt denn, dass das Wetter noch so stabil bleibt. In jedem Fall mussten wir wieder das Hotel in Christchurch über unser Email-System der Station informieren.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Auf dem Weg zum Mount Emison am Tourmalin-Plateau.

Der Schock saß uns noch in den Knochen, als wir dann mit Hamish beschlossen, heute tatsächlich zum Mount Emison zu fliegen. Sowohl von Chris als auch von Raquelle und Hamish gab es grünes Licht, da die Zeit ja positiv genutzt werden sollte. Also wieder rein in die Polarmontur. Wenig später hoben wir von Gondwana ab, um direkt zum Mount Emison am Rande des Turmalin-Plateaus zu fliegen. Etwa 20 Minuten später landeten wir an einem Grat ein wenig unter dem Gipfel. Hamish meinte, das Thermometer am Helikopter zeigte minus 20 Grad Celsius an. Wir schwärmten in unterschiedliche Richtungen aus, während Hamish im Helikopter sitzen blieb.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Landung am Mount Emison.

Ich bewegte mich auf dem Grat auf beiden Seiten des Helikopters hin und her und schaute nach dem Grad der Oberflächenkolonisierung der Felsen. Hier lagen sowohl Granite, Dolerite als auch Schiefer. Eine ungewöhnliche Mischung. Was die Organismen betraf, wurde ich bald fündig. Offensichtlich besiedelte eine gräuliche Flechte, die ich nicht einordnen konnte, die verschiedenen Gesteine. An einer Stelle war sogar ein Fels mit der für mein ESA-Projekt BioSigN wichtigen gelben Flechte Pleopsidium chlorophanum bewachsen. Jedoch waren die hier auffindbaren Exemplare meist nur in Ritzen und Mikrohöhlen des Gesteins zu finden und damit auch nur sehr wenige Millimeter groß.

Ernst begab sich unterdessen mit Raquelle etwas weiter weg vom Helikopter zu den am gegenüberliegenden Hang befindlichen Polygonböden, und er hackte mit dem Geologenhammer in den Boden, um wieder nach Eis im Untergrund zu suchen. Tatsächlich stieß er bereits nach etwa zehn Zentimetern auf eine massive Eisschicht im Untergrund. Offenbar handelte es sich um Gletschereis, das von einer dünnen Driftschicht bedeckt war. Ich begab mich weiter zu einer sehr stark verwitterten Granitfelsformation, einem sogenannten Tafoni, die ähnlich wie auf dem Mount Keinath sehr ungewöhnliche Formen angenommen hatte, sodass man von jeder Seite andere Gestalten wahrnehmen konnte. Teilweise hatten die Gesteine direkte Durchgänge und Höhlungen. Immer wieder stieß ich auf dieselbe graue Flechtenart in derartigen vom Wind als auch von der Sonne geschützten Nischen. Nachdem ich vieles fotografisch festgehalten hatte, eilte ich zum Helikopter zurück und saß eine Weile mit Hamish darin, um auf die anderen zu warten. Da es etwas länger dauerte, verfiel ich in einen kleinen Powernapping-Schlaf. Als wir bald aber wieder alle im Helikopter Platz genommen hatten, bat ich Hamish, noch einmal um das Turmalin-Plateau herumzufliegen.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Tafoni am Mount Emision.
Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Tafoni am Mount Emision.
Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Flug über das Tourmalin-Plateau.

Gesagt, getan. Wir flogen um dieses Plateau auf der Campbell-Gletscher-Seite mit den markanten Türmchen-ähnlichen Felsformationen, die aus dem Plateaugletscher herausragten und dann in Richtung Priestley-Gletscher weiter. Auf den Weg dahin, um das Plateau herum, sahen wir immer wieder äußerst interessante Moränen und Frostmusterböden mit Mars-ähnlichen Morphologien, was mögliche neue Arbeitsstandorte für die Zukunft bedeuten könnte. Das Panorama, das sich vor mir bei diesem Flug in circa 2500 Meter Höhe ausbreitete, war grandios. Das Turmalin-Plateau, das wir überflogen, bestand, ähnlich wie bei der Eisenhower-Range, aus einem auf dem Plateau sitzenden Gletscher. An den Rändern des Plateaus gab es sogenannte Gletscherfälle mit ihren charakteristischen Gletscherspalten und Seracs (Eistürme).

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Gletscherspalten und Türme an einem Seitengletscher des im Hintergrund erscheinenden Priestley-Gletschers.

Als wir uns dann vom Turmalin-Plateau zum Priestley-Gletscher hinbewegten, um in diesem uns unbekannten Abschnitt des sehr langen und breiten Gletschers noch weitere Standorte mit Mars-Relevanz ausfindig zu machen (seien es Frostmusterböden, Moränen, Muren oder Erosionsrinnen), wurden wir tatsächlich fündig. Sogar schwarze, noch vor kurzem stattgefundene Hangabgänge, die das darunterliegende Eis dunkel färbten, konnten wir sehen und fotografisch festhalten. Dieses Thema ist gerade im Zusammenhang mit dem Mars auch immer wieder in der Literatur behandelt worden, wobei man sich hier oft nicht einig ist oder noch diskutiert, was auf dem Mars bei Temperaturen weit unter null Grad Celsius und geringem Atmosphärendruck durch flüssiges Wasser verursacht wird oder andere Ursachen haben könnte.

Weitere interessante Moränen wurden sichtbar, und wir mussten uns schon sehr konzentrieren, um alles fotografisch für die Dokumentation unserer Arbeit festhalten zu können. Denn die Schönheit seiner "Majestät", des Gletschers Priestley, zog uns immer wieder in ihren Bann. Das Farbenspiel zwischen gleißend weiß, weiß, blau und dünnen schwarzen Moränen und auch die schiere Länge, Breite und Größe des Gletschers waren sehr beeindruckend. Dazu kam heute noch eine ungewöhnlich weite Sicht, die unser Auge über die Hänge der Eisenhower-Range bis zu den höchsten Erhebungen im North Victoria-Land gleiten ließ. Überall glitzerten und reflektierten die verschiedenen Seitengletscher, Hauptgletscher und Gipfel in der Sonne. Durch den Sonnenstand am frühen Abend entstanden auch sehr schöne Schatten, die die Berge in einen optimalen Kontrast hervorhoben. Bei unserem Rückflug zur Station passierten wir, nachdem wir wie über einer überdimensionierten Autobahn den Priestley heruntergeflogen waren, einen Seitengletscher mit gewaltigen Spalten vor einem unserer früheren Arbeitsgebiete an der Black Ridge. Weiter ging es in Richtung des teilweise parallel zum Priestley verlaufenden sehr großen Campbell-Gletschers mit seinen großen Gletscherspalten, in denen mancher Helikopter sogar zweimal Platz hätte, und schließlich über die Gletscherkalbungszone, in der sich später in der Saison die Eisberge vom Gletscher lösen und ins Meer bis zur Station Gondwana treiben werden, sobald das See-Eis aufgetaut ist.

Quelle: DLR (CC-BY 3.0)
Sicht vom Tourmalin-Plateau auf die Eisenhower-Range.

Dort hatte Chris bereits eine Hühnchenpfanne, einen Gemüse-Chilli-Topf und Reis für mexikanische Tortillas zubereitet, sodass wir sofort zu Abend essen konnten. Dabei erfuhren wir von Chris, dass uns von der koreanischen Station Jang-Bogo deutsche Kollegen aus der Glaziologie besuchen würden, und das früher als gedacht. Sie wurden für 21:00 Uhr erwartet. Sie trafen dann in Begleitung ihres australischen Field Guide ein. Der Abend gestaltete sich dann sehr interessant. Die Glaziologen arbeiteten mit einem abbildenden Radarsystem, das über 14 Tage die Höhenänderungen und Fließgeschwindigkeit des Eises maß, Neigungsmessern (Tiltmeter) und GPS am Priestley-Gletscher, um die Gezeiten-bedingten Hebungen und Senkungen an der Nahtstelle des Gletschers zum sich anschließenden Nansen-Eisschelf zu untersuchen. Über die Modellierung der Spannungen und Deformationen an dieser Grounding Zone erlangen die Forscher wichtige Beiträge zur Erstellung einer Massenbilanz der Antarktis. Offensichtlich hatten die beiden deutschen Kollegen ihr Überwachungssystem genau gegenüber von Black Ridge, einem unserer Arbeitsgebiete, installiert. Wir berichteten unsererseits von unseren Arbeiten, und wie immer gestalteten sich gerade die Gespräche über Planetenforschung, Leben im All und das Universum überhaupt als ein sehr schönes Thema, um einen geselligen Abend zu verbringen. Leider wurde es aufgrund des Besuchs auch heute wieder sehr spät und wir hatten Mühe, unsere wichtigen E-Mails wegen der Verschiebung unseres Fluges aus der Antarktis zu senden, da nun offensichtlich auch Flugumbuchungen, zumindest für Ernst, notwendig waren. Hiernach begaben wir uns wieder mit den vielen Eindrücken und Erkenntnissen des Tages in unsere Zelte, um dann erschöpft beim Klang der Robben mit ihren heulenden Babys als auch den Schreien der Skuas einzuschlafen.

Weitere Bilder gibt es im Flickr-Album zur Expedition.

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Über den Autor

Jean-Pierre Paul de Vera ist seit 2009 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Planetenforschung tätig. Sein Hauptaufgabengebiet besteht in der Gruppenleitung der Astrobiologischen Labore "Planeten- und Marssimulation" sowie "Raman-Biosignaturen-Forschung“. Zudem gehören zu seinen Arbeitsfeldern auch die Planeten-analogen Feldstudien in Polarregionen und Wüstengebieten sowie die Leitung von ESA-Weltraumexperimenten wie zum Beispiel BIOMEX auf der ISS. zur Autorenseite