22. Januar 2015

Ko­met Chu­ryu­mov-Ge­r­asi­men­ko: Pech­schwarz und vol­ler Ge­gen­sät­ze

Dicht dran an Churyumov-Gerasimenko
Dicht dran an Chu­ryu­mov-Ge­r­asi­men­ko
Bild 1/4, Credit: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA.

Dicht dran an Churyumov-Gerasimenko

Die­ses Bild von Chu­ryu­mov-Ge­r­asi­men­ko zeigt den Ko­me­ten aus nur acht Ki­lo­me­tern Ent­fer­nung. Die OSI­RIS-Ka­me­ra der Ro­set­ta-Missi­on nahm das Ge­biet am Kopf des Ko­me­ten auf. Die Auf­lö­sung be­trägt 15 Zen­ti­me­ter/Pi­xel.
Abwechslungsreiche Oberfläche
Ab­wechs­lungs­rei­che Ober­flä­che
Bild 2/4, Credit: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA.

Abwechslungsreiche Oberfläche

Die Wis­sen­schaft­ler des OSI­RIS-Teams un­ter­teil­ten den Ko­me­ten Chu­ruy­mov-Ge­r­asi­men­ko in 19 un­ter­schied­li­che Re­gio­nen.
Ak­ti­vi­tät auf Chu­ryu­mov-Ge­r­asi­men­ko
Bild 3/4, Credit: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA.

Aktivität auf Churyumov-Gerasimenko

Die­se Auf­nah­me der OSI­RIS-Ka­me­ra vom 28. Au­gust 2014 zeigt ei­ne Ver­tie­fung auf dem Ko­me­ten Chu­ryu­mov-Ge­r­asi­men­ko, aus dem Gas aus­strömt. Er­kenn­bar wird dies in der rech­ten Auf­nah­men mit ver­stärk­tem Kon­trast. Auf­ge­nom­men wur­de das Bild aus 60 Ki­lo­me­tern Ent­fer­nung mit ei­ner Auf­lö­sung von ei­nem Me­ter/Pi­xel.
Gän­se­haut auf dem Ko­me­ten
Bild 4/4, Credit: ESA/Rosetta/MPS for OSIRIS Team MPS/UPD/LAM/IAA/SSO/INTA/UPM/DASP/IDA.

Gänsehaut auf dem Kometen

Nah­auf­nah­men mit der OSI­RIS-Ka­me­ra zei­gen Gän­se­haut-ähn­li­che Struk­tu­ren auf dem Ko­me­ten Chu­ruy­mov-Ge­r­asi­men­ko. Die et­wa drei Me­ter großen Struk­tu­ren sind an sehr stei­len Hän­gen und Klip­pen zu fin­den. Der Ent­ste­hungs­pro­zess muss noch un­ter­sucht und er­klärt wer­den.

Noch stehen die Wissenschaftler der Kometenmission Rosetta am Anfang mit ihrer Auswertung aller Daten, die die insgesamt 21 Instrumente auf Muttersonde und Lander Philae aus dem All gesendet haben. Für sieben der elf Instrumente auf der Rosetta-Sonde erscheinen nun erste Ergebnisse in einer Sonderausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Science". Der extrem dunkle Komet Churyumov-Gerasimenko zeigt sich dabei als sehr heterogener Körper mit einer abwechslungsreichen Oberfläche, einer Koma mit Variationen und Gänsehaut-ähnlichen Strukturen, die die Forscher noch nicht erklären können. "Zurzeit analysieren und diskutieren wir bereits die nächsten Daten", sagt DLR-Kometenforscher Dr. Ekkehard Kührt, der die wissenschaftlichen Beteiligungen des DLR an der Rosetta-Mission leitet. "Churyumov-Gerasimenko hat noch Vieles, was es zu entschlüsseln gilt."

Komet Churyumov-Gerasimenko gehört zur den dunkelsten Objekten in unserem Sonnensystem - die Reflexion des Sonnenlichts, die das Spektrometer VIRTIS (Visible, Infrared and Thermal Imaging Spectrometer) festgestellt hat, beträgt gerade einmal sechs Prozent. Dies könnte daran liegen, dass die Oberfläche des Kometen mit dunklen Materialien wie Eisensulfide, dunkle Silikate und kohlenstoffreichen Verbindungen angereichert ist. "Sehr wahrscheinlich ist auch nur wenig oder überhaupt kein Wassereis an der unmittelbaren Oberfläche des Kometenkerns", sagt DLR-Wissenschaftlerin Dr. Gabriele Arnold vom VIRTIS-Team. "Es ist aber zweifelsohne im Inneren Wassereis vorhanden." Bei seiner Reise durch das Sonnensystem hat Churyumov-Gerasimenko wohl einen Großteil des Wassereises in seinen äußeren Schichten durch Sublimation verloren.

Nachweis organischer Verbindungen

"Eine der interessantesten Entdeckungen ist aber der Nachweis von langkettigen Kohlenwasserstoffverbindungen", sagt die Planetenforscherin. Damit konnte die Existenz solcher organischen Verbindungen - Vorläufer von Aminosäuren - auf einer Kometenoberfläche festgestellt werden. Von der Erde aus ist dies nicht möglich. "Die Bildung solcher Verbindungen erfordert komplexe Reaktionen unter Wirkung von UV- oder kosmischer Strahlung bei tiefen Temperaturen, wie sie nur in den äußeren Regionen des Sonnensystems jenseits des Neptunorbits vorherrschen." Churyumov-Gerasimenko könnte für die Planetenforscher somit ein Blick in die frühen Phasen unseres Sonnensystems bedeuten.

Koma je nach Tageszeit

Dass vor allem Wasser, Kohlendioxid und Kohlenmonoxid die Koma des Kometen bilden, ergaben die Messungen mit ROSINA, einem Massenspektrometer, das Moleküle und Ionen selbst im Hochvakuum der Kometenkoma mit höchster Empfindlichkeit nachweisen kann. "Interessant ist, dass sich das Massenverhältnis dieser drei Bestandteile über einen Kometentag hinweg stark ändert", erläutert DLR-Kometenforscher Dr. Ekkehard Kührt aus dem ROSINA-Wissenschaftlerteam. Während der Rotation des Kometen erfasste das Massenspektrometer mal einen deutlich höheren Anteil an Wassermolekülen, mal ein höheren Anteil an Kohlendioxid-Molekülen. "Das deutet darauf hin, dass die Eise, aus denen die Gasmoleküle stammen, ungleich im Kern verteilt sind." Im weiteren Verlauf der Mission soll herausgefunden werden, ob diese Heterogenität ein Ergebnis der Entstehung des Kometen vor vielen Milliarden Jahre ist oder ob spätere Differenzierungsprozesse dafür verantwortlich sind.

Dünen und Gänsehaut-Buckel

Die Auswertung der OSIRIS-Kamera zeigte, wie unterschiedlich die verschiedenen Regionen des Kometen strukturiert sind. Rund 70 Prozent der Kometenoberfläche sind bereits erfasst worden - die bisher noch nicht abgebildete südliche Hemisphäre ist noch nicht ausreichend beleuchtet. Insgesamt unterschiedliche 19 Regionen stellten die Wissenschaftler fest und benannten sie nach ägyptischen Gottheiten. Grob kategorisiert ergaben sich bei der Auswertung der Kamera-Bilder fünf dominierende verschiedene Oberflächentypen: die staubbedeckten Gebiete, bröckeliges Material, großflächige Vertiefungen, glattes Gelände und freiliegende kompakte Strukturen. "Die Oberfläche des Kometen ist extrem abwechslungsreich und keineswegs einheitlich", sagt DLR-Kometenforscher Kührt. Zu sehen sind auf den OSIRIS-Aufnahmen auch dünenähnliche Wellen oder auch Gänsehaut-ähnliche Erhöhungen mit einem Durchmesser von rund drei Metern - deren Entstehungsprozess muss allerdings noch untersucht und erklärt werden.

Rätselhafter "Körperbau"

Rätselhaft bleibt auch noch die Entstehung des ungewöhnlich geformten Kometenkörpers. Der entenähnliche Churyumov-Gerasimenko hat einen Kopf sowie einen größeren Körper - beide Bestandteile sind mit einem schmalen Hals miteinander verbunden. Es könnte sein, dass zwei einzelne Kometen aneinander geschwebt und eine Einheit gebildet haben. Möglich wäre aber auch, dass der dünne Hals durch Erosion entstanden ist und so aus einem Kometen scheinbar zwei "Körperteile" entstanden sind. Deutlich ist bisher auf den OSIRIS-Bildern zu sehen, dass der Grat zwischen den beiden Kometenteilen die bisher aktivste Zone ist, in der Gas ausströmt und Staubteilchen ins All reißt.

"Wir werden die bisher erfassten Daten von der Annäherung, dem Orbit und der Landung weiterhin analysieren und sicherlich noch mehr über Churyumov-Gerasimenko und somit über die Entstehung unseres Sonnensystems erfahren", ist sich Kometenforscher Dr. Ekkehard Kührt vom DLR-Institut für Planetenforschung sicher.

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