12. Oktober 2018

Viel Ge­röll, vie­le Stei­ne, kein Staub: MAS­COTs Zick­zack­kurs über den Aste­ro­iden Ryu­gu

Anflug von MASCOT auf Ryugu und der Weg über die Oberfläche
An­flug von MAS­COT auf Ryu­gu und der Weg über die Ober­flä­che
Bild 1/5, Credit: JAXA/U Tokyo/Kochi U/Rikkyo U/Nagoya U/ Chiba Inst Tech/Meiji U/U Aizu/AIST.

Anflug von MASCOT auf Ryugu und der Weg über die Oberfläche

Nach dem Her­aus­schie­ben von MAS­COT aus der La­de­bucht ver­folg­te das Auf­nah­me­sys­tem ONC (Op­ti­cal Na­vi­ga­ti­on Ca­me­ra) von Ha­ya­bu­sa2 mit sei­nen drei Ka­me­ras zu­nächst den Ab­stieg von MAS­COT aus 51 Me­tern Hö­he über dem Aste­ro­iden Ryu­gu. Der Bild­aus­schnitt ist nach Nor­den aus­ge­rich­tet, das ge­zeig­te Ge­biet be­fin­det sich et­wa bei 300 Grad öst­li­cher Län­ge und 30 Grad süd­li­cher Brei­te. Rechts un­ten ist der Schat­ten von Ha­ya­bu­sa2 zu se­hen, zum Zeit­punkt der Se­pa­ra­ti­on war es et­wa Mit­tag auf Ryu­gu und die Son­ne stand hin­ter Ha­ya­bu­sa2 – der Schat­ten ist et­wa sechs Me­ter mal vier­ein­halb Me­ter groß.
Die mar­kier­ten Punk­te ge­ben die Zeit­punk­te an, zu de­nen Ha­ya­bu­sa2 Auf­nah­men von MAS­COT ge­macht hat. Die Zeit­an­ga­ben sind in UTC (ko­or­di­nier­te Welt­zeit , MESZ mi­nus zwei Stun­den), die ers­te Auf­nah­me er­folg­te 01 Uhr 59 und 40 Se­kun­den UTC (03:59:40 MESZ). Die gel­be Li­nie mar­kiert die Po­si­tio­nen, an de­nen MAS­COT noch im Ab­stieg auf Ryu­gu war und in den ONC-Fo­tos iden­ti­fi­ziert wer­den konn­te. Die blaue Li­nie un­ter der gel­ben Li­nie ist die Pro­jek­ti­on die­ser Po­si­tio­nen auf die As­te­roi­deno­ber­flä­che – MAS­COT leg­te al­so ei­ne ge­rad­li­ni­ge Flug­rou­te zu­rück und be­rühr­te et­wa um 02 Uhr 23 und 24 Se­kun­den UTC auf ei­nem großen kan­ti­gen Block den Bo­den. Von dort hüpf­te der As­te­roi­den­lan­der ent­lang der ge­krümm­ten ho­ri­zon­ta­len Li­nie in Rich­tung Ost­nord­ost und wur­de auch dann im­mer wie­der von der ONC fest­ge­hal­ten. Et­wa um 02 Uhr 14 Mi­nu­ten und 04 Se­kun­den UTC fand MAS­COT sei­nen ers­ten Ru­he­platz. Ha­ya­bu­sa2 stieg in­zwi­schen wie­der auf ei­nen hö­he­ren Be­ob­ach­tungs­platz über Ryu­gu auf, so dass es we­gen der ge­rin­ge­ren Bild­auf­lö­sung schwie­ri­ger wur­de, MAS­COT in den Bil­dern zu iden­ti­fi­zie­ren. Am zwei­ten As­te­roi­den­tag wur­de MAS­COTs Be­we­gungs­me­cha­nis­mus ak­ti­viert und auf ei­nem wei­te­ren Fo­to ist der Lan­der am 4. Ok­to­ber um 00 Uhr 55 Mi­nu­ten und 09 Se­kun­den UTC zu se­hen.
MASCOT-Aufnahme der Südpolregion Ryugus kurz nach dem Abtrennen
MAS­COT-Auf­nah­me der Süd­pol­re­gi­on Ryu­gus kurz nach dem Ab­tren­nen
Bild 2/5, Credit: JAXA/U Tokyo/Kochi U/Rikkyo U/Nagoya U/ Chiba Inst Tech/Meiji U/U Aizu/AIST (links); MASCOT/DLR/JAXA (rechts).

MASCOT-Aufnahme der Südpolregion Ryugus kurz nach dem Abtrennen

Das rech­te Bild zeigt die ers­te Auf­nah­me des am DLR ent­wi­ckel­ten MAS­CAM-Auf­nah­me­sys­tems wäh­rend des Ab­stiegs von Ha­ya­bu­sa2 - kurz nach dem Ab­tren­nen des Lan­de­mo­duls in 51 Me­tern Hö­he in Blick­rich­tung Süd­pol. Im Über­sichts­bild links, das mit der Weit­win­kel­ka­me­ra des Ka­me­ra­sys­tems ONC (Op­ti­cal Na­vi­ga­ti­on Ca­me­ra) von Ha­ya­bu­sa2 auf­ge­nom­men wur­de, ist das von MAS­CAM er­fass­te Ge­biet als of­fe­nes Drei­eck ein­ge­zeich­net. Be­son­ders auf­fal­lend ist ein rie­si­ger Block in der Nä­he des Süd­pols, der mar­kant über die Ho­ri­zont­li­nie her­aus­ragt und von den Wis­sen­schaft­lern "South Po­lar Rock" ge­tauft wur­de. Er dürf­te meh­re­re Dut­zend, viel­leicht so­gar bis zu 100 Me­ter groß sein.
MASCOT-Aufnahme in Richtung Osten während des Abstiegs auf Ryugu
MAS­COT-Auf­nah­me in Rich­tung Os­ten wäh­rend des Ab­stiegs auf Ryu­gu
Bild 3/5, Credit: JAXA/U Tokyo/Kochi U/Rikkyo U/Nagoya U/ Chiba Inst Tech/Meiji U/U Aizu/AIST (links); MASCOT/DLR/JAXA (rechts).

MASCOT-Aufnahme in Richtung Osten während des Abstiegs auf Ryugu

Die zwei­te Auf­nah­me des am DLR ent­wi­ckel­ten MAS­CAM-Auf­nah­me­sys­tems ist nach schräg un­ten auf den Aste­ro­iden Ryu­gu ge­rich­tet und er­fasst Ge­bie­te öst­lich der Ab­stiegs­rou­te. In der Über­sichts­auf­nah­me der Weit­win­kel­ka­me­ra des Ka­me­ra­sys­tems ONC (Op­ti­cal Na­vi­ga­ti­on Ca­me­ra) von Ha­ya­bu­sa2 ist das von MAS­CAM er­fass­te Ge­biet als of­fe­nes Tra­pez ein­ge­zeich­net. Durch den Ver­gleich mit der ers­ten Auf­nah­me war so­mit klar, dass sich MAS­COT wie er­war­tet tur­bu­lent auf Ryu­gu zu­be­wegt hat, al­so Dre­hun­gen und Über­schlä­ge aus­ge­führt hat.
In bei­den Auf­nah­men ist ein rie­si­ger Fels­block zu se­hen, der im MAS­CAM-Bild den öst­li­chen (rech­ten) Bild­rand ein­nimmt und meh­re­re Zeh­ner­me­ter in der Längs­aus­deh­nung ist. Links un­ten ist der Schat­ten von MAS­COT zu se­hen, den die hin­ter der Lan­des­on­de ste­hen­de Son­ne auf die As­te­roi­deno­ber­flä­che wirft: MAS­COT hat ei­ne Längs­aus­deh­nung von 30 Zen­ti­me­tern. Ryu­gu ist ein Kör­per oh­ne At­mo­sphä­re, des­halb wer­den die Um­ris­se von MAS­COT (rechts) und Ha­ya­bu­sa2 (links) ge­sto­chen scharf als Schat­ten auf die As­te­roi­deno­ber­flä­che pro­ji­ziert.
Die vierte MASCOT-Aufnahme während des Abstiegs auf Ryugu
Die vier­te MAS­COT-Auf­nah­me wäh­rend des Ab­stiegs auf Ryu­gu
Bild 4/5, Credit: JAXA/U Tokyo/Kochi U/Rikkyo U/Nagoya U/ Chiba Inst Tech/Meiji U/U Aizu/AIST (links); MASCOT/DLR/JAXA (rechts).

Die vierte MASCOT-Aufnahme während des Abstiegs auf Ryugu

Vor dem ers­ten Kon­takt mit ei­nem grö­ße­ren Stein auf Ryu­gu fo­to­gra­fier­te die DLR-Ka­me­ra MAS­CAM das Ge­biet der Ab­stiegs­rou­te mit rück­wärts­ge­wand­tem Blick. In der Über­sichts­auf­nah­me der Weit­win­kel­ka­me­ra des Ka­me­ra­sys­tems ONC (Op­ti­cal Na­vi­ga­ti­on Ca­me­ra) von Ha­ya­bu­sa2 ist das von MAS­CAM er­fass­te Ge­biet als of­fe­nes Tra­pez ein­ge­zeich­net.
Die Landestellenumgebung kurz nach dem ersten Bodenkontakt
Kurz nach dem ers­ten Bo­den­kon­takt: Die Lan­des­tel­le­num­ge­bung
Bild 5/5, Credit: JAXA/U Tokyo/Kochi U/Rikkyo U/Nagoya U/ Chiba Inst Tech/Meiji U/U Aizu/AIST (links); MASCOT/DLR/JAXA (rechts).

Kurz nach dem ersten Bodenkontakt: Die Landestellenumgebung

Die fünf­te Auf­nah­me des am DLR ent­wi­ckel­ten MAS­CAM-Auf­nah­me­sys­tems (rechts) ent­stand kurz nach dem ers­ten Bo­den­kon­takt aus we­ni­gen Me­tern Hö­he über der Ober­flä­che von Ryu­gu. Die Blick­rich­tung ist nach Nord­wes­ten ge­rich­tet und be­fin­det sich zwi­schen den bei­den wei­ßen Be­gren­zungs­li­ni­en im Über­sichts­bild (links) der Weit­win­kel­ka­me­ra des Ka­me­ra­sys­tems ONC (Op­ti­cal Na­vi­ga­ti­on Ca­me­ra) von Ha­ya­bu­sa2. Wie auch schon in den Auf­nah­men aus grö­ße­rer Hö­he ist auch in un­mit­tel­ba­rer Nä­he des Bo­dens kein Fein­ma­te­ri­al zu se­hen, so­ge­nann­ter Re­go­lith, der auf at­mo­sphä­re­lo­sen Kör­pern durch die per­ma­nen­te Aus­ge­setzt­heit ge­gen­über ener­gie­rei­chen Par­ti­keln aus dem Welt­all oder Mi­kro­me­teo­ri­ten durch die Ver­wit­te­rung grö­be­ren Ma­te­ri­als zu Staub ent­steht. Statt­des­sen ist das Ge­biet ex­trem zer­klüf­tet und vol­ler scharf­kan­ti­ger Blö­cke. Die Lan­des­tel­le­num­ge­bung er­in­nert an den Lan­deort Aby­dos der Raum­son­de Phil­ae, die am 12. No­vem­ber 2014 von der Raum­son­de Ro­set­ta auf dem Ko­me­ten 67P/Chu­ryu­mov-Ge­r­asi­men­ko ab­ge­setzt wur­de.
  • Den Weg, den MASCOT auf der Oberfläche von Ryugu zurücklegte, konnten die Wissenschaftler nun anhand von der Bildern und Daten der Muttersonde Hayabusa2 sowie des Landers nachvollziehen.
  • Noch nie zuvor in der Geschichte der Raumfahrt wurde ein Körper des Sonnensystems auf diese Art und Weise erforscht.
  • Schwerpunkt(e): Raumfahrt, Exploration

Sechs Minuten freier Fall, sanfter Aufprall auf einem Stein und dann elf Minuten wiederholtes abprallen bis zur ersten Ruhelage. So begann die Reise des Asteroidenlanders MASCOT am frühen Morgen des 3. Oktober 2018 auf Asteroid Ryugu, einem Land voller Überraschungen, Geheimnissen und Herausforderungen. Nach diesem ersten Weg auf dem knapp 900 Meter großen Asteroiden folgten rund 17 Stunden intensiver wissenschaftlicher Erkundung. Hierzu wurde die Landesonde vom MASCOT-Kontrollraum am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln in Anwesenheit von Wissenschaftlerteams aus Deutschland, Frankreich und Japan kommandiert und gesteuert. MASCOT übertraf alle Erwartungen und führte seine vier Experimente an mehreren Stellen auf dem Asteroiden aus. Noch nie zuvor in der Geschichte der Raumfahrt wurde ein Körper des Sonnensystems auf diese Art und Weise erforscht. Der Weg, den MASCOT dabei auf der Oberfläche zurücklegte, konnte nun anhand von Bilddaten der japanischen Sonde Hayabusa2 sowie der Bilder und Daten von MASCOT genau nachvollzogen werden.

"Robotische Spitzentechnologie, eine langfristige Planung in vielen Details und eine intensive internationale Kooperation zwischen den Wissenschaftlern und Ingenieuren der drei Raumfahrtnationen Japan, Frankreich und Deutschland haben diesen Erfolg erst möglich gemacht", sagt Prof. Hansjörg Dittus, DLR-Vorstand für Raumfahrtforschung und -technologie über diesen Meilenstein der Erforschung des Sonnensystems. "Wir sind stolz darauf, wie MASCOT seinen Weg auf dem Asteroiden Ryugu über Geröll und Steine gemeistert hat und dabei so viele Daten über die Zusammensetzung zur Erde zurücksenden konnte", freut sich die DLR-Vorstandsvorsitzende Prof. Pascale Ehrenfreund.

MASCOT hat kein Antriebssystem und landete im freien Fall. Sechs Minuten nach dem Abtrennen von Hayabusa2 berührte das Landemodul am Ende einer ballistischen Flugbahn zum ersten Mal den Boden des Asteroiden Ryugu. Auf der Oberfläche bewegte sich MASCOT mit einer Schwungmasse aus Wolfram am Ende eines eingebauten rotierenden Schwungarms fort. So konnte MASCOT auf die "richtige" Seite gedreht werden und sogar Sprünge auf der Asteroidenoberfläche vollführen. Ryugu hat nur ein 66.500stel der Anziehungskraft der Erde, sodass der kleine Schwung hierfür ausreichte: Eine technische Innovation für eine ungewöhnliche Form der Mobilität auf einer Asteroidenoberfläche, die im Rahmen der Mission Hayabusa2 zum ersten Mal in der Geschichte der Raumfahrt zum Einsatz kam.

Durch einen Steingarten voller kantiger Blöcke und ohne ebene Flächen

Um den Weg von MASCOT über die Oberfläche von Ryugu rekonstruieren zu können, waren die Augen der Kameras an Bord der Muttersonde Hayabusa2 auf den Asteroiden gerichtet. Die Optical Navigation Camera (ONC) hielt den freien Fall von MASCOT in mehreren Bildern fest, sah den Schatten, den das Experimentpaket während der Flugphase auf den Boden warf und identifizierte den ruhenden MASCOT schließlich in mehreren Bildern direkt auf der Oberfläche. Das Muster der unzähligen auf der Oberfläche verteilten Blöcke war auch in Schrägaufnahmen der Kamera MASCAM aus der Landesonde heraus in Richtung des jeweiligen Horizonts zu erkennen. Die Kombination dieser Informationen entschlüsselte den einzigartigen Pfad der Landesonde.

Nach dem ersten Auftreffen prallte MASCOT sanft von einem großen Block ab, berührte noch etwa acht Mal den Boden und fand sich dann in einer zunächst für die Messungen ungünstigen Ruhelage wieder. Nach der Kommandierung und Ausführung eines eigens eingeleiteten Korrektur-Hüpfers kam MASCOT ein zweites Mal zum Stillstand. Die genaue Position dieses zweiten Ortes wird derzeit noch ermittelt. Dort wurden die ausführlichen Messungen über einen Asteroidentag und eine Asteroidennacht hinweg absolviert. Es folgte ein kleiner "Mini Move", um dem Spektrometer MicrOmega noch bessere Bedingungen für die Messung der Zusammensetzung des Asteroidenmaterials zu ermöglichen.

Schließlich wurde MASCOT ein letztes Mal in Bewegung gesetzt für einen größeren Sprung. Dort am letzten Ort führte er noch einige Messungen durch, bevor die dritte Nacht anbrach und der Kontakt zu Hayabusa2 abbrach. Das Raumschiff hatte sich aus der Sichtlinie bewegt. Um 21.04 Uhr erreichte das letzte Signal von MASCOT die Muttersonde Hayabusa2. Die Mission war beendet. "Wir rechneten wegen der kalten Nacht damit, dass es weniger als 16 Stunden Batterielaufzeit werden würden", sagt MASCOT-Projektleiterin Dr. Tra-Mi Ho vom DLR-Institut für Raumfahrtsysteme. "Schließlich konnten wir MASCOT aber sogar bis zum einsetzenden Funkschatten mehr als eine Stunde länger betreiben, ein toller Erfolg." MASCOT und das Landegebiet wurden von den Wissenschaftlern noch während der Mission nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Lewis Carroll (1832 bis 1898) als "Alice‘s Wonderland" getauft.

Tatsächliches Wunderland

Nach der exakten Rekonstruktion und Lokalisierung der Ereignisse sind die Wissenschaftler nun damit beschäftigt, erste Ergebnisse aus den Messdaten und Bildern herauszulesen. "Was wir aus der Distanz gesehen haben, hat uns schon eine Ahnung gegeben, wie es auf der Oberfläche aussehen könnte", berichtet Prof. Ralf Jaumann vom DLR-Institut für Planetenforschung und wissenschaftlicher Leiter der MASCOT-Mission. "Tatsächlich ist es am Boden aber noch viel verrückter, als erwartet. Alles ist von groben Blöcken, und Geröll übersät. Wie kompakt diese Blöcke sind und welche Zusammensetzung sie haben, das wissen wir noch nicht. Vor allem aber: Fast nirgendwo sind größere Ansammlungen feinen Materials zu sehen, und das haben wir gar nicht erwartet. Das müssen wir in den nächsten Wochen noch ganz genau untersuchen, da die kosmische Verwitterung eigentlich feines Material erzeugen müsste", so Jaumann weiter.

"MASCOT hat genau das gebracht, was wir uns an Daten erhofft haben: Eine 'Verlängerung' des Arms der Experimente auf der Raumsonde bis auf den Boden von Ryugu und direkte Messungen vor Ort", sagt Dr. Tra-Mi Ho. Nun gibt es über die ganze Skala von Teleskop-Lichtkurven von der Erde über die Fernerkundung mit Hayabusa2 bis zum mikroskopischen Befund von MASCOT Messdaten. "Das wird für die Charakterisierung dieser Klasse von Asteroiden von enormer Bedeutung sein", unterstreicht Prof. Ralf Jaumann.

Ryugu ist ein sogenannter C-Klasse-Asteroid, ein als kohlenstoffreich eingeschätzter Vertreter der ältesten Körper des viereinhalb Milliarden Jahre alten Sonnensystems: ein "Urbaustein" der Planetenentstehung und in diesem Falle auch einer von 17.000 bekannten erdbahnkreuzenden Asteroiden.

Auf der Erde gibt es einige Meteoriten, die eine Zusammensetzung haben, die auch für Ryugu angenommen wird, beispielsweise gefunden in der Murchison Range/Australien. Dr. Matthias Grott vom DLR-Institut für Planetenforschung und verantwortlich für das Radiometerexperiment MARA ist jedoch skeptisch, ob diese Meteoriten bezüglich ihrer physikalischen Eigenschaften tatsächlich repräsentativ für Ryugu sind: "Meteoriten wie der in Murchison gefundene sind recht massiv. Unsere MARA-Daten deuten allerdings darauf hin, dass wir es auf Ryugu eher mit etwas poröserem Material zu tun haben. Die Untersuchungen stehen erst ganz am Anfang, aber es ist plausibel anzunehmen, dass kleine Bruchstücke von Ryugu den Eintritt in die Erdatmosphäre nicht intakt überstehen würden."

Über die Mission Hayabusa2 und MASCOT

Hayabusa2 ist eine Weltraummission der japanischen Raumfahrtagentur JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) zum erdnahen Asteroiden Ryugu. Der deutsch-französische Lander MASCOT an Bord von Hayabusa2 wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und gebaut in enger Kooperation mit der französischen Raumfahrtagentur CNES (Centre National d'Études Spatiales). Die wissenschaftlichen Experimente an Bord von MASCOT sind Beiträge des DLR, des Institut d'Astrophysique Spatiale und der Technischen Universität Braunschweig. Betrieb und Steuerung des MASCOT-Landers und seiner Experimente erfolgen durch das DLR mit Unterstützung der CNES und in kontinuierlichem Austausch mit der JAXA.

Das DLR-Institut für Raumfahrtsysteme in Bremen entwickelte federführend zusammen mit CNES den Lander und testete ihn. Das DLR-Institut für Faserverbundleichtbau und Adaptronik in Braunschweig war für die stabile Struktur des Landers zuständig. Das DLR Robotik und Mechatronik Zentrum in Oberpfaffenhofen entwickelte den Schwungarm, der MASCOT auf dem Asteroiden hüpfen lässt, und passt dessen Bewegungen mithilfe der neuesten Messungen von Hayabusa2 an die Eigenschaften von Ryugu an. Das DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin steuerte die Kamera MASCAM und das Radiometer MARA bei. Überwacht und betrieben wird der Asteroidenlander aus dem MASCOT-Kontrollzentrum im Nutzerzentrum für Weltraumexperimente (MUSC) am DLR-Standort Köln.

MASCOTs 17 Stunden und 7 Minuten auf Ryugu

Zeitpunkt (MESZ)Ereignis
03:57:21MASCOT wird in einer Höhe von 51 Metern über Ryugu von einem Bolzen hinter einer Abstoßplatte aus seiner Ladebucht in der Raumsonde Hayabusa2 mit ca. 4 Zentimetern pro Sekunde geschoben und schwebt antriebslos und ohne Kontrolle der Bodenstationen auf Ryugu zu.
04:03Nach ca. 6 Minuten hat MASCOT mit einem etwa 3-4 Meter großen Steinblock einen ersten Bodenkontakt mit Ryugu. Die Optical Navigation Camera (ONC) von Hayabusa2 hält den Ablauf in hochauflösenden Bildern fest. Gleichzeitig nimmt die DLR-Kamera MASCAM den Asteroiden während des Abstiegs in 20 Bilder auf. Das festgelegte Landegebiet MA9 (= "Alice’s Wunderland") wird genau getroffen und befindet sich etwa bei 300 Grad östlicher Länge und 30 Grad südlicher Breite.
um ca. 04:34 am 1. StandortNach weiteren ca. 31 Minuten und mehreren Bodenkontakten hat MASCOT seine erste Ruheposition erreicht. Auf dem Asteroiden herrscht an der Landestelle Tag und die Surface Messungen starten.
ca. 06:30Im DLR-Kontrollzentrum in Köln wird erkannt, dass MASCOT auf dem Rücken liegt und so seine geplanten Experimente nicht durchführen kann. Alle Systeme und Experimente arbeiten wie vorgesehen.
ca. 09:20Von der Erde wird außerplanmäßig ein Kommando an Hayabusa2 und von dort zu MASCOT gesendet, den Schwungarm zu aktivieren, um den Lander in seine für die Experimente vorgesehene Position zu drehen. Die Laufzeit zur etwa 300 Millionen Kilometer entfernten Mission beträgt ungefähr 18 Minuten für die einfache Strecke.
ca. 09:52MASCOT hat seinen ersten Tag-und-Nacht-Zyklus hinter sich. Der zweite Tag auf Ryugu beginnt.
um ca. 10:30 am 2. StandortDas Manöver hat das gewünschte Ergebnis gebracht. MASCOT liegt in der richtigen Lage, ist nun einsatzfähig und beginnt automatisch wieder seine vier Experimente durchzuführen.
ca. 12:51Die zweite Tageslichtphase auf Ryugu geht langsam zu Ende und MASCOT rotiert mit Ryugu in seine zweite Nacht.
ca. 17:28Für MASCOT beginnt der dritte Tag auf Ryugu.
um ca. 18:29 am 3. StandortMASCOT führt erfolgreich einen "Mini-Move" aus. Dieses Manöver wurde vom Operationsteam in Köln kommandiert, um die Lage der Sensoren der Experimente zu optimieren. Weitere wissenschaftliche Untersuchungen erfolgen.
um ca. 20:04 am 4. StandortDer letzte Sprung wurde an MASCOT kommandiert und der Lander begibt sich in die "End of Life"-Phase. Weitere wissenschaftliche Untersuchungen werden durchgeführt.
21:04

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