15. Oktober 2021
NASA-Asteroidenmission mit ganz neuen Zielen

Mit Lu­cy zu den Tro­ja­nern und Hel­le­nen

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NASA-Raumsonde Lucy bei den Trojaner-Asteroiden
NA­SA-Raum­son­de Lu­cy bei den Tro­ja­ner-Aste­ro­iden
Bild 1/8, Credit: Southwest Research Institute

NASA-Raumsonde Lucy bei den Trojaner-Asteroiden

Mit der Missi­on Lu­cy sol­len zum ers­ten Mal Aste­ro­iden aus der Fa­mi­lie der „Ju­pi­ter-Tro­ja­ner“ er­forscht wer­den. Da­bei han­delt es sich um Pla­ne­to­iden, die sich an zwei Punk­ten vor und hin­ter dem Gas­rie­sen an­ge­sam­melt ha­ben, an de­nen sich die Schwer­kraft von Ju­pi­ter und Son­ne auf­hebt, so­ge­nann­ten La­gran­ge-Punk­ten. Nach dem Start am 16. Ok­to­ber 2021 wird die NA­SA-Raum­son­de 2027 am L4-Punkt auf der Ju­pi­ter­bahn an­kom­men und bis 2028 hin­ter­ein­an­der, wie in die­ser künst­le­ri­schen Dar­stel­lung vor­weg­ge­nom­men, fünf Tro­ja­ner-Aste­ro­iden aus der Nä­he be­ob­ach­ten. Nach ei­ner Rück­kehr ins in­ne­re Son­nen­sys­tem wird Lu­cy schließ­lich 2033 ein Sys­tem aus zwei bi­nären Aste­ro­iden am L5-Punkt un­ter­su­chen.
„Trojaner“ und „Hellenen“ auf der Jupiterbahn
„Tro­ja­ner“ und „Hel­le­nen“ auf der Ju­pi­ter­bahn
Bild 2/8, Credit: NASA/JPL-Caltech

„Trojaner“ und „Hellenen“ auf der Jupiterbahn

Be­ob­ach­tun­gen der letz­ten Jah­re zei­gen, dass die „Tro­ja­ner-Aste­ro­iden“, die die Son­ne in der glei­chen Um­lauf­bahn wie Ju­pi­ter um­krei­sen, ein­heit­li­che, sehr dunk­le Ober­flä­chen mit ei­nem Hauch ei­ner Rot­fär­bung und ver­gleichs­wei­se mat­te Ober­flä­chen ha­ben, die we­nig Son­nen­licht re­flek­tie­ren. Die Er­geb­nis­se sind in die­ser künst­le­ri­schen Dar­stel­lung fest­ge­hal­ten, die so­wohl die dem Ju­pi­ter vor­aus­ei­len­den Aste­ro­iden, die „Hel­le­nen“, wie auch die dem Rie­sen­pla­ne­ten hin­ter­her lau­fen­den Aste­ro­iden aus dem „Tro­ja­ner-La­ger“ ent­lang der Um­lauf­bahn des Pla­ne­ten zeigt. Die Rot­fär­bung er­in­nert an stick­stoff­hal­ti­ge Ver­bin­dun­gen, die auf ei­ni­gen Kör­pern des äu­ße­ren Son­nen­sys­tems nach­ge­wie­sen wur­den, den Tho­li­nen. Be­ob­ach­tun­gen im Rah­men des Pro­jekts WI­SE be­stä­tig­ten auch die frü­he­re Ver­mu­tung, dass es mehr Aste­ro­iden in der füh­ren­den Grup­pe von Tro­ja­nern (in der Fer­ne zu se­hen) gibt als in der nach­fol­gen­den Grup­pe.
500 Watt für Lucy
500 Watt für Lu­cy
Bild 3/8, Credit: Lockheed Martin

500 Watt für Lucy

In Ent­fer­nun­gen von 700 bis 800 Mil­lio­nen Ki­lo­me­ter zur Son­ne – die Ju­pi­ter­bahn ist wie die Bahn al­ler Pla­ne­ten nicht per­fekt kreis­för­mig, son­dern hat den Um­riss ei­ner El­lip­se – be­trägt die Leis­tungs­dich­te der Son­nen­strah­lung nur noch durch­schnitt­lich 12,6 Watt pro Qua­drat­me­ter. Zum Ver­gleich: die Er­de emp­fängt 1361 Watt pro Qua­drat­me­ter, al­so et­wa das Hun­dert­fa­che an Son­nen­ener­gie. Da­mit ei­ne Raum­son­de wie Lu­cy in die­sen Ent­fer­nun­gen zur Son­ne noch mit So­lar­strom be­trie­ben wer­den kann (was noch vor zwei Jahr­zehn­ten tech­nisch nicht mög­lich war), be­nö­tigt sie zwei sehr große So­lar­pa­ne­le von je­weils 7,3 Me­tern Durch­mes­ser. An den am wei­tes­ten von der Son­ne ent­fern­ten Punk­ten der Missi­on ver­sor­gen sie die Raum­son­de mit ei­ner Leis­tung von 504 Watt.
Eine Flugbahn wie niemals zuvor
Ei­ne Flug­bahn wie nie­mals zu­vor
Bild 4/8, Credit: SWRI/DLR

Eine Flugbahn wie niemals zuvor

Nach dem Start wird Lu­cy zu­nächst durch zwei na­he Vor­beiflü­ge an der Er­de, so­ge­nannt Swing-By-Ma­nö­ver, Schwung ho­len für den Weg durch den As­te­roi­den­gür­tel bis zum Ziel, den Tro­ja­nern auf der Ju­pi­ter­bahn. Zu­vor wird Lu­cy im April 2025 den Aste­ro­iden Do­nald­jo­han­son pas­sie­ren und un­ter­su­chen. 2027 wird die Son­de bei den Tro­ja­ner-Aste­ro­iden an­kom­men, die dem Ju­pi­ter am La­gran­ge-Punkt 4 vor­aus­lau­fen, dem „grie­chi­schen La­ger“. Dort fin­den vier Na­hun­ter­su­chun­gen von Aste­ro­iden statt. 2028 führt der Weg von Lu­cy zu­rück zur Er­de, wo die Son­de durch de­ren Schwer­kraft in Rich­tung der Tro­ja­ner am Langran­ge-Punkt 5 ge­lenkt wird, dem Sam­mel­punkt der von den Grie­chen be­la­ger­ten „Tro­ja­ner“. Hier wird Lu­cy im März 2033 an den grie­chi­schen „Spio­nen“ im La­ger der Tro­ja­ner, den Aste­ro­iden Pa­troclus und sei­nem bi­nären Be­glei­ter Me­noe­ti­us, vor­bei­flie­gen. An­schlie­ßend wird Lu­cy auf ei­ne hun­dert­tau­send Jah­re sta­bi­len, stark el­lip­ti­schen Um­lauf­bahn zwi­schen Er­de und Ju­pi­ter um die Son­ne be­fin­den. Bei vor­han­de­nen Res­sour­cen könn­te die Son­de mit ei­nem na­hen Erd­vor­beiflug so­gar noch ein­mal zu den L4-Tro­ja­nern ge­lenkt wer­den. Die Bahn Lu­cys ist in die­ser, auf Ju­pi­ter fi­xier­ten Dar­stel­lung – oh­ne die zeit­li­chen Po­si­ti­ons­ver­än­de­run­gen dar­ge­stellt – schlei­fen- bzw. S-för­mig; in der Rea­li­tät sind die Bahn­ver­läu­fe zwi­schen in­ne­rem Son­nen­sys­tem und der Ju­pi­ter­bahn je­doch el­lip­sen­för­mig.
Sieben der acht Ziele von Lucy
Sie­ben der acht Zie­le von Lu­cy
Bild 5/8, Credit: Southwest Research Institute

Sieben der acht Ziele von Lucy

Mit der NA­SA-Missi­on Lu­cy wer­den zwi­schen 2025 und 2033 gleich acht Pla­ne­to­iden aus der Nä­he un­ter­sucht, von de­nen hier sie­ben in ei­ner künst­le­ri­schen Dar­stel­lung vor­ge­stellt wer­den: ein As­te­ro­id aus dem Haupt­gür­tel zwi­schen Mars und Ju­pi­ter (Do­nald­jo­han­son, Durch­mes­ser et­wa 4 Ki­lo­me­ter), dann vier Tro­ja­ner-Aste­ro­iden am La­gran­ge­punkt 4 auf der Ju­pi­ter­bahn: Eu­ry­ba­tes (Ø 64 Ki­lo­me­ter, Au­gust 2027) mit sei­nem erst 2020 ent­deck­ten (und hier nicht dar­ge­stell­ten) Mond Que­ta (Ø ge­schätzt 1 km), Po­ly­me­le (Ø 21 km, Sep­tem­ber 2027 ), Leu­cus (Ø 40 km, April 2028) und Orus (Ø 51 km, No­vem­ber 2028). Im vor­läu­fig letz­ten Missi­ons­ab­schnitt wird Lu­cy im März 2033 am L5-Punkt im ‚Tro­ja­ner­la­ger‘ den Aste­ro­iden Pa­troclus (Ø 113 km) mit sei­nem bi­nären Be­glei­ter Me­noe­ti­us (Ø 104 km) be­ob­ach­ten.
Überraschung! Einer der Trojaner hat einen Mond
Über­ra­schung! Ei­ner der Tro­ja­ner hat ei­nen Mond
Bild 6/8, Credit: Southwest Research Institute (J. Spencer)

Überraschung! Einer der Trojaner hat einen Mond

Mit­glie­der des Lu­cy-Science-Teams, dar­un­ter auch DLR-Pla­ne­ten­for­scher Dr. Ste­fa­no Mot­to­la (rechts ne­ben dem Pfei­ler, hin­ter Team­lea­der Hal Le­vi­son, mit Bart) ha­ben am 4. Ja­nu­ar 2020 am Zie­las­te­roi­den Eu­ry­ba­tes mit Te­le­skop­be­ob­ach­tun­gen ei­nen kaum ki­lo­me­ter­großen Tra­ban­ten ent­deckt, der den Na­men Que­ta er­hielt. Der klei­ne Tro­ja­ner­mond wur­de so­fort in die Missi­ons­pla­nung als zu­sätz­li­ches, ach­tes Be­ob­ach­tungs­ziel auf­ge­nom­men. Que­ta war der Spitz­na­me der me­xi­ka­ni­schen Leicht­ath­le­tin Nor­ma En­ri­que­ta („Que­ta“) Ba­si­lio So­te­lo (1948-2019), der ers­ten Frau, die bei Olym­pi­schen Spie­len im Rah­men der Er­öff­nungs­fei­er die Eh­re hat­te, das Olym­pi­sche Feu­er zu ent­zün­den – bei den Spie­len 1968 in Me­xi­ko-Stadt.
Lucy während der Integration 2020
Lu­cy wäh­rend der In­te­gra­ti­on 2020
Bild 7/8, Credit: Lockheed Martin

Lucy während der Integration 2020

Lu­cy, hier in ei­ner Auf­nah­me von En­de 2020, ist die 13. Missi­on der NA­SA-Dis­co­ve­ry-Klas­se. Die Son­de ist in Start­kon­fi­gu­ra­ti­on „zu­sam­men­ge­fal­tet“ et­wa vier Me­ter hoch und hat ei­ne Start­mas­se von 1550 Ki­lo­gramm, da­von ent­fällt et­wa die Hälf­te auf Treib­stoff. Wäh­rend der Missi­ons­pha­se wird sich Lu­cy mit zwei großen So­lar­pa­ne­len auf 14 Me­ter Brei­te ent­fal­ten, der Durch­mes­ser der Haupt­an­ten­ne be­trägt zwei Me­ter. Lu­cy führt drei wis­sen­schaft­li­che In­stru­men­te und zwei re­dun­dan­te Na­vi­ga­ti­ons­ka­me­ras mit sich, mit de­nen die Zie­las­te­roi­den fo­to­gra­fisch er­fasst, ih­re che­mi­schen-mi­ne­ra­lo­gi­sche Zu­sam­men­set­zung und phy­si­ka­li­sche Pa­ra­me­ter mit ver­schie­de­nen Spek­tro­me­tern er­mit­telt wer­den.
L’Ralph – Kamera und Spektrometer in einem
L’Ralph – Ka­me­ra und Spek­tro­me­ter in ei­nem
Bild 8/8, Credit: NASA/GSFC

L’Ralph – Kamera und Spektrometer in einem

Ei­nes der bei­den wis­sen­schaft­li­chen Ka­me­ra­sys­te­me von Lu­cy ist L’Ralph. Es be­steht aus der Mul­ti­spek­tral­ka­me­ra MVIC mit Farb­kanä­len für Wel­len­län­gen des sicht­ba­ren Lichts bis ins na­he In­fra­rot (0,4-0,85 Mi­kro­me­ter), so­wie dem In­fra­rot­spek­tro­me­ter LEI­SA für das na­he bis mitt­le­re In­fra­rot (1,0-3,6 Mi­kro­me­ter). Mit LEI­SA kön­nen Ab­sorp­ti­ons­li­ni­en iden­ti­fi­ziert wer­den, die Si­li­kat­mi­ne­ra­le, Eis und or­ga­ni­sche Koh­len­stoff- und Koh­len­was­ser­stoff-Ver­bin­dun­gen er­ken­nen las­sen, die auf den Ober­flä­chen der Tro­ja­ner-Aste­ro­iden ver­mu­tet wer­den. L’Ralph, be­nannt nach Ralph Kram­den von den „Ho­ney­moo­ners", ist ei­ne Wei­ter­ent­wick­lung der Ka­me­ra­sys­tems Ralph auf der Missi­on New Ho­ri­z­ons, das 2015 ge­sto­chen schar­fe Bil­der von Plu­to und sei­nem Be­glei­ter Cha­ron zur Er­de funk­te.
  • Start am Samstag, 16.10.2021, um 11.34 Uhr MESZ von Cape Canaveral.
  • In zwölf Jahren werden mit einer Mission acht Asteroiden besucht.
  • Zum ersten Mal geht es zu den „Trojanern“, Asteroiden auf der Jupiterbahn.
  • Wissenschaftliche Beteiligung des DLR-Instituts für Planetenforschung.
  • Schwerpunkte: Exploration und Ursprung des Sonnensystems, Raumfahrt

Am Samstag, dem 16. Oktober 2021, wird um 11.34 Uhr Mitteleuropäische Sommerzeit eine ungewöhnliche NASA-Mission mit einer Atlas-Trägerrakete von Cape Canaveral ins Sonnensystem aufbrechen. Ziel der Mission Lucy sind die Trojaner-Asteroiden, die sich auf der Jupiterbahn befinden. Sie unterscheiden sich vermutlich deutlich von den Planetoiden im Asteroiden-Hauptgürtel zwischen Mars und Jupiter. Asteroiden gelten als Zeitzeugen der Entstehung von Planeten und können Aufschluss über die Entwicklung der Planeten unseres Sonnensystems geben. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist an der Mission wissenschaftlich beteiligt.

Lucy wird nach einer mehrjährigen Reise zum ersten Mal sogenannte „Trojaner-Asteroiden“ besuchen. Das sind kleine Planetoiden, die ihren Platz im Sonnensystem vor über vier Milliarden Jahren in zwei Regionen auf der Bahn des Jupiter gefunden haben. Im Gegensatz zu den vielen Hunderttausenden Asteroiden im Hauptgürtel zwischen Mars und Jupiter wird vermutet, dass es sich bei diesen Körpern in mehr als 700 Millionen Kilometern Entfernung zur Sonne um Asteroiden handelt, die ihren Ursprung jenseits der Jupiterbahn haben. „Das macht diese ‚Zeitkapseln‘ für eine genauere Untersuchung sehr interessant“, freut sich Dr. Stefano Mottola vom DLR-Institut für Planetenforschung auf die Mission, an der er wissenschaftlich beteiligt ist. „Wir erhoffen uns bedeutende neue Kenntnisse über die früheste Zeit des Sonnensystems und die Entstehung der Planeten.“

Allerdings benötigt das 14-köpfige wissenschaftliche Kernteam dafür einiges an Geduld. Denn nach dem Start wird Lucy, die „Wunderbare“ nach einem Wort in einem äthiopischen Dialekt und benannt nach dem „Urmenschen“, einem drei Millionen Jahre alten fossilen Skelett, das 1974 in Äthiopien ausgegraben wurde, auf einer verschlungenen Bahn durch das innere Sonnensystem erst 2027 die Trojaner-Asteroiden auf der Jupiterbahn erreichen. Zuvor wird sie im April 2025 den vier Kilometer großen Hauptgürtel-Asteroiden Donaldjohanson passieren, der den Namen von einem der beiden Entdecker des „Urmenschen“ Lucy trägt. Die beim Start etwa anderthalb Tonnen schwere Raumsonde führt drei wissenschaftliche Instrumente mit sich, mit denen die Zielasteroiden fotografisch erfasst, sowie ihre chemischen-mineralogische Zusammensetzung und physikalische Parameter mit verschiedenen Spektrometern ermittelt werden. Lucy ist die 13. Mission der sehr erfolgreichen NASA-Discovery-Klasse, spezialisierten und vergleichsweise kleinen und organisatorisch „schlanken“ Raumsonden. Die wissenschaftliche Leitung liegt bei Hal Levison und Cathy Olkin vom Southwest Research Institute in Boulder im US-Bundesstaat Colorado. Das Goddard Spaceflight Center der NASA in Greenbelt (Maryland) steuert die Mission.

Das DLR ist mit Dr. Stefano Mottola vom Berliner Institut für Planetenforschung als Mitglied des Wissenschaftsteams von Lucy beteiligt. Mottola wirkte auch maßgeblich an den Missionen Rosetta, Dawn und Hayabusa2/MASCOT mit. „Während der Missionsvorbereitung zu Lucy war mein Schwerpunkt die Untersuchung der Zielkörper mit erdgestützten Teleskopen, um von ihnen Lichtkurven zu erhalten“, erklärt Mottola eine seiner Aufgaben im Team. „Durch diese Beobachtungen können wir die Vorbeiflüge optimieren“. Im Laufe seiner Karriere war Mottola an der teleskopischen Entdeckung von Hunderten von Asteroiden beteiligt. „Außerdem werden wir nach der Ankunft durch Berechnungen von Körperformen, Bildmosaiken, Atlanten und der Kartierung von Helligkeiten und Zusammensetzung die Mission begleiten. Aus den Daten der Navigationskameras wird dann die genaue Gestalt der Asteroiden abgeleitet.“ Ferner wird Dr. Martin Pätzold von der Universität Köln, gefördert von der Raumfahrtagentur im DLR, über die Auswertung des Funkverkehrs (Rot- und Blauverschiebung, also Dehnung und Stauchung der Funkwellen durch den Doppler-Effekt) Masse und Aufbau der Asteroiden untersuchen.

Jupiter, seine „Trojaner“ und die „Hellenen“

Bei den Trojanern handelt es sich um eine besondere Gruppe von Asteroiden, kleine Körper bis zu 250 Kilometer Durchmesser, die in Regionen angesiedelt sind, die auf der Jupiterbahn dem Planeten in einem festen Abstand vorauslaufen beziehungsweise nachfolgen. Es sind die Positionen im Raum eines Zweikörpersystems – wie hier eben Sonne und Jupiter –, an denen sich Anziehungs- und Fliehkräfte die Waage halten. Die insgesamt fünf Punkte, von Lagrange-1 (L1) bis Lagrange-5 (L5), sind nach dem italienisch-französischen Astronomen und Mathematiker Joseph-Louis de Lagrange (1736-1813) benannt.

Zwei dieser Lagrange-Punkte, L4 und L5, sind immer stabil und bilden ein gleichschenkliges Dreieck mit 60-Grad-Winkeln zu Sonne und Jupiter. In der realen Welt befinden sich die Trojaner beziehungsweise Hellenen nicht genau auf diesen beiden Punkten, sondern umkreisen sie in unterschiedlichen Entfernungen, sodass sie quasi eine Wolke von Asteroiden bilden. Heute sind knapp zehntausend dieser Objekte bekannt, es werden aber, wie im Asteroiden-Hauptgürtel, bis zu einer Million von ihnen vermutet. Diese sind aber wegen ihrer dunklen Oberfläche und geringen Größe sehr schwer mit Teleskopen zu entdecken. Die Internationale Astronomische Union (IAU) hat noch eine weitere Anleihe bei der Ilias, der berühmten antiken Sage des Homer, die den Kampf um Troja zum Inhalt hat, genommen: Sie bezeichnete die dem Jupiter vorauslaufenden Asteroiden als Lager der „Hellenen“ mit den Namen der griechischen Helden. Dementsprechend wurden die hinterherlaufenden Asteroiden als „Trojaner“ benannt, mit den Namen der Heroen aus der kleinasiatischen Stadt. Da inzwischen alle in der Ilias auftauchenden Namen an Trojaner-Asteroiden vergeben sind, werden neu entdeckte Körper von der IAU jetzt nach modernen „Helden“ benannt, großen Athleten der Olympischen und Paralympischen Spiele der Neuzeit.

Es ist das erste Mal, dass Körper, die an Lagrange-Punkten entlang einer Planetenbahn um die Sonne kreisen, Besuch von einer Raumsonde bekommen. Jupiter selbst spielt bei der Mission keine Rolle: Er wird in beiden Missionsphasen viele hundert Millionen Kilometer von Lucy entfernt sein. In der Planetenforschung hatten die Trojaner-Asteroiden seit Jahren als neues Ziel höchste Priorität: Die Forscher vermuten, dass diese Trojaner im Gegensatz zu den Hauptgürtel-Asteroiden weniger mit den Körpern des inneren Sonnensystems gemein haben, sondern mehr mit den äußeren Regionen unseres Planetensystems.

Denn mit Jupiter, dem größten Planeten des Sonnensystems, beginnt das Reich der Gasplaneten und ihrer Eismonde. Noch weiter von der Sonne entfernt, jenseits des Neptun, erstreckt sich das Ursprungsgebiete der Kometen, jenen Körpern aus Staub und Eis, die ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Entwicklung des Sonnensystems eine Rolle spielten. Es ist die Zone der „transneptunischen Objekte“, zu denen auch Pluto gezählt wird. So wie die Hauptgürtel-Asteroiden Reste der Bildung der vier erdähnlichen Planeten sind, dürften die Jupiter-Trojaner Überbleibsel des Ausgangsmaterials der äußeren Planeten sein, mit Ursprüngen in ganz unterschiedlichen Sonnenentfernungen.

Ins „Heerlager“ der Hellenen, zurück zur Erde – und dann zu den Trojanern

Am Ziel angekommen im Reich der L4-Asteroiden, den „Hellenen“, wird Lucy die Asteroiden Eurybates (August 2027) mit dem erst letztes Jahr vom Lucy-Team entdeckten Mond Queta, Polymele (September 2027), Leucus (April 2028) und Orus (November 2028) aus der Nähe untersuchen. Anschließend wird Lucy wieder zurück ins innere Sonnensystem zur Erde gelenkt – ein Novum in der Geschichte der Raumfahrt. Dort wird die Raumsonde mithilfe eines sogenannten „Gravity-Assist-Manövers“ zum L5-Punkt gelenkt, wo Lucy im „Trojanerlager“ den Asteroiden Patroclus mit seinem binären Begleiter Menoetius erreichen wird. Die nominelle Mission ist dann zu Ende, doch wenn noch Treibstoff und für den Missionsbetrieb notwendige Ressourcen vorhanden sind, könnte die Mission verlängert werden: Lucy würde dann nochmal zur Erde zurückkehren um am Ende des Jahrzehnts erneut in die Asteroidenwolke am L4-Punkt zu fliegen.

Bedeutung der Asteroiden-Forschung

Die Untersuchung der kleinen Körper im Sonnensystem hat in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen. Asteroiden und Kometen sind in den meisten Fällen fast oder kaum veränderte Zeugen der Planetenentstehung vor etwas mehr als viereinhalb Milliarden Jahren. Je weiter sie von der Sonne entfernt entstanden sind und sich noch heute befinden, um so weniger waren sie dem Einfluss der Sonne ausgesetzt und haben sich deshalb nur wenig verändert. Viereinhalb Milliarden Jahre sind ein nach menschlichen Maßstäben nur schwer vorstellbarer langer Zeitraum, doch ist es der Planetenforschung in der letzten Zeit immer besser gelungen, die Vorgänge in den ersten Millionen Jahren, nachdem sich die Sonne vor 4,567 Milliarden Jahren gebildet hat, zu rekonstruieren. Die Planeten bildeten sich damals verblüffend schnell, in nur wenigen Millionen bis Zehnermillionen Jahren. Diese Zeit war entscheidend für ihre weitere Entwicklung und drückt sich in der Verschiedenartigkeit der Planeten und ihrer Monde aus. Weil sie sich aber seither allesamt stark verändert haben, ermöglichen nur noch Asteroiden und Kometen einen Blick zurück in jene Zeit, um die Vorgänge genau entschlüsseln zu können.

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