2. Februar 2016

Alles VABENE++ auf dem Weg nach Wacken

Es ist das größte Heavy-Metal-Festival der Welt. Innerhalb von zwölf Stunden war das Wacken Open Air 2015 ausverkauft. Damit die Anfahrt nicht genauso lange dauerte, unterstützten die Experten vom VABENE++-Projekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) das bestehende Verkehrskonzept des Veranstalters live vor Ort. Regen und Matsch erschwerten zwar die Bedingungen – die DLR-Wissenschaftler können sich jetzt aber über saubere Ergebnisse freuen.

VABENE++-Projekt

Dazu kooperierten die Fernerkundler vom Earth Observation Center (EOC) in Oberpfaffenhofen und das Institut für Verkehrssystemtechnik aus Berlin mit dem Festival-Veranstalter in Wacken. Ihr gemeinsames Ziel war es, die per Auto anreisenden Festival-Besucher optimal zu ihrem Parkplatz zu lotsen und das bestehende Verkehrsmanagement-System des Veranstalters zu ergänzen.

Vom 27. Juli bis zum 02. August 2015 steigerte sich die Zahl der Menschen in der Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein wieder um das fünfzigfache. Bis zu 75.000 Heavy-Metal Fans reisten in das, an allen anderen 358 Tagen im Jahr, beschauliche Örtchen nördlich von Hamburg und verwandelten es in ein Metal-Paradies. Für den Veranstalter stellte der Andrang eine große Herausforderung dar. Rund 50.000 Besucher kamen in 24.000 Autos zum legendären Festival. Die DLR-Wissenschaftler freuten sich über diese Menge: Denn für die Experten vom DLR-Verkehrsprojekt VABENE++ war es eine hervorragende Möglichkeit, um neue Technologien zur Verkehrserfassung zu testen – mit einem System zur drahtlosen Erfassung der Verkehrslage bei Großveranstaltungen. Die digitale Beobachtungsmöglichkeit der Verkehrsströme soll dabei helfen, die Verkehrsströme optimaler zu steuern und damit eine komfortablere Anreise der Gäste ermöglichen.

Live-Lotsung im Lagekontrollzentrum

Während die Heavy-Metal-Fans zum Parkplatz rollten, standen die Wissenschaftler im Lagekontrollzentrum unter Strom: Wo ist gerade die Hauptanreisewelle? Wo zeichnet sich ein Stau ab und wo ist es "normal zäh"? Die DLR-Forscher mussten viele Parameter abschätzen. "Sobald festgestellt wurde, dass die Autos zu langsam rollten, konnte im Lagezentrum eine sogenannte 'Schleife' aktiviert werden. Diese zusätzliche Strecke führte die Besucher dann über einen alternativen Weg zu ihrem Parkplatz", erläutert Ronald Nippold vom DLR-Institut für Verkehrssystemtechnik.

Verkehrserfassung via Bluetooth

Im Gebiet um Wacken und der A23 wurden dazu an neun Knotenpunkten Bluetooth-Boxen aufgestellt; bestehend aus einem wettergeschützten Gehäuse mit einem PC, einer Batterie zur Funk- und Energieversorgung und einer Bluetooth-Antenne. "Vorbeifahrende Autos wurden anhand ihrer Bluetooth-fähigen Geräte (Freisprecheinrichtungen, Handys, Navigation, etc.) erkannt", so Nippold. Die so gewonnenen Daten wurden in verschlüsselter und anonymisierter Form an eine Datenbank des DLR übermittelt. "So konnten wir messen, wie lange sich ein Auto im Empfangsbereich der Bluetooth-Box aufhält. Das ließ wiederum Rückschlüsse auf den Verkehrsfluss zu: Je länger sich ein Auto in einem Empfangsbereich aufhielt, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass es sich in diesem Bereich gerade staut."

Wurde ein Fahrzeug an einem späteren Knotenpunkt anhand des detektierten Bluetooth-Gerätes wiedererkannt, konnte anhand der verstrichenen Zeit und der Entfernung, die Reisedauer berechnet werden. Diese gilt als ein direkter Indikator für den Verkehrszustand. In einem Internetportal wurde dann die regionale Verkehrslage dargestellt und visuell aufbereitet – grün für fließend und rot für Stau.

Am Boden und aus der Luft

Der Verkehr wurde aber nicht nur am Boden gemessen. Auch der DLR-Eurocopter BO-105 mit dem 4k System des Instituts für Methodik der Fernerkundung flog über die Anfahrtsrouten. "Mit drei Kameras wurden Luftbilder aufgenommen. Aus denen wurden dann automatisch die Verkehrsströme extrahiert. Das dient auch als Vergleichsbasis zu den Bluetooth-Boxen am Boden", erklärt Dr. Hannes Römer vom Deutschen Fernerkundungsdatenzentrum (DFD) in Oberpfaffenhofen. Dort werden die Luftbilder genutzt, um im Nachhinein ein interaktives Lagebild zu erstellen. "Der Schwerpunkt lag aber klar auf der Echtzeit-Verkehrserfassung am Boden", so Dr. Römer.

Auf das Konzept kommt es an

Nachdem die letzten Festival-Besucher ihre Zelte abgebaut haben, bleibt die Frage: Wie gut war das vorher aufgestellte Verkehrskonzept? Gab es unvorhergesehene Ereignisse, Staus, Pannen? "Es geht darum, inwiefern die Planung mit den tatsächlichen Fakten und Daten zusammenpasst. Das ist der wesentliche Punkt der Kampagne – und die Quintessenz für den Veranstalter", erzählt Dr. Römer.

VABENE++

Im Projekt VABENE++ (Verkehrsmanagement bei Großereignissen und Katastrophen) werden leistungsfähige Unterstützungswerkzeuge für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben und Verkehrsbehörden für den Umgang mit Katastrophen und Großveranstaltungen entwickelt. Das Ziel ist, sowohl die notwendige Rettungslogistik als auch die umliegenden Verkehrsströme selbst unter extremen Bedingungen effizient zu leiten und somit Einsatzkräfte schnell an ihren Einsatzort zu bringen. Wissenschaftler verschiedener DLR-Institute arbeiten in diesem Forschungsprojekt zusammen und werden durch die Flugbetriebe des DLR unterstützt. Des Weiteren beteiligen sich der Lehrstuhl für Methodik der Fernerkundung der TU München und das Institut für Geoinformatik und Fernerkundung der Universität Osnabrück an VABENE++. Die Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in den Bereichen Simulation und großflächiger Verkehrsmodellierung, luftgestütztes Verkehrsmonitoring, verkehrliche Risikobewertung, Datenfusion/Datenmanagement sowie der Weiterentwicklung von Webtechnologien im GIS-Umfeld.