DLR Magazin 147 - page 44-45

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öflich, bescheiden, sehr sachlich – das ist der erste Eindruck, den man bekommt, wenn man sich mit Albert Manero
unterhält. Doch je mehr er von seiner Arbeit erzählt, umso deutlicher wird die Passion, mit der er bei der Sache ist.
Sein Beruf ist die Erforschung zerstörungsfreier Testmethoden für keramische Wärmedämmschichten in der Luft- und
Raumfahrt. Als Doktorand der University of Florida arbeitete der 25-Jährige ein Jahr lang am DLR-Institut für Werkstoff-
Forschung in Köln. Neben seiner Doktorarbeit verfolgt er jedoch ein spannendes „Neben“-Projekt. Aber dazu später
mehr.
Albert Maneros Forschungsgebiet ist der zerstörungsfreie Test von Materialien, die in der Luftfahrt angewendet wer-
den. Im Besonderen geht es um Röntgenmessungen von keramischen Schutzschichten für Hochtemperaturanwendun-
gen. Diese Schutzschichten werden in der Luftfahrt bei Turbinenschaufeln, Strahltriebwerken, Brennkammern und in
der Raumfahrt bei Wiedereintrittsfahrzeugen verwendet. Mit Hilfe der Röntgenstrahlen lässt sich tief in die einzelnen
Materialschichten hineinschauen, ohne das Objekt zu beschädigen. Damit können sowohl neue Beschichtungen ent-
wickelt als auch Kriterien für die industrielle Markteinführung der Produkte bestimmt werden. Neue Produkte lassen
sich bewerten und auch Schadensanalysen anhand von Industrienormen vornehmen. Die Laborausrüstung ist maßge-
schneidert, um die verschiedensten Materialien unter extremen Temperaturen und hohen mechanischen Belastungen
zu untersuchen. „Die Anwendungen in der Luft- und Raumfahrt sind vielfältig und dienen zum Beispiel der effiziente-
ren Ausnutzung des Treibstoffs“, erklärt Manero. „Denn die keramischen Schutzschichten ermöglichen höhere Tem-
peraturen im Inneren eines Triebwerks.“ Eine Verbesserung des Wirkungsgrades um ein Prozent kann den Fluggesell-
schaften jährliche Kosteneinsparungen in Milliardenhöhe bringen. Hinzu kommen die positiven Aspekte in Sachen
Sicherheit, Zuverlässigkeit und Umweltfreundlichkeit.
BEGEGNUNG
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Begegnung mit Albert Manero, Werkstoffforscher mit einem bewegenden Projekt
Von Michel Winand
DINGE
VERÄNDERN
Das DLR ist dem Studenten aus den USA seit 2012 bekannt. Damals
führte ihn ein erster Forschungsaufenthalt im Rahmen der Zusammen-
arbeit mit dem DLR-Institut für Werkstoff-Forschung nach Köln. 2014
kehrte er als Fulbright-Stipendiat ans DLR zurück, um die Forschung für
seine Doktorarbeit voranzutreiben.
In den USA hat er inzwischen mit einem anderen Projekt großes
öffentliches Interesse geweckt, einem Projekt, das Kindern mit körper­
lichen Einschränkungen zu bezahlbaren Prothesen verhilft. Was als ein
kleines Nebenprojekt be-
gonnen hat, ist sehr rasch
gewachsen, seit Microsoft
und der Schauspieler Robert
Downey Junior das Projekt
medial unterstützen. „Wir
hätten uns nie träumen las-
sen, dass unsere Idee, Pro-
thesen mittels 3D-Druck zu
fertigen, so großen Anklang findet. Inzwischen haben wir in den Verei-
nigten Staaten eine gemeinnützige Organisation gegründet, mit der wir
versuchen, Kindern überall auf der Welt zu helfen“, sagt Manero.
In seinen Semesterferien hatte sich der Student in einem Projekt enga-
giert, das sich mit Prothesen für Kinder befasst. „Die Mutter eines
Jungen namens Alex hat mich im Internet über ein Netzwerk von Leu-
ten gefunden, die 3D-gedruckte Prothesen entwerfen. Der Fall von
Alex war sehr spezifisch und bedurfte einer ungewöhnlichen Lösung,
also haben mein Team und ich uns zusammen mit Alex und seinen
Eltern an die Entwicklung einer speziellen Prothese gemacht.“
Das Projekt nahm an Fahrt auf, als Microsoft darauf
aufmerksamwurde und das Team der Ingenieure als
Partner für sein „Collective Project“ auswählte.
Manero: „Man stellte uns eine gute Multi­
media-Plattform zur Verfügung und produ-
zierte ein Video, damit wir unsere Ge-
schichte erzählen konnten. Als Robert
(Downey Junior, d. Red.) das Video
sah, wollte er Teil des Projekts wer-
den. Als unser „Bionics Expert“
überreichte er Alex einen Arm,
der im Stil seines Filmcharakters
„Iron Man“ gestaltet ist.“ Das
hat viele Türen geöffnet und
über 15 Millionen Men-
schen auf das Projekt
aufmerksam ge-
macht.
Manero erinnert sich: „Das brachte uns viele Spenden und zusätzliche
Unterstützer, was uns sehr dabei hilft, noch bessere Prothesen zu ent-
wickeln. Es war einfach großartig für unser Team.“
Mit dem 3D-Druck von Prothesen hätte er auch großen kommerziellen
Erfolg haben können, aber er entschied sich dagegen. „Unser Team ist
der starken Überzeugung, dass kein Kind für einen Arm bezahlen sollte.
Dass keine Familie für den Arm ihres Kindes bezahlen sollte.“ Damit die-
ser Traum für möglichst viele Kinder wahr wird, arbeitet er mit Sponsoren
und Konzernen zusammen.
„Unsere Designs werden über
eine Open-Source-Datenbank
für 3D-Druck-Vorlagen ver-
breitet. Wir sind dabei, weite-
re Dateien bereitzustellen.“
Da jeder Arm individuell an-
gepasst werden muss, arbei-
ten Manero und sein Team an
einem neuen Entwurf, der die Bandbreite erweitert und so sicherstellt,
dass ihr System weltweit adaptiert werden kann.
Albert Manero ist der Überzeugung, dass jeder Wissenschaftler und
Ingenieur die Verantwortung hat, sein Wissen zu teilen und zum Nut-
zen aller einzusetzen: „Ich wollte mein Wissen immer für mehr nutzen,
als nur für die Arbeiten im Labor. Und ich denke, dass der Zweck der
Bildung darin liegt, dass man seine Fähigkeiten wirksam einsetzt, um
Probleme zu lösen.“ Seine Hoffnung ist, dass durch Projekte wie dieses
eine neue Generation von Ingenieuren ermutigt wird, ihre Fähigkeiten
als Werkzeug zu begreifen, mit dem sie die Welt verändern können.
„Ich bin so erzogen worden und es war die Idee meiner Eltern,
die mir sagten: Es ist Deine Aufgabe und Verantwortung, das,
was Du gelernt hast, einzusetzen um Dinge zu verändern“.
Und nach einem Augenblick fügt er hinzu: „Und anderen
die Chancen zu geben, die man selbst hatte …“
„WIR HÄTTEN UNS NIE TRÄUMEN LASSEN, DASS UNSERE
IDEE, PROTHESEN MITTELS 3D-DRUCK ZU FERTIGEN,
EINMAL SO GROSSEN ANKLANG FINDET.“
Bild: CollectiveProject
Bild: CollectiveProject
Die Vision des „Collective Project“, in dem Albert Manero mitarbeitet: Kein Kind soll
für einen Arm bezahlen müssen.
Albert Manero (r.) an der Seite von Alex. Er brachte den Stein ins Rollen. Und mit der
Unterstützung von Robert Downey Junior (l.) nahm das Projekt Fahrt auf.
Albert Manero während seiner Zeit im DLR-Institut für Werk-
stoff-Forschung im DLR Köln. Als Fulbright-Stipendiat forschte
er hier zu Wärmedämmschichten.
Bild: Collective Project
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