DLR Magazin 147 - page 14-15

SCHWERELOSIGKEITSFORSCHUNG
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SCHWERELOSIGKEITSFORSCHUNG
Starten wird die MAPHEUS-5-Rakete dann Dienstagfrüh, am 30. Juni,
um 6:55 Uhr. Auch für diese Nacht ist die Windprognose suboptimal,
kann niemand sagen, ob der Wind nicht wieder einen Strich durch die
Rechnung macht. Doch das MAPHEUS-5-Team will die Chance nutzen
und beginnt mit dem mehrstündigen Countdown. Alle Plätze für die
verschiedenen Raketensysteme im Kontrollraum sind besetzt, in der
Telemetriestation bereitet sich das DLR-Team darauf vor, den Flug der
Rakete mit der Antenne zu verfolgen und die Daten zu empfangen. Die
Wissenschaftler-Teams sitzen vor den Bildschirmen, auf denen die Daten
ihrer Instrumente angezeigt werden.
Sieben Minuten vor dem Start muss DLR-Ingenieur Christoph Dreißigacker
bei seiner ersten Kampagne dann noch mal Nervenstärke beweisen, als
der Countdown unerwartet gestoppt wird: Der Scherzellen-Ofen arbei-
tet nicht perfekt. Christoph Dreißigacker übernimmt die manuelle
Steuerung des Ofens und startet während des Fluges das Experiment
per „Fernbedienung“ vom Boden aus. Um sich für diese manuelle Be-
dienung zu entscheiden, blieben dem Instrument-Team gerade einmal
20 Minuten – denn danach hätte der stärker werdende Wind einen
Startabbruch erfordert.
Flug in die Schwerelosigkeit
Schließlich fliegt die Rakete bei schönstem Sonnenschein bis in eine Höhe
von 253 Kilometern und kehrt am Fallschirm sicher zur Erde zurück – auf
dem Trockenen – direkt neben morastigem, nassem Torf. Die Abtrennung
der beiden Raketenstufen, die Stabilisierung der Rakete mit dem Yoyo-
Despin-System, der Wiedereintritt, der Fallschirm – alle Raketensysteme
haben fehlerlos gearbeitet. Auch das Team der Telemetriestation ist zu-
Schon einen Tag später werden alle im Testcountdown an ihren Konsolen
sitzen und über vier Stunden lang den Ernstfall proben. Es wird ein kurzes
Kommunikationsproblem zu einem der Experimente geben, das beho-
ben werden kann. Und einige Zeitverzögerungen, die für den richtigen
Countdown noch in den Plan eingearbeitet werden. Dann beginnt das
Warten. Auf einen Wind, bei dem die Rakete nach ihrem Start auch wie-
der sicher im 5.200 Quadratkilometer großen Gebiet der schwedischen
Range landet – und nicht in Norwegen oder Finnland herunterkommt.
Eine Nacht ohne Ende
Freitag sieht es schlecht aus. Samstagmorgen sieht es schlecht aus. Doch
in der Nacht von Samstag auf Sonntag könnte der Wind der Forschungs-
rakete eine Chance geben. Also wird am Samstag tagsüber entspannt.
Bei strahlendem Sonnenschein legen sich einige ins Bett, um vorzuschla-
fen für die kommende schlaflose Nacht. Am Billardtisch wird mit halber
Kraft gespielt. Um 22 Uhr soll der vierstündige Countdown beginnen,
um dann doch 50 Minuten vor Start wieder auf Halt gesetzt zu werden,
bis der Wind in den Höhen günstiger ist.
Der Countdown beginnt. Niemand vermutet, dass es gerade ernst
wird – die Stimmung ist zwar konzentriert, aber gelassen. „Wenn
irgendetwas beim Countdown jetzt etwas länger dauert, ist das nicht
schlimm“, sagt Wolfgang Jung von der MORABA. „Vor 2 Uhr können
wir sowieso nicht starten.“ Die Kommunikationskanäle werden geprüft,
die Biologen bringen ihre Pflanzen zur Rakete und bauen ihre
Experimentanlage ein, Bergungssystem und Raketenmotoren werden
scharf gestellt. Alles läuft. Nun würden die letzten 50 Minuten des
Countdowns beginnen, in denen die Experimente eingeschaltet und die
ersten Proben für den Versuch aufgeschmolzen werden würden. Doch
der Countdown wird angehalten, für das Team beginnt nun das Warten
auf einen milden Wind. Es wird ruhig im Blockhaus, dem Bereich, hinter
dessen Türen das Team auch bei einem Fehlstart sicher wäre. Im Skylark-
Tower steht eine startbereite Rakete, die nur noch auf den Zündpuls
wartet.
Im Kontrollraum klingelt das Telefon. Die Windprognose hat sich verän-
dert. Warten bis mindestens 4 Uhr morgens. Zwei Stunden Leerlauf. Die
ersten stellen die Lehnen ihres Stuhls nach hinten, nicken ein oder dö-
sen. Es wird nicht bei 4 Uhr bleiben. 5:30 Uhr, das könnte jetzt die Zeit
sein, zu der es weitergeht. Vor der Halle scheint die Sonne. In der Halle
scheint die Zeit zu schleichen. Zwischendurch ist das Brummen der Kaf-
feemaschine zu hören, jemand macht sich noch ein Brot. Abendessen?
Frühstück? Irgendetwas dazwischen. Dann wird es wieder still. Der
Wind macht indessen nicht das, was man sich erhofft hat – stattdessen
weht er weiterhin aus nördlicher Richtung und das zu kräftig. 7:30 Uhr
ist nun der nächste Zeitpunkt, an dem es klappen könnte. Alle hoffen,
dass die Forschungsrakete starten kann.
Die schlechte Nachricht kommt um 7:40 Uhr über die Lautsprecher:
„Der Countdown für MAPHEUS-5 wird abgebrochen.“ Der letzte Wet-
terballon hat gezeigt, dass die Windbedingungen nicht passen. Eine
ganze Nacht im Countdown und kein Start – die Stimmung ist gedrückt.
Neu ist so ein Geduldsspiel für Ingenieure und Wissenschaftler aller-
dings nicht: Das Wetter hat immer das letzte Wort.
frieden: „Die Datenübertragung während des Fluges hat komplett ohne
Unterbrechungen funktioniert“, sagt Andreas Kimpe von der MORABA.
Einige Systeme wie das Kaltgasregelungssystem oder das Service-Modul
mussten für die anspruchsvolle Mission bis an ihre Grenzen gebracht
werden. Mit Erfolg. „Wir sind mit MAPHEUS-5 noch mal eine Liga aufge-
stiegen“, sagt Projektleiter Frank Scheuerpflug.
Jetzt beginnt die Analyse der Experimentdaten und das Lernen für die
nächsten Missionen. Das MEGraMa-Experiment hat so funktioniert, wie
es sich die Wissenschaftler erhofft hatten: Viermal lief das Experiment in
der Schwerelosigkeit ab. Später, im heimischen Labor, werden die ersten
Datenauswertungen zeigen, dass die Partikel im Flug wie geplant in Be-
wegung versetzt wurden und die Kamera die folgenden Stoßprozesse in
3D aufgezeichnet hat. Im Elektrostatischen Levitator konnten viele Regel-
parameter eingehend getestet werden. Allerdings schwebten die Proben
nicht stabil – auf einem Parabelflug werden noch einmal neue Parameter
getestet werden müssen, bevor der ESL wieder auf einer Höhenfor-
schungsrakete zum Einsatz kommt. Die Röntgenanlage X-RISE hat zu-
nächst fehlerlos funktioniert, wie die aufgezeichneten Bilddaten zeigen.
Allerdings schaltete sie sich nach zwei Minuten unerwartet ab, sodass
das wissenschaftliche Ziel nicht vollständig erreicht wurde. Doch die ge-
wonnenen Daten geben den Wissenschaftlern Aufschluss sowohl über
Diffusion als auch Erstarrung der Proben. Die Biologen haben ihre Acker-
Schmalwand sicher geborgen und aus der Höhenforschungsrakete aus-
gebaut. Die Pflanzen mit Schwerelosigkeitserfahrung werden nun im ir-
dischen Labor ganz genau unter die Lupe genommen. Im Mai 2016 soll
die nächste MAPHEUS-Mission starten.
Dann, wenn der Wind es zulässt.
s.DLR.de/zt88
„VOR ZWEI UHR
KÖNNEN WIR SOWIESO NICHT
STARTEN.“
Montage im Skylark-Tower: Millimeterarbeit auf engstem Raum und in großer Höhe
MAPHEUS-5 legt einen Bilderbuch-Start hin
Erleichtert über die sichere und trockene Landung der Forschungsrakete setzt das Team zum letzten Kraftakt an
Aus dem Skylark-Tower wird MAPHEUS-5 starten
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