Nur wer mobil ist, kann die Welt erkunden

Auf der Suche nach Lösungen, die Verkehrsmittel miteinander verbinden: Erik Grunewald vom Institut für Verkehrssystemtechnik.

Die größte Störquelle sind die Menschen, die Reisenden, die zum Beispiel schon lange, bevor ihr Zug einfährt, auf dem Bahnsteig stehen, die Anzeige im Blick behalten wollen und dabei allen anderen Ankommenden im Weg stehen. Erik Grunewald meint das überhaupt nicht verurteilend, wenn er dies über die Passagiere von Zügen sagt. Er weiß, dass dieses Verhalten aus der Skepsis geboren ist, aus der Sorge, den Zug zu verpassen, und dem Misstrauen gegenüber den Anzeigetafeln. Der Wissenschaftler forscht am DLR-Institut für Verkehrssystemtechnik und leitet die Gruppe Informationsmanagement. Eines seiner Ziele: für eben solche Verkehrsknotenpunkte gute Ideen mit seinem Team zu entwickeln, damit der Wechsel von einem in das nächste Verkehrsmittel reibungsloser verläuft. „Für mich ist das Verbunddenken wichtig.“

Bahnsteig am Kölner Hauptbahnhof
Credit:

DLR

Eigentlich hat Erik Grunewald Luft- und Raumfahrttechnik studiert und stieg dann beim Institut für Flughafenwesen und Luftverkehr des DLR ein. Heute forscht er im Institut für Verkehrssystemtechnik in Projekten wie VMO4Orte (Vernetzte Mobilität für lebenswerte Orte) zum öffentlichen Nahverkehr, aber auch zu Schiffshäfen und deren Ablaufprozessen. „Ich fand schon immer alles spannend, was fährt, fliegt, schwimmt – alles, was sich fortbewegt.“ Nur wer mobil ist, kann die Welt erkunden, sagt er. Die meisten Verkehrssysteme aber seien leider so gebaut, dass sie nebeneinanderher existieren. Wer zum Beispiel einmal im Auto sitzt, fährt meistens auch bis zum Ende seines Weges, weil ein Wechsel auf ein anderes Verkehrsmittel kompliziert ist. Umsteigeverbindungen zwischen Zügen und Bussen muss der Passagier selbst herausfinden. Und oft würden nur die negativen Folgen der Mobilität gesehen. Grunewald spricht da von einem Chor des Jammerns, in den viele einstimmen.

Verkehrsmittel, Potenziale und Knotenpunkte

Erik Grunewald sind alle Verkehrsmittel recht - solange sie gut miteinander funktionieren.

Wenn der 48-Jährige selbst unterwegs ist, kann er den Wissenschaftler nicht ablegen – er sieht nicht nur Autos, Bahnen und Busse, sondern vielmehr Verkehrsmittel, Verbesserungspotenziale und Verkehrsknotenpunkte. Zur Arbeit fährt der Verkehrsforscher mit dem Auto. „In Braunschweig ist die Infrastruktur so angelegt, dass das für diese Strecke die bequemste und schnellste Methode ist.“ Als er noch in Berlin gewohnt hat, hat er die Straßenbahn benutzt. Er ist kein Verfechter von Bahn und Fahrrad, wenn das Auto das bessere Verkehrsmittel in einer Situation ist. Und er hat ebenso Verständnis dafür, dass neue Strukturen gefordert werden, die beispielsweise den Radfahrenden mehr Raum im Straßenverkehr geben. Am besten aber gefällt es ihm, wenn alle in einer Mobilitätskette miteinander verbunden sind.

Simulation des ICE1
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DLR

Mit seinem interdisziplinären Team aus Ingenieur/innen, Informatiker/innen und Psycholog/innen arbeitet er daran, für die verschiedenen Probleme beim Wechsel von einem zum nächsten Verkehrsmittel Lösungen zu finden. Die Technologien sind teilweise bereits zum Patent angemeldet. So zum Beispiel eine App, die bei der Bahn den einsteigenden Fahrgästen mit Sitzplatzreservierung flexibel einen neuen Sitzplatz im Tausch anbietet – je nachdem, in welchen Wagen sie einsteigen. Damit wären lange Wege durch mehrere Wagen hin zum gebuchten Sitzplatz nicht mehr nötig. Alles würde schneller gehen. Für die Reisenden, die Umsteigeprozesse behindern und damit auch für Verspätungen sorgen, hat das Team von Erik Grunewald ebenfalls eine mögliche Lösung: Über eine digitale Datenspur teilen Passagiere bereits bei ihrer Ankunft am Bahnhof dem Verkehrsknotenpunkt mit, dass sie vor Ort sind. Informationen könnten dann maßgeschneidert und zuverlässig für den jeweiligen Passagier an ihn übermittelt werden – statt die Anzeigetafel im Blick zu behalten, könnten die Passagiere dann stattdessen Bereiche wie die Gastronomie oder die Geschäfte nutzen.

Individuelle Informationen für jeden Reisenden
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DLR

Um zudem auf Anzeigetafeln nur die individuell notwendigen Informationen herauszufiltern, könnte eine Anwendung auf dem Handy helfen: Hält der Reisende das Handy vor die Anzeige, würden ihm nur die für ihn wichtigen Angaben angezeigt. Das will er in diesem Jahr auf einer Messe dem Publikum vorstellen. „Im Moment muss ein Fahrgast noch seinem Zug hinterherrennen. Wenn aber der Verkehrsknotenpunkt durch eine digitale Datenspur weiß, wo sich der Fahrgast befindet, können ihm die Informationen und nützliche Hinweise proaktiv angeboten werden – wir untersuchen derzeit, wie ein solcher Perspektivwechsel in der Kommunikation machbar ist und wie brauchbar er ist.“

Das Gewusel als Forschungsgegenstand

Bahnhofshalle mit Gastronomie und Geschäften

Noch geschieht dies mit digitalen Zwillingen, also den simulierten Abbildern der Wirklichkeit. Der Kölner Hauptbahnhof zum Beispiel. Den kann Grunewald an seinem Rechner simulieren und die Interaktionen der Reisenden mit der Infrastruktur durchspielen. Pro Wochentag seien dort 300.000 Gäste unterwegs, der Hauptbahnhof selbst ist eine alte, gewachsene Struktur mit vielen Umsteigebeziehungen. „Shopping-Ebene, Reisezentrum, Lounge, Gastronomie, Reisende, das ganze Gewusel ist unser Forschungsgegenstand.“ Später sollen Real-Versuche mit menschlichen Reisenden an realen Orten hinzukommen. Letztendlich muss alles den Nutzenden gefallen und helfen – und die bringen alle ihre individuellen Erfahrungen und Bedarfe mit. Einfach ist es allerdings oft nicht, Menschen für neue Konzepte zu begeistern und von alten Gewohnheiten abzubringen. Erik Grunewald aber bringt neben seinem Fachwissen auch Menschenkenntnis mit: „Ich habe während meines Studiums im Einzelhandel gearbeitet und dort lernt man fürs Leben.“ Dass die Lösungen, die er mit seinem Team entwirft, noch nicht morgen bei allen im Alltag ankommen und genutzt werden, ist ihm bewusst: „Innovationen setzen sich langsam durch, die Forschung entwickelt Dinge für die nächsten Generationen. Wir arbeiten für die Zukunft, für die nächsten Generationen.“