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Am Samstag ist Schalttag - und wieso er der letzte im laufenden Jahrzehnt ist

Der jahreszeitliche Lauf der Erde um die Sonne ist die Grundlage der meisten Kalendersysteme
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VdS - Vereinigung der Sternfreunde e.V.

Alle vier Jahre, in einem sogenannten Schaltjahr, gibt es ihn: den 29. Februar. Der Februar dauert einen Tag länger, wodurch das Jahr dann insgesamt 366 Tage hat. Damit beseitigt man die Schwierigkeit, dass die Erde knapp einen viertel Tag länger, näherungsweise 365,2425 Tage braucht, um die Sonne zu umrunden. Durch das Einschieben eines Schalttages wird alle vier Jahre der angesammelte Überschuss an Tagesbruchteilen wieder ausgeglichen. Doch von dieser Regel gibt es wiederkehrend auch seltene Ausnahmen. Vielen heute Lebenden steht eine solche Ausnahme noch bevor.

Wer den 1. März 2100 erlebt, wird im Vormonat desselben Jahres auf den gewohnten Schalttag verzichten müssen. So sieht es jedenfalls die Schaltregel des Gregorianischen Kalenders (auch Bürgerlicher Kalender genannt) vor, der weltweit der am meisten verwendete Kalender ist. Ihr zufolge sollen alle ganzzahlig durch vier teilbaren Jahre Schaltjahre sein, bis auf diejenigen Jahrhunderte, welche nicht durch 400 teilbar sind. Die Jahre 1700, 1800, 1900 und 2100 sind also ganz regelmäßige Jahre zu 365 Tagen, während 1600, 2000 und 2400 Schaltjahre sind. Ließe man keine Schalttage zu bestimmten Jahrhunderten ausfallen, geriete der Kalender in Bezug auf die Jahreszeiten schnell außer Takt.

Der Zweck der Gregorianischen Schaltregel ist es also, den Kalender mit dem jahrzeitlichen Lauf der Erde um die Sonne verlässlich zu verankern und - speziell für die christliche Religion - das 'bewegliche' Osterfest einschließlich seiner Folgefeste in einem mathematisch sicher kalkulierbaren Zeitfenster, respektive Abstand zum 'unbeweglichen' Weihnachtsfest zu halten.

Die Einzelheiten unseres Kalenderwesens sind äußerst spannend und teilweise recht verzwickt. Im Folgenden möchte ich die astronomischen, mathematischen, religionsgeschichtlichen und kulturhistorischen Zusammenhänge darstellen.

Ursprünglicher Schalttag war der 24. Februar

Eingeführt in den Kalender wurde dieser "zusätzliche" Tag von Julius Cäsar. Er reformierte den alten römischen Kalender, der maßgeblich ein Mondkalender war. Zwölf Monate von Neumond zu Neumond ergaben zusammen 354 Tage, also elf Tage weniger als das tropische Jahr, welches einem Umlauf der Erde um die Sonne von einer Frühlingstagundnachtgleiche bis zur nächsten entspricht. Um nicht den Anschluss an die Jahreszeiten zu verlieren, schob man alle zwei Jahre einen Schaltmonat zu 22 Tagen und alle vier Jahre einen zu 23 Tagen ein. Er hieß mensis intercalaris oder auch Mercedonius. Angefügt wurde er an das Jahresende, das damals mit dem Monat Februarius aufhörte. In normalen Jahren zu 354 Tagen hatte der Februar 27 Tage, in Schaltjahren endete er bereits am 23. Februar mit dem Fest der Terminalien. Der darauffolgende 24. Februar war dann der erste Tag des Mercedonius, die fehlenden vier Tage des Februar wurden einfach an diesen Schaltmonat angehängt.

Statue von Julius Caesar am Via dei Fori Imperiali in Rom. Cäsar setze 46 v. Chr. den nach ihm benannten Julianischen Kalender in Kraft und führte darin den vierjährigen Schalttag ein.
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Leomudde

Ein Kalendersystem mit ganzen Schaltmonaten war jedoch unhandlich. Hinzu kam, dass damit politischer Missbrauch getrieben wurde. Zur damaligen Zeit oblag es dem obersten Priester, dem Pontifex Maximus, das ordnungsgemäße Einschieben des Schaltmonats zu regeln. Oft geschah dies unregelmäßig und willkürlich, zum Beispiel wenn die amtierenden Konsuln ihr Amt verlängern wollten oder man einen Amtsträger vorzeitig loswerden wollte. Für das allgemeine bäuerliche und soldatische Leben der damaligen Zeit war jedoch eine solche Handhabung der Zeitrechnung verwirrend. Man soll bisweilen über die Römer gespöttelt haben, dass sie zwar immer siegen, aber nicht wissen, wann.

Die Einführung des Julianischen Kalenders

Cäsars Kalenderreform im Jahre 46 v. Chr. beendete das Wirrwarr. Er legte den Beginn des römischen bürgerlichen Jahres auf den 1. Januar, dem Amtsantritt der Konsuln fest, übernahm das ägyptische Sonnenjahr zu 365 Tagen als Jahreslänge und ließ dazu alle vier Jahre einen Schalttag, einen dies intercalaris einfügen. Der Schalttag sollte dabei in Anlehnung an den alten römischen Lunisolar-Kalender des Numa Pompilius nach dem 23. Februar eingeschoben werden, gewissermaßen als ein zusätzlicher Tag zwischen dem 23. und 24. Februar. An unsere heutige fort- und vorwärtslaufende Tagezählweise gewöhnt, kann man das kaum verstehen. Die Römer zählten ihre Monatstage jedoch wie in einem Countdown, das heißt auf einen festen, bald kommenden Tag hin, so wie es Kinder tun, wenn sie noch drei, zwei... Tage vor Heiligabend oder vor dem Ferienbeginn vor sich haben.

Dabei wurden die festen Termine mitgezählt. So war in einem Gemeinjahr zu 365 Tagen der 24. Februar der sechste Tag vor den Kalenden des März, d.h. vor dem 1. März. In einem Schaltjahr hatte aber nun der Tag darauf, der 25. Februar, dieselbe Bezeichnung wie der 24. Februar in einem Gemeinjahr. Um Missverständnisse zu vermeiden, musste man den in einem Schaltjahr eingeschobenen dies intercalaris anders bezeichnen und nannte ihn deshalb "ante diem bissextum Kalendas Martias", was so viel wie "der zweimalsechste oder doppelt gezählte sechste Tag" bedeutet. Der Tag darauf, der normale römische 24. Februar (unser heutiger 25. Februar) wurde im Schaltjahr "ante diem sextum Kalendas Martias" genannt. Diese überlieferte Tatsache spiegelte sich lange Zeit darin wider, dass bis zur Neuordnung des kirchlichen Festkalenders im Jahre 1969 das Fest des hl. Matthias, das stets am 24. Februar gefeiert wurde, in einem Schaltjahr auf den 25. Februar verschoben wurde.

So lässt sich im historischen Kontext verstehen, warum der ursprüngliche Schalttag der 24. und nicht der 29. Februar ist. In diesem Jahr fällt er sogar auf den Rosenmontag!

Der letzte Schalttag im laufenden Jahrzehnt

Der Universalgelehrte Beda Venerabilis verhalf der christlichen Jahreszählung zum Durchbruch; Abbildung aus dem 12. Jahrhundert

Doch warum ist der diesjährige Schalttag der letzte im laufenden Jahrzehnt? Hat denn nicht mit dem Jahr 2020 ein neues Jahrzehnt begonnen? Keineswegs! Das verdanken wir nicht Julius Cäsar, sondern dem frühmittelalterlichen Mönch Dionysius Exiguus, der von ca. 470 bis 540 n. Chr. lebte und als Begründer der christlichen Zeitrechnung gilt. Dionysius war hochgebildet, sprach sowohl die lateinische als auch die griechische Sprache und war nicht zuletzt wegen seiner hervorragenden Begabungen von der römischen Kurie gebeten worden, sich der sogenannten Osterfrage anzunehmen. Denn auf dem Konzil von Nicäa war zwar im Jahre 325 n. Chr. einstimmig beschlossen worden, dass es gut und geziemend sei, wenn alle Christen Ostern am selben Tag feierten, doch an der konkreten Umsetzung haperte es und Ostern wurde weithin wie zuvor von den christlichen Hochburgen, vor allem in Rom und Alexandria, an unterschiedlichen Sonntagen gefeiert. Das führte zwangsläufig zu Streit.

Saint John Dictating to the Venerable Bede; National Gallery of Art, Rosenwald Collection, um 1140

Dionysius sollte nun die alexandrinische Bestimmung des Osterfestes für die Römer – modern gesagt – benutzerfreundlich machen, sodass die Streitigkeiten um das Osterfest behoben werden konnten. Im Zuge seiner Bemühungen beschäftigte sich Dionysius auch zwangsläufig mit den Datierungen des Geburts- und Todesjahres Jesu in den damals üblichen Zeitrechnungssystemen. Bekannt war auch, dass gemäß des julianischen Kalenders der Osterzyklus 532 Jahre dauerte, d.h. nach dieser Zeit beginnt dieselbe zeitliche Abfolge der Ostertermine für weitere 532 Jahre. In diesem Kalender, in dem die Jahre nach den Amtszeiten von Konsuln und Thronbesteigungen von Kaisern gezählt wurden, wäre das Ende des allersten Osterzyklus auf das 248. Jahr in der Ära des Kaisers Diokletian gefallen. Mit Diokletian, der ein großer Christenverfolger gewesen war, wollte Dionysius verständlicherweise seine Jahreszählung in den Ostertermintafeln nicht verbinden. So schuf er also eine neue, dem Christentum biblisch angemessene Zählweise, indem er dem 248. Jahr nach der Thronbesteigung des Diokletian das 532. Jahr nach Christi Geburt (ursprünglich dessen Empfängnis) zufügte.

Dionysus Exiguus hat also keine neuartige Zeitrechnung erfunden, sondern lediglich die bestehende aus biblisch und christlich nachvollziehbaren Gründen mit einem neuen „Nullpunkt“ versehen. Doch weil die Römer keine Null kannten, sondern ihre Jahre von einem bestimmten Ereignis an positiv vorwärts zählten, war das Geburtsjahr Jesu folgerichtig das Jahr 1 n.Chr. und das Jahr vor seiner Geburt das Jahr 1 v. Chr. Diese christliche Jahreszählung setze sich allerdings erst rund 200 Jahre später dank des angelsächsischen Benediktiners und Geschichtsschreibers Beda Venerabilis (672/3 bis 735 n. Chr.) immer mehr durch.

Unser weltweit gültiger Kalender kennt kein Jahr 0, sondern nur die Bezeichnungen 1 n. Chr. und 1 v. Chr. Man spricht hierbei auch von der Zeitenwende. Aus praktikablen Gründen verwendet man in der Astronomie allerdings eine durchlaufende Zählung mit einem Jahr 0, dem das Jahr 1 v. Chr. entspricht (vgl. auch die DIN-Norm 1355-1 vom März 1975).

Weder der Julianische Kalender noch sein Nachfolger, der Gregorianische, kennen das Jahr Null. Das erste Jahrzehnt nach Christi Geburt begann im Jahre 1 und endete im Jahre 10, entsprechend verhält es sich mit dem ersten Jahrzehnt vor Christus. Jedes Jahrzehnt beginnt mit einer 1 und endet mit einer 0 an der letzten Ziffernstelle der Jahreszahlen. Das laufende Jahr 2020 ist folglich das letzte Jahr des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts und sein Schalttag darin der letzte in dieser Dekade.