Angetrieben von der Sonnenenergie

Gerd Dibowski ist Rentner. Seit dem 1. März 2026. Eigentlich könnte er jetzt das DLR, wo er zuletzt als Leiter des Sonnenofens arbeitete, nach 34 Jahren von seiner To-Do-Liste streichen. Will er aber nicht – und so hat er einen Vertrag für die nächsten zwei Jahre abgeschlossen und arbeitet weiterhin zwei Tage in der Woche am Sonnenofen. „Mich interessiert das alles immer noch“, sagt er. „Warum soll ich aufhören?“ Bis auf seine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker hat sich Gerd Dibowski schon immer mit einem Thema beschäftigt: Energie.
Auch wenn damals an der Universität im Maschinenbau-Studium von Solarenergie noch wenig die Rede war. „Damals hieß es, dass man mit dieser Technik nur zwei Prozent des Energiebedarfs decken kann“, erinnert er sich. Das Thema sei überhaupt nicht ernstgenommen worden. „Ökospinner“, die wurden damit in Verbindung gebracht. Die, die in bunten Klamotten herumliefen und denen man nichts zutraute. Nukleartechnik war angesagt. „Aber nach drei Jahren in der Kerntechnik konnte ich mich nur noch über die Kollegen wundern, die das so absolut gesehen haben. Das hat mir überhaupt nicht gefallen.“ Gerd Dibowski ist niemand, der da bleibt, wo es ihm nicht gefällt. 1992 fragte er deshalb beim Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme an, das zu den ersten Instituten in Deutschland gehörte, die sich mit Solarthermie beschäftigten. „Ist es möglich, bei euch eine Diplomarbeit zu schreiben?“ Das Ergebnis: Gerd Dibowski forschte für seine Diplomarbeit an Gebäudesimulationen für transparente Wärmedämmung, bei der die Energie des Sonnenlichts genutzt wird, um das Innere des Gebäudes zu erwärmen. Wie beispielsweise an der Südseite des Europäischen Astronautenzentrums EAC, was die Energiekosten der Trainingshalle mit dem großen Tauchbecken deutlich reduziert. „Das war eine tolle Zeit, denn da gab es Leute, die von der Idee angetrieben wurden, nicht vom Karrieregedanken.“
Zum DLR dank eines braunen Kuverts
Der heute 66-Jährige bestand sein Diplom damals mit Auszeichnung – nur Jobs, die gab es kaum im Bereich der Solarenergie. Gerd Dibowski steckte mitten in der Familiengründung, das erste Kind war unterwegs. Fester Standort: Düsseldorf. Die Lösung brachte ein Adressbuch der Landesregierung NRW mit Akteuren im Bereich der Erneuerbaren Energien, aus denen er fünf günstig gelegene potenzielle Arbeitgeber auswählte. Gerd Dibowski erinnert sich noch gut an die fünf braunen Kuverts mit seinen Bewerbungsunterlagen, die er zum Briefkasten brachte. Fünf Initiativbewerbungen an Akteure in der Nähe von Düsseldorf, drei Einladungen zum Bewerbungsgespräch – und schlussendlich ein Vertrag am DLR, wo ein Maschinenbauer für den Aufbau des Sonnenofens gesucht wurde.
Work-Life-Balance bei voller Auslastung

Dass Gerd Dibowski dann 34 Jahre später als Leiter eben dieses Sonnenofens in Rente gehen würde, war damals sicherlich noch nicht absehbar. Gepasst hat es trotzdem ein ganzes Berufsleben lang. Nachdem der Sonnenofen 1994 in Betrieb genommen werden konnte, hat es gebrummt an der Forschungsanlage: „Wir hatten so viele Anträge für Versuche, dass wir direkt fünf Jahre lang ein volles Programm hatten.“ Auch wenn man es beim Kölner Wetter nicht unbedingt erwartet – es gibt rund 1500 Sonnenstunden im Jahr. Arbeit am Wochenende oder auch mal eine 10-Stunden-Schicht, dazu die eigene Promotion, waren nicht ungewöhnlich. Die Work-Life-Balance hat trotzdem funktioniert: Wenn seine Frau als Stewardess unterwegs war, organisierte Gerd Dibowski die Kinder in dieser Zeit alleine – „und das konnte ich immer mit der Arbeit vereinbaren“.
Mit der Zeit wandelte sich auch das Bild der solaren Energiegewinnung in der Öffentlichkeit. Atomausstieg, Klimawandel, „es gab eine ganze andere Wahrnehmung und auf den Solarmessen änderte sich das Publikum von der Schlaghose zum Boss-Anzug“, sagt Gerd Dibowski lachend. Die neue Wertschätzung der Solarthermie stellte auch die Finanzierung auf sicherere Beine. Als das DLR ihm nach fünf Jahren einen Dauervertrag anbot, wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt gewesen, in die Industrie zu wechseln. Aber er blieb, weil die Motivation hoch war und die Teamarbeit am Sonnenofen einfach passte.
Labor mit hohen Ansprüchen

Heute ist der Sonnenofen ein etabliertes Labor für Versuche im kleineren Maßstab, bis es mit den wichtigen Erkenntnissen zum Beispiel zur Weiterentwicklung am Solarturm Jülich geht. „Wer bei uns erfolgreich testet, macht zum Beispiel in Jülich weiter.“ Der 2007 in Köln gebaute Simulator mit Lampen als künstliche Sonne im Inneren des Gebäudes macht wetterunabhängig, entlastet den Sonnenofen und schafft weitere Versuchsaufträge. Die Forschung für die Raumfahrt ist hinzugekommen: Aus Mondstaub mit der Energie der Sonne kleine Ziegelsteine für Mondhabitate brennen, beschichtete Linsen oder Photovoltaikzellen bei großer Hitze testen – „das hat unsere hohen Ansprüche an die Messtechnik noch weiter erhöht, wir lernen immer mehr dazu“. Hinzu kommen Versuche für die Brennstoff-, Dünger- und die Zementherstellung. Seit 15 Jahren lehrt Gerd Dibowski auch an der Technischen Hochschule Köln. Jeder kenne Photovoltaik und Windenergie, die konzentrierende Solarthermie – die Spezialität des DLR – wäre noch nicht ausreichend bekannt.
Auch wenn Segelboot, Langlauf, Haus und Garten den Rentner gut beschäftigen könnten, will er seine andere Liebe – seine Arbeit in der Solarforschung – deshalb nicht aufgeben. Sein langjähriger Kollege Christian Willsch, mit dem er den Betrieb des Sonnenofens durchgeführt hat, sieht ihn noch gerne, Krishna Thanda, der neue Leiter des Sonnenofens, hat einen fließenden Übergang in seine Position. Also: Das Interesse ist da, die Motivation, das gute Teamgefühl – Gerd Dibowski bleibt dem Sonnenofen und dem Institut für Future Fuels des DLR treu.
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