„Wir schrauben selbst daran“

Wenn ein Hubschrauber oder ein Flugzeug über Felix Krziwanie fliegt, geht bei dem 33-Jährigen automatisch der Blick nach oben. In Stuttgart hat er Luft- und Raumfahrtechnik studiert, und er wird wohl auch immer von beidem ein Fan sein. „Aber Raumfahrt ist das Nonplusultra – weil sie jegliche Extreme hat und wir in einer Zeit leben, in der extrem viel passiert in dem Bereich“. Wie beispielsweise die Artemis-Missionen zum Mond, die vielen Startups im Raumfahrtbereich in Deutschland oder auch die Entwicklung eines wiederverwendbaren Launchers wie Callisto am DLR. Dass das funktioniert, hat Elon Musk mit Space-X gezeigt. Wie das funktioniert, muss Europa allerdings selbst herausfinden, wenn es unabhängig und wettbewerbsfähig bleiben will. Felix Krziwanie vom DLR-Institut für Bauweisen und Strukturtechnologie wird seinen Teil dazu beitragen: Gemeinsam mit Kollegen ist er für Struktur und Thermalschutz der Landebeine von Callisto zuständig.
Beim Raumfahrzeug Callisto, das senkrecht starten und senkrecht landen soll, arbeiten Teams aus Deutschland, Frankreich und Japan zusammen, um den unabhängigen Zugang zum Weltall zu erforschen. 14 Meter hoch soll die Rakete werden, der Durchmesser beträgt dabei mehr als ein Meter. Ein Technologiedemonstrator, der zeigen soll: Auf einer kleinskalierten Größe funktioniert die Technik, der nächste Schritt kann eine wiederverwendbare Rakete sein, die Satelliten und Experimente ins Weltall transportiert. Gerade wird die Flughardware produziert. „Fairing und Finnen haben wir schon, die Landebeine befinden sich in der Fertigung“, erläutert Felix.
Als Student ans DLR

Während seines Studiums hatte der Ingenieur sich auf Entwurf, Auslegung und Materialien spezialisiert – „das Gebiet ist sehr breit aufgestellt und legt sich nicht auf Luft- oder Raumfahrt fest“. Seine Kenntnisse kann er also in beiden Bereichen anwenden. Das es dann nach einer Hilfskraftstelle am Institut für Flugzeugbau und einem Praktikum im Hubschrauber-Bereich die Raumfahrt geworden ist, liegt unter anderem auch an zwei Vorlesungen. Die eine hielt sein heutiger Institutsleiter Prof. Heinz Voggenreiter, die andere sein heutiger Abteilungsleiter Hendrik Weihs. Das DLR als Forschungseinrichtung liegt nicht nur räumlich nahe an der Universität Stuttgart. Daraus entwickelte sich die Masterarbeit und – „mein großes Glück“ – zeitgleich mit seinem Abschluss eine erfolgreiche Bewerbung auf eine frisch ausgeschriebene Stelle im Callisto-Team.
Vom Konzept bis zum Flug
Jetzt beschäftigt sich Felix Krziwanie also unter anderem damit, dass eine wiederverwendbare Raketenstufe nicht nur stabil abhebt, sondern auch wieder stabil auf ihren Landebeinen aufsetzen kann. „Unsere Abteilung ist ganz dicht an der Hardware dran, wir schrauben selbst daran herum.“ Für Raumfahrtprojekte braucht man einen langen Atem: 2027 sollen die Landebeine an den Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana verschifft werden, um Callisto für den Testflug auszustatten. Während seiner Arbeit im Projekt hat Felix aber immer das Ziel vor Augen und weiß: das, worin er seine Arbeit steckt, wird starten und fliegen. „Und ich werde quasi danebenstehen!“
Nationale und internationale Teamarbeit

Mehrere Male war der Ingenieur für das Projekt bereits beim japanischen Partner JAXA oder in Frankreich bei der nationalen Raumfahrtagentur CNES, um die nächsten Meilensteine zu besprechen. Die Projektleitung für den DLR-Anteil liegt im DLR-Institut für Raumfahrtsysteme in Bremen – auch dort finden regelmäßige Workshops zum Austausch statt. In Japan sei man erst einmal förmlich und zurückhaltender, beim französischen Partner arbeite man mit einer großen Raumfahrtagentur zusammen, die Kolleginnen und Kollegen im DLR sind enorm interdisziplinär aufgestellt. „Das sind alles unterschiedliche Arbeitsweisen, die man verstehen und in die man sich einarbeiten muss.“ Das alles findet er gut – „man muss aus seiner eigenen Arbeitswelt herausblicken“.
Der 33-Jährige ist Teamplayer. Nicht nur im Beruf, sondern auch in der Freizeit. Schon seit der Grundschule spielt er Handball, behielt die Begeisterung für den Sport bei und spielte bis 2024 in der Verbandsliga. Das Hobby ist nicht nur Hobby, sondern auch ein Ausgleich zum Job, hilft ihm, den Kopf freizukriegen nach Feierabend. „Es ist durchaus herausfordernd, so viele ‚Baustellen‘ gleichzeitig zu haben, aber ich sehe es auch als Vorteil“, sagt Felix. „Die eigene Lernkurve ist extrem steil, gerade in den ersten Jahren.“ Online-Meetings, Dokumentationen, Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, der Beginn der Kampagnenplanung für den Start, Testkampagnen an den DLR-Anlagen unter anderem in Stuttgart, Bremen und Lampoldshausen, die Integration von Hardware – je nach Projektphase sind die Aufgaben sehr unterschiedlich und auch eng getaktet. „Aber wie oft hat man schon im Leben die Möglichkeit, einen Launcher zu entwickeln? Und das von A bis Z, wie es am DLR möglich ist.“
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