Das RESITEK Sturm-Szenario: Hilf den Helfern
Ich stehe im Stau. Es hat geregnet, vor mir Rettungsfahrzeuge, ein Ast liegt quer über dem matschigen Weg. Vor mir Johanniter, Malteser, Feuerwehr und natürlich überall THW. Doch anstatt beunruhigt zu sein, muss ich grinsen: Denn dies ist zum Glück kein Ernstfall, sondern ein Testszenario, und ich bin der Leiter dieser Großübung. Alle sind gekommen. Und das Wetter spielt auch noch mit. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert! Doch was genau hat funktioniert?

Am 9. Oktober 2026 fand in Braunschweig die Großübung „Sturmschäden im städtischen Bereich“ statt. Unser Ziel war es, die Technologien und Prozesse aus dem Projekt RESITEK (Resiliente Technologien für den Katastrophenschutz) unter realen Bedingungen zu testen.
Gemeinsam mit Einsatz- und Rettungskräften stellten unsere Teams vom DLR das Szenario nach dem Durchzug eines verheerenden Sturmtiefs nach: Die Straßen sind von entwurzelten Bäumen blockiert, Gebäude stark beschädigt, und die Strom- und Kommunikationsnetze sind ausgefallen. Nun galt es, sich in möglichst kurzer Zeit ein Bild von der Lage vor Ort zu verschaffen, damit Rettungs- und Hilfseinsätze schnell und gezielt durchgeführt werden können.
Die Technologiedemonstration des Projekts RESITEK war der Abschluss von drei Jahren Arbeit. Sechzehn DLR-Institute haben zusammen erforscht, wie neue Technologien den Zivil- und Katastrophenschutz in einem echten Katastrophenfall unterstützen und optimieren können. Nicht im Einzelkämmerchen, sondern vernetzt: Informationen aus Satelliten, Drohnen, der Überwachung kritischer Infrastrukturen, bodengestützter und robotischer Erkundung laufen in einem umfassenden Daten- und Visualisierungssystem zusammen. Dies ermöglicht ein kontinuierliches Lagemonitoring und das Erstellen von komplexen Lagebildern – und damit bessere Entscheidungen im Ernstfall.

Es geht los
Ein Blick zurück … Am Morgen des 9. Oktober geht es um 9 Uhr los. Wir spielen dabei zwei Szenarien parallel durch: einmal das Lagebild Luft und einmal das Lagebild Boden. Beim Lagebild Luft startet eine autonome Such- und Rettungsdrohne und kreist über dem Gelände, um selbständig verunglückte Personen zu finden. Als die Drohne einen hilfsbedürftigen Menschen identifiziert hat, meldet sie diese Information umgehend an das zentrale Lagezentrum. Hier laufen alle Daten zusammen und werden in den Lageplan aufgenommen, auf den alle Rettungs- und Hilfskräfte Zugriff haben. Jetzt wird dort auch die Position der hilfsbedürftigen Person auf der Karte markiert.
Drohnen als „fliegende Helfer“ und ein unsichtbarer Hubschrauber
Es startet eine neue Drohne zum Fundort. Sie ist in der Lage, Live-Bilder an die Zentrale zu übertragen. Nun können die Einsatzkräfte die Situation bewerten. Sie bestätigen, dass sich hier tatsächlich ein Mensch in einer (simulierten) Notsituation befindet.
Sofort steigt ein Hubschrauber mit Seilwinde auf und nähert sich dem Fundort – gut zu erkennen auf dem mitgebrachten Flugsimulator, der alle Schritte zeigt und sogar von den Teilnehmenden der Übung „ausprobiert“ werden darf. Auf den Bildschirmen im Lagezentrum kann man mitverfolgen, wie sich die virtuellen Sanitäter vom Hubschrauber abseilen, die hilfsbedürftige Person auf einer Bahre sichern und diese an Bord ziehen. Ein Automatismus sorgt bei dieser Aktion dafür, dass sich die Drohnen vor der Ankunft des Hubschraubers aus dem Gebiet zurückziehen und selbständig zum Startplatz zurückkehren. So können mögliche Kollisionen vermieden werden.
Autonome Fahrzeuge werden zu Material- und Krankentransportern
Das Szenario zum Lagebild Boden gewährt uns einen Blick in die Zukunft, in der hochautomatisierte Fahrzeuge – eine Art „Robo-Taxis“ – autonom auf den Straßen unterwegs sind. Nach einem schweren Sturm, bei dem Stromversorgung und Verkehrssysteme ausfallen, würden diese Fahrzeuge an Ort und Stelle stehenbleiben. Um zu verhindern, dass sie dabei Straßen und Rettungswege blockieren und sie gleichzeitig zum Transport von Hilfsgütern oder Personen zu nutzen, wird hier ein System für Mobilität in Sondersituationen getestet. Eine besondere Herausforderung dabei ist, dass autonome Fahrzeuge normalerweise auf markierte Fahrbahnen angewiesen sind, die von ihren Sensoren ausgelesen werden, und an denen sie sich orientieren.
Mit dem „Viewcar“ über Stock und Stein
Um die Situation zu simulieren, wird bei unserer Übung ein Forschungsfahrzeug des DLR mit einer speziellen Sensorik, das „Viewcar“, eingesetzt. Unser Spezial-Auto muss dabei Ästen und umgefallenen Bäumen ausweichen und abseits der asphaltierten Wege fahren können. Auch hier laufen alle Daten in Echtzeit beim Lagezentrum Boden ein. Sowohl die Position der Fahrzeuge im Katastrophengebiet als auch Informationen darüber, wo es genau zu Stromausfällen gekommen ist, werden in den komplexen Lageplan aufgenommen. In einem Baumkataster wird markiert, wo Bäume bereits umgestürzt sind und wo weitere Straßenblockaden drohen.
Computergestützte Verkehrsmodelle simulieren das Verhalten von Fahrzeugen und Personen, die zu Fuß unterwegs sind, berechnen optimale Routen für Rettungsfahrzeuge und koordinieren zeitlich versetzte Evakuierungen. Ein ergänzend entwickelter Algorithmus teilt Einsatzgebiete automatisiert in Sektoren ein. Autonom fahrende Fahrzeugflotten profitieren unmittelbar von den so berechneten Routen und lassen sich damit zuverlässig aus Gefahrenbereichen herausführen.
Durch Matsch und Müll statt Schreibtisch und Computer
Eine Arbeit, die es wert ist, getan zu werden, ist es auch wert, gut getan zu werden. Das heißt in der Vorbereitung: Biertische aufbauen, über Erdhügel waten, in Staub und Matsch bei Bauarbeiten helfen, auf Wachmänner warten und Müll entsorgen. Das gehört dazu. Und die DLR-Menschen? Es hat sich gezeigt: DLR-Mitarbeitende sind „Organisationsmonster“. Wenn man ihnen Freiraum lässt, organisieren sie sich selbst – und haben dabei immer auch ein Auge nach links und rechts. Getauschte Kabeltrommeln, eingerichtetes Satellitennetzwerk, gegenseitige Aufbauhilfe, Systemtests, hunderte kleine Entscheidungen. Jeder hat einen Plan. Ein Traum für mich als „faulen“ Demonstrationsleiter und unseren Gesamtprojektleiter Joachim. Der ist inzwischen Experte für alles: Brandschutz bei Zelten, Generatorbedienung, Arbeitsschutz, Notfallkonzepte, Veranstaltungsmanagement und Datenschutz.

DLR/Leon Jakobs
Am Ende hat sich die ganze Arbeit gelohnt: Technik, Simulationen und Systeme haben sich bewährt, die virtuellen Rettungseinsätze haben gut funktioniert. Und mit den vielen Daten, die wir durch den Praxistest gewonnen haben, werden wir in den nächsten Wochen und Monaten daran arbeiten, die Abläufe weiter zu optimieren. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!
Weiterführende Links
- RESITEK – Resiliente Technologien für den Katastrophenschutz
- DLR-Nachricht: Moderne Technologien unterstützen den Katastrophenschutz
- DLR-Nachricht: Zukunftstechnologien für den Katastrophenschutz
- Thema im Fokus: Technologien aus der Luft- und Raumfahrt für die humanitäre Hilfe
- Thema im Fokus: DLR – Starker Partner für Wirtschaft & öffentliche Stakeholder
- Thema im Fokus: Sicherheits- und Verteidigungsforschung im DLR
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