5. März 2026 | Veränderungen im Pendelverkehr der Zukunft

MOBITAT 2050: So wird Pendeln nachhaltiger

Zukunftsvision 2050
Wie Pendelverkehre der Zukunft aussehen können - Das Projekt MOBITAT 2050 zeigt eine futuristische Stadtlandschaft mit nachhaltigen und umweltfreundlichen Verkehrsmitteln und Technologien auf.
  • Im Projekt MOBITAT 2050 haben Forschende des DLR gemeinsam mit Projektpartnern Werkzeuge zur Unterstützung für Kommunen und Regionen bei der Entscheidungsfindung für eine nachhaltige Verkehrsplanung erstellt.
  • Mit einer neuartigen Modelllandschaft lassen sich die Veränderungen beim Wohnen, Arbeiten und Pendeln bis 2050 darstellen.
  • Strategien zur Förderung umweltfreundlicher und ökonomisch vorteilhafter Mobilität wurden in Maßnahmenpaketen als Handreichung aufgearbeitet.
  • Schwerpunkt: Mobilität, Nachhaltigkeit, Verkehrswende

Jeden Tag pendeln in Deutschland Millionen von Menschen zur Arbeit und wieder nach Hause. Manchmal liegen nur wenige Kilometer zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. Oft müssen Berufspendelnde aber längere Strecken zurücklegen. Obwohl der ÖPNV mittlerweile ein hohes Qualitätsniveau vor allem in größeren Städten hat und neue Verkehrsmittel genutzt werden, wie zum Beispiel Pedelecs und On-Demand-Angebote, setzen die meisten Erwerbstätigen für ihre Arbeitswege noch immer auf das Auto: Im Jahr 2020 waren es nach Informationen des Statistischen Bundesamts 68 Prozent. Damit verursacht der Pendelverkehr aktuell ein Drittel aller Pkw-Fahrleistungen in Deutschland. Gleichzeitig gibt es neue Trends, die das Pendeln beeinflussen, zum Beispiel die Digitalisierung und Automatisierung des Verkehrssystems und der anhaltende Zuzug junger Menschen in die Städte. Arbeitsorte und -Prozesse werden zudem flexibler, denn immer mehr Menschen arbeiten zumindest teilweise von zuhause aus.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), das Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu), das ConPolicy Institut für Verbraucherpolitik sowie das Institut für Stadtbauwesen und Stadtverkehr (ISB) der RWTH Aachen und das Integrierte Verkehrs- und Mobilitätsmanagement Region Frankfurt Rhein/Main (IVM) waren an dem Projekt beteiligt. Das DLR-Institut für Verkehrsforschung hat insbesondere untersucht, wie sich der Pendelverkehr in direktem Zusammenspiel mit den Aspekten Wohnen und Arbeiten verändert. Das ist am Beispiel der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main erfolgt.

Durch Homeoffice wird die Distanz zum Arbeitsplatz weniger relevant

Die Forscherinnen und Forscher haben Berufspendelnde befragt: der Weg zur Arbeit ist für die Befragten zwar ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Wohnortes, aber nicht das entscheidende. Bei der Wahl des Verkehrsmittels hingegen spielten eine kurze Reisedauer, hohe Flexibilität und geringe Kosten die entscheidende Rolle.

Das mobile Arbeiten bewirkt kaum eine Verringerung des Pkw-Anteils bei der Pendelmobilität. „Homeoffice allein reduziert das Verkehrsaufkommen nicht automatisch“, erklärt Dr. Viktoriya Kolarova vom DLR-Institut für Verkehrsforschung. „Zwar pendeln Menschen seltener, wenn sie öfter zuhause arbeiten, doch sie sind gleichzeitig bereit, längere Wege in Kauf zu nehmen. Damit die Verkehrswende gelingt, muss die Verbreitung von Homeoffice mit attraktiven Anreizen für nachhaltige Verkehrsmittel auf den verbleibenden Pendelwegen kombiniert werden.“

Veränderte Pendelströme bei mehr Wohnen außerhalb der Städte
Die veränderten Pendelströme geben Kommunen und Regionen die Möglichkeit, verkehrliche Maßnahmen zielgerichtet zu Planen. Die Achse zwischen Wiesbaden und Frankfurt hat deutlich weniger Pendelnde, wenn mehr Menschen außerhalb der Städte wohnen. Stattdessen verteilen sich die Pendlerströme großflächiger und über weitere Distanzen.

Verkehrswende beeinflusst den Wohnungsmarkt

Die Überprüfung zur Wirksamkeit von verschiedenen Maßnahmen der Verkehrsplanung ist ein wichtiger Bestandteil der Forschungsarbeit. Das Projektteam in MOBITAT hat Wohn- und Arbeitsplatzstandorte und deren Verbindung mit dem Verkehrssystem in einer Modellandschaft zusammengeführt. Zusammen können die Modelle nun prognostizieren, wie sich die Bevölkerung in der Region entwickeln wird, verteilt sie anschließend auf Haushalte und Gemeinden und bildet ab, welchen Effekt unterschiedliche Maßnahmen auf Verkehr, Wohnen und Arbeiten haben.

Blaupause für Kommunen und Regionen
Die von den Forschenden entwickelten Methoden für die Fragestellung „Wo Wohnen, Arbeiten und Pendeln wir?“ sind auch in anderen Regionen anwendbar. Der neue Modellierungsansatz zur Wohnstandortwahl kann über die neu entwickelte Schnittstelle mit anderen regionalen Verkehrsmodellen kombiniert werden.

Die Ergebnisse aus den verschiedenen Zukunftsszenarien zeigen deutlich ein komplexes Zusammenspiel zwischen den drei Faktoren Siedlungsentwicklung, Entwicklung der Homeoffice-Tätigkeit sowie die allgemeine Entwicklung des Verkehrs.

Beispielsweise zeigt die Betrachtung der Siedlungsentwicklung, dass eine Verlagerung der Bauaktivität an Randgebiete insgesamt kaum dazu beitragen kann, das Pendeln nachhaltiger zu gestalten. Stattdessen führt die Flucht auf das Land zu tendenziell längeren Arbeitswegen und die Wohnfläche pro Kopf steigt, weil zum Beispiel Personen eher ein Haus oder größere Wohnungen haben. Dadurch bleibt das Auto ohne weitere verkehrliche Maßnahmen für Pendelnde Mittel der Wahl. Das gilt auch dann, wenn die Zahl der Fahrten durch eine ausgeweitete Homeoffice-Tätigkeit der Beschäftigten insgesamt sinken würde. Außerdem würden die Preise für das Wohnen in umliegenden Zonen von Großstädten steigen. Die angespannte Wohn- und Preissituation in den Ballungszentren würde dadurch aber nicht entlastet – das Wohnen würde nur insgesamt teurer.

Würde man anstelle von Wohnbauprojekten in umliegenden Zonen von Großstädten den Wohnraum in Großstädten erhöhen, führt dies zu kürzeren Arbeitswegen. Kombiniert mit restriktiven Push-Maßnahmen, wie einer Citymaut, Streckensperrungen im Quartier oder Tempo 30 Zonen im Stadtverkehr, könnte der motorisierte Individualverkehr stark eingedämmt werden. Dadurch würden die Umweltbelastung und die Wohnfläche pro Kopf sinken. Andererseits würde diese Entwicklung die bereits angespannte Preislage in dem Beispiel von Frankfurt weiter verschärfen. Auch verlören die Randgebiete als Wohnstandorte an Attraktivität. Es stünde daher zu befürchten, dass sich die soziale Ungleichheit in Großstädten und umliegenden Gemeinden verschärft und es beispielsweise zu Verdrängungseffekten bei niedrigen Einkommensgruppen kommt. Eine flächendeckende Einführung von mobilem Arbeiten könnte diese Entwicklung ein wenig abfedern, aber nicht aufhalten.

Es wird deutlich, dass nachhaltige Mobilitätsplanung über rein verkehrsplanerische Maßnahmen hinausgeht. Klimafreundlichere Verkehrsplanung macht es notwendig, komplexe Anforderungen verschiedener Bereiche miteinander in Einklang zu bringen. Je nachdem, wie wir eine notwendige Verkehrswende ausgestalten, kann sie mit großen Auswirkungen auf das Wohnen einhergehen. Die gute Nachricht: es gibt zahlreiche Maßnahmen, die das Forschungsteam zu MOBITAT 2050 als Maßnahmenpakete zur Nachhaltigkeit gebündelt und bewertet hat.

Nachhaltige Pendelmobilität: Chancen entstehen durch maßgeschneiderte Lösungen

Die in MOBITAT 2050 entwickelte Nachhaltigkeitsbewertung der Pendelmobilität stellt für Kommunen und Regionen einen Bewertungsansatz dar, ihre Planungen und Strategien auf die vier Leitbilder und Zielsetzungen der Nachhaltigkeit zu prüfen und anzupassen:

  • Umwelt & Ressourcen
  • Gerechte Gesellschaft
  • Lebensqualität
  • nachhaltiges Wirtschaften

Damit werden nicht nur ökologische Aspekte berücksichtigt, sondern auch soziale und wirtschaftliche Aspekte. Innerhalb der Nachhaltigkeitsbewertung gibt es Gemeinsamkeiten ebenso wie gegenläufige Dynamiken zwischen Gemeinden verschiedener Größe und räumlicher Lage. Dabei gibt es keine „Gewinner“ oder „Verlierer“ der Nachhaltigkeitsbewertung im regionalen Vergleich. Sowohl städtisch als auch ländlich geprägte Gebiete, Großstädte ebenso wie Mittel- und Kleinstädte schneiden in manchen Bereichen besser, in anderen schlechter ab.

Maßnahmen sind daher individuell anzusetzen, je nachdem welche Zielsetzung in Kommunen oder Regionen gerade besonders wichtig ist. Wichtig ist dabei, die Umstrukturierung des Verkehrs über verkehrliche Maßnahmen hinauszudenken. Durch den modellgestützten Ansatz ist es uns jetzt möglich die maßgeschneiderten Lösungen für die nachhaltige Umgestaltung der Pendelmobilität regionsspezifisch zu überprüfen.

Kontakt

Dr. Jan Grippenkoven

Abteilungsleiter
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
Institut für Verkehrsforschung
Verkehrsmittel
Rudower Chaussee 7, 12489 Berlin

Alexandra Konrad

Öffentlichkeitsarbeit
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
Institut für Verkehrsforschung
Instituts- und Strategieplanung
Rudower Chaussee 7, 12489 Berlin
Tel: +49 30 67055-8079