WATERSIDE

Seit dem Start des Sofortprogramms „Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee“ in den Jahren 2022/2023 und der zunehmenden öffentlichen Aufmerksamkeit seit Sommer 2024 rückt das Thema Munitionsaltlasten immer stärker in den Fokus. Schätzungsweise 1,6 Millionen Tonnen Munition aus den beiden Weltkriegen lagern noch immer in Nord- und Ostsee vor der deutschen Küste. Diese Überreste stellen eine wachsende Gefahr für Umwelt, Mensch und Wirtschaft dar.

Durch die Korrosion der Hüllen gelangen Sprengstoffe zunehmend ungehindert ins Meer, wo sie von Flora und Fauna aufgenommen werden können. Dies gefährdet nicht nur die marine Ökologie, sondern birgt auch Risiken für die menschliche Gesundheit. Darüber hinaus bedrohen die Altlasten die Sicherheit der Schifffahrt, beeinträchtigen die Fischerei und erschweren den Ausbau sowie den Betrieb von Offshore-Windparks und anderen Nutzungen im Küstenraum.

WATERSIDE

Das DLR leistet mit dem Projekt WATERSIDE einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Problems der Munitionsaltlasten. Technologien und Konzepte, die bisher vor allem im Weltraum – beispielsweise auf der ISS – eingesetzt wurden, sollen nun unter Wasser erprobt und angepasst werden, um sie zur Lokalisierung und Bergung von Munitionsaltlasten nutzbar zu machen. Moderne Verfahren wie die Quanten-Sensorik ermöglichen es, selbst unter meterhohen Sedimentschichten verborgene Munition aufzuspüren und damit die gefährlichen Überreste zuverlässig zu detektieren.

Im Projekt WATERSIDE werden folgende Schwerpunkte gesetzt:

  1. Unterwasser-Sensorik – Detektion und Klassifikation von Munitionsaltlasten:
    Ziel ist es, versenkte Munition präzise zu lokalisieren und zu identifizieren. Dafür kommen neuartige Sensorsysteme zum Einsatz – darunter Technologien aus der Raumfahrt sowie innovative Quanten-Sensorik. Diese können selbst kleinste magnetische und gravimetrische Anomalien erfassen und so auch tief vergrabene Objekte aufspüren. Die anschließende Klassifikation erlaubt eine klare Unterscheidung zwischen harmlosen Objekten und gefährlichen Altlasten.

  2. Generierung eines Überwasser-Lagebilds – Schutz umliegender Verkehrsteilnehmer:
    Während Such- und Bergungsoperationen ist es entscheidend, den Schiffsverkehr in der Umgebung zu überwachen und Gefahren frühzeitig zu erkennen. Ein dynamisches Lagebild über Wasser ermöglicht die Identifizierung gefährdeter Bereiche und die Einleitung geeigneter Sicherheitsmaßnahmen. Dadurch wird nicht nur die Sicherheit des Umfelds erhöht, sondern auch der Schutz der eingesetzten Teams und Fahrzeuge gewährleistet.

  3. Bergung durch teleoperierte Systeme – Präzision in gefährlichem Terrain:
    Die eigentliche Bergung der Munition erfolgt mittels eines speziell entwickelten Greifarms. Um diese Systeme sicher und zielgenau steuern zu können, ist eine exakte Positionsbestimmung unter Wasser erforderlich – eine besondere technische Herausforderung, da GPS-basierte Navigation dort nicht nutzbar ist.

  4. Systemintegration – Vernetzung zu einem Gesamtsystem (System-of-Systems):
    Einzeltechnologien wie Sensorik, Navigationssysteme und Robotik werden zu einem integrierten Gesamtsystem verbunden. Diese „System-of-Systems“-Architektur ermöglicht eine koordinierte, effiziente und skalierbare Nutzung der Komponenten – von der Ortung bis hin zur Bergung.

  5. Sichere Bereitstellung von Navigationswarnungen für Verkehrsteilnehmer:
    Für maritime Verkehrsteilnehmer wird ein neuer digitaler Warndienst entwickelt. Grundlage ist der elektronische Seekartenstandard S-100, der es erlaubt, relevante Informationen – etwa laufende Bergungsmaßnahmen – präzise und in Echtzeit sowohl an Bord von Schiffen als auch an Land bereitzustellen.

Das Institut für Systems Engineering für zukünftige Mobilität trägt hierzu maßgeblich bei: Es entwickelt Methoden und Technologien zur sicheren und überprüfbaren Verteilung von Navigationswarnungen. Mithilfe des Standards S-100 sollen Seekarten an Bord von Schiffen wie auch auf Landseite für die Verkehrsführung digitaler, genauer und dynamischer werden. Zudem wird erforscht, wie die Distribution dieser Warnungen so abgesichert werden kann, dass eine Verbreitung durch nicht legitimierte Akteure ausgeschlossen ist.

Das DLR adressiert die aktuellen Herausforderungen im Umgang mit Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee durch bewährte Technologien und Methoden aus den Bereichen Verkehr, Sicherheit, Raumfahrt und Luftfahrt. Ziel ist es, Industrie, Wissenschaft und Behörden mit innovativen und nachhaltigen Lösungen zu unterstützen – von der Detektion und Identifikation bis hin zur sicheren Bergung und Entsorgung.