Abteilung Aeroelastische Experimente
Die Abteilung Aeroelastische Experimente widmet sich der Planung, Durchführung und Analyse von Windkanal-Experimenten.
Moderne Flugzeuge sind heutzutage mit einer Vielzahl unterschiedlicher Sensoren ausgestattet, um Funktionalität und Betriebssicherheit zu gewährleisten. Es bedarf der Verarbeitung dieser Sensorinformationen in Echtzeit mittels intelligenter Algorithmen zur Datenfusion und des Maschinellen Lernens. Somit können Flugbedingungen kontinuierlich überwacht und intelligente Regelungsmethoden zur Optimierung des Betriebsverhaltens genutzt werden. Man spricht hier auch von der Etablierung eines „Flugzeugnervensystems“, welches ein wichtiger Schritt zum Erreichen aktueller Ziele in der Luftfahrt darstellt: Reduktion der Umweltemissionen, Erhöhung der Betriebssicherheit und Steigerung der Automatisierung. Um der Anwendung solcher Methoden im Flugzeug näher zu kommen, werden diese Technologien in dezidierten Windkanalversuchen, hier anhand eines klein-skalierten aeroelastischen Tragflügelmodells, erprobt und bewertet [1]. Als Beispiel für solche Windkanaluntersuchungen wird die Versuchshardware und das Messsetup im Rahmen des Impulsprojektes „Sensor and AI Fusion for Enhanced PeRformance and Reliability“ (kurz SAFER²) beschrieben.
Um komplexe Monitoring und Regeltechnologien erproben zu können, bedarf es einer Hardware, welche sowohl eine Fülle an Sensoren als auch aktuierbare Steuerflächen beinhaltet. Eine solche wurde in SAFER² mit dem aeroelastischen Tragflügel Demonstrator entwickelt.
Der aeroelastische Demonstrator stellt ein skaliertes (verkleinertes) Tragflügelmodell eines Langstrecken-Großraumflugzeugs mit hochgestreckter Flügelspannweite dar (s. Abb. 1). Solche Flugzeuge verfügen über besonders lange und schlanke Flügel, die den Luftwiderstand reduzieren und so den Treibstoffverbrauch senken können. Das aerodynamische Design stammt vom DLR-internen Vorgänger-Projekt oLAF („optimal Last-Adaptives Flugzeug“) ab: Dadurch lassen sich neue Entwicklungen direkt mit bereits vorhandenen Erkenntnissen vergleichen. Die strukturelle Auslegung wurde ebenfalls größtenteils übernommen und basiert auf einem NASTRAN Finite Elemente Strukturmodell, generiert mit dem DLR-AE-internen parametrischen Modellierungsprozess ModGen (s. Abb. 2 und 3) [2]. Der Demonstrator unterscheidet sich jedoch von seinem Vorgänger, in dem er mit vier anstatt fünf ansteuerbaren Klappen und dazugehörige Wartungsfächer für deren Aktuatoren sowie einer erhöhten Anzahl an Sensoren ausgerüstet ist. Letztere ermöglichen es, das Verhalten des Flügels während des Betriebs noch genauer zu untersuchen und neue Konzepte zur Lastanpassung zu erproben.



Die Sensoren sind sowohl innerhalb des Flügelkörpers, auf der Flügelhaut und an der Flügelwurzel integriert (s. Abb. 4). In dem Modell selbst befinden sich 30 instationäre Drucksensoren, die dynamische Druckveränderungen auf der Flügeloberfläche erfassen können. Zudem besitzt der Flügel 10 Beschleunigungssensoren zur Messung von Vibrationen und Schwingungen, die für die Bestimmung der strukturellen Eigenschaften und des dynamischen, aeroelastischen Verhaltens unabdingbar sind. Dynamische Verformungen können zudem durch ein Marker-Tracking Verfahren (s. orangene Marker in Abb. 4) erfasst werden. Stationär kann zusätzlich die Flügeldeformation mittels optischer Lichtleiterfasern, welche entlang der Spannweite verlaufen, ermittelt werden. Um die Steuerflächen gezielt ausschlagen zu lassen, sind Winkelsensoren an den Klappenscharnieren verbaut, welche deren Position wiedergeben. Zusätzlich zu den bisher genannten „lokalen“ Messinformationen ist das gesamte Flügelmodell auf einer speziellen Messvorrichtung – einer so genannten „piezo-elektrischen Waage“ – montiert. So lässt sich nicht nur beobachten, was lokal an bestimmten Stellen passiert, sondern auch, wie sich der Flügel als Ganzes verhält. Diese Informationen können anschließend genutzt werden, um die Steuerung des Flügels gezielt anzupassen.


Neben dem aeroelastischen Tragflügel Demonstrator bedarf es zusätzlicher Elemente für die Erprobung von neuartigen Regler- und Monitoringkonzepten. Es wurde explizit ein Aufbau im Windkanal, hier im Niedergeschwindigkeitswindkanal DNW-NWB in Braunschweig, entwickelt, der mit einem sogenannten Böengenerator (s. Abb. 6) die Anströmbedingungen zur Generierung von Böen und turbulenter Strömung modifizieren kann[3]. Der Böengenerator selbst wurde bereits innerhalb des DLR-Projekts oLAF gebaut und im Rahmen von SAFER² so weiterentwickelt, dass er aus vier drehenden geschlitzten Zylindern besteht. Diese können unabhängig voneinander mittels einer in-house entwickelten Software angesteuert werden, um komplexe Anströmzustände zu erzeugen. Die erzeugten Böen werden mit einer instationären 5-Loch Drucksonde, die auf Höhe des Flügelmodells montiert wurde, erfasst und in Echtzeit gemessen.


Die Signale der Modellsensorik und -aktuatorik, der externen Messsysteme (d.h. Waage und 5-Loch Sonde) und des Böengenerators werden zusammen in einem Online-Monitoring-Setup überwacht. Dabei sitzen die Kollegen nicht direkt neben oder unter dem Kanal, sondern beobachten die Versuchsbedingungen komfortabel aus der Messwarte des Windkanals. Mittels Remote Control kann von hier auch der Böengenerator angesteuert und die Daten gemessen werden. Dieses Setup erlaubt nicht nur, Messergebnisse und Verhalten von Strömung und Flügelmodell in Echtzeit zu beobachten, sondern gleichzeitig sicherheitsrelevante Parameter zu kontrollieren, z.B. aerodynamische Lasten, die auf das Modell wirken, und Regler situativ anzuwenden. Beispielhaft ist die Online-Monitoring-Oberfläche unserer instationären Datenmessanlage in Abb. 8 dargestellt, worin sich u.a. Windlasten und Momente, Modellbeschleunigungen, d.h. dynamische Vibrationen/Schwingungen und Böencharakteristika, z.B. Böenwinkel und -amplitude, ablesen lassen.

Ein solch komplexer Versuchsaufbau wird dabei benötigt, um neuartige, komplexe Regelungs-, Überwachungs-, und Datenrekonstruktionsalgorithmen zunächst zu erproben und anschließend zu bewerten, da diese Methoden eine Fülle an verlässlichen, in Echtzeit verarbeitbaren Datensignalen von Sensoren benötigen, um die Steuerflächen, hier z.B. Flügelklappen, zielgerichtet betätigen zu können. Das SAFER² Versuchssetup ermöglicht es so, dass Kollegen diverser Institute und Abteilungen ihre numerisch entwickelten Modelle experimentell an einem repräsentativen aeroelastischen Tragflügel testen können.
Folgende Kerntechnologien wurden innerhalb von zwei Windkanalversuchskampagnen angewandt und bewertet:
Im Rahmen des Impulsprojekts SAFER² konnten einige innovative Technologien entwickelt, erprobt und bewertet werden, die vielversprechende Ergebnisse für deren Anwendung in zukünftigen Flugzeugsystemen geliefert haben. Diese Kerntechnologien werden in nationalen sowie internationalen Projekten weiterverfolgt, u.a. in den laufenden Projekten:
Dr. Thomas G. Schmidt, Abteilung Aeroelastische Experimente, DLR-Institut für Aeroelastik