Die Zukunft des Kabinenlärms: Wie laut wird es sein?
13. Februar 2026
Die Zukunft des Kabinenlärms: Wie laut wird es sein?
Wer viel fliegt, kennt es: das laute Aufheulen der Triebwerke beim Start, das gleichmäßige Rauschen im Reiseflug oder die Vibrationen, die man eher spürt als hört. Kabinenlärm ist ein ständiger Begleiter an Bord von Verkehrsflugzeugen und ein entscheidender Faktor für den Passagierkomfort. Doch wie lässt sich dieser Lärm schon lange vor dem ersten Testflug realistisch vorhersagen? Genau dieser Frage widmete sich das DLR-Projekt INTONATE.
Das DLR-Projekt INTONATE macht Kabinenlärm digital erlebbar
INTONATE steht für Future Aircraft InteriOr Noise and VibrATion Evaluation und hatte ein ambitioniertes Ziel: Im DLR sollte ein interdisziplinärer, digitaler Prozess entstehen, mit dem sich der Kabinenlärm vom Ursprung bis zur Wahrnehmung durch den Passagier simulieren, bewerten und sogar erlebbar machen lässt. Damit wurde eine wichtige Grundlage geschaffen, um zukünftige Flugzeuge leiser und komfortabler zu machen und zeitgleich Entwicklungsrisiken bezüglich nicht akzeptabler Kabinengeräusche zu reduzieren.
Vom Triebwerk bis zum Ohr – alles in einem digitalen Prozess
Lärm entsteht im Flugzeug nicht an einer einzigen Stelle. Triebwerke erzeugen Schall und Vibrationen und Luftströmungen lassen durch Druckschwankungen die Außenhaut vibrieren. Das alles breitet sich über die Struktur des Flugzeugs bis in die Kabine aus. Dort treffen Schall und Vibrationen schließlich auf die Passagiere – mit sehr subjektiver Wirkung.
Vor INTONATE gab es für viele dieser Schritte bereits leistungsfähige Simulationsmethoden im DLR. Was fehlte, war eine durchgängige Verbindung zwischen ihnen. Das Projekt setzte genau hier an und entwickelte einen sogenannten „digitalen Faden“: eine lückenlose Rechenkette, die alle relevanten Prozesse miteinander verknüpft. So kann nachvollzogen werden, wie eine bestimmte Geräuschquelle auf einem konkreten Sitzplatz in der Kabine wahrgenommen wird.
Beispiel für den digitalen Faden: Vom Fanlärm als Schallquelle über die Schwingungen der Flugzeugstruktur bis zur Ausbreitung des Geräusches in der Kabine.
Um diesen digitalen Faden zuverlässig aufzubauen, mussten bestehende Modelle verbessert und neue Methoden entwickelt werden. Ein Schwerpunkt lag auf der Untersuchung von turbulenten Luftströmungen entlang des Flugzeugrumpfes, die maßgeblich zur Geräuschentstehung beitragen. In aufwendigen Windkanalexperimenten wurden diese Effekte erstmals auch für stark gekrümmte Rumpfbereiche systematisch untersucht.
Messaufbau im DNW-NWB:
Ein Cockpit-Rumpf-Modell im Maßstab 1:4 ermöglichte neue Erkenntnisse zur Entstehung von Lärm an stark gekrümmten Oberflächen.
Parallel dazu wurden akustische Quellen wie das sogenannte „Buzz-Saw-Noise“ von Turbofan-Triebwerken sowie triebwerksinduzierte Vibrationen detaillierter modelliert. Die Struktur des Flugzeugrumpfes und die Kabinenausstattung wurden erstmals in hochauflösenden Simulationsmodellen abgebildet, um ihre Rolle bei der Schallübertragung im akustischen Frequenzbereich realistisch zu erfassen zu können.
Zwei Flugzeuge im Vergleich
Die untersuchten Flugzeugkonzepte D180 und D180T:
Zwei ähnlich große, klassische Kurz- bis Mittelstreckenflugzeuge, deren unterschiedliche Triebwerksanordnung den Klang in der Kabine spürbar verändert.
Der Höhepunkt des Projekts war die Anwendung des digitalen Fadens auf zwei unterschiedliche Flugzeugkonfigurationen gleicher Passagierkapazität und Reichweite. Für beide Entwürfe wurde der Kabinenlärm vollständig simuliert – von der Schallquelle bis zur Ausbreitung im Innenraum. Dabei zeigten sich klare Unterschiede: Je nach Position der Triebwerke und Aufbau der Struktur veränderten sich Lautstärke, Frequenzverteilung und wahrgenommener Klangcharakter deutlich.
Erleben des Kabinenlärms beim Projektabschlusstreffen INTONATE
Die in Simulationen berechneten Kabinengeräusche wurden auralisiert, also in wirklichskeitsnahe Klangsignale umgewandelt, und in eine digital visualisierte Kabine eingebettet. Mit Hilfe einer VR-Umgebung konnten die Projektteilnehmer den Kabinenlärm so erleben, als säßen sie tatsächlich in der Kabine des Flugzeugs. Die Simulation wurde damit unmittelbar als Passagierkomfort erfahrbar.
Warum das wichtig ist
Die Möglichkeit, Kabinenlärm schon im Entwurf realistisch zu hören und zu bewerten, eröffnet völlig neue Perspektiven. Unterschiedliche Flugzeugkonzepte können frühzeitig verglichen werden. Werden besonders störende Geräuschquellen identifiziert, kann gezielt gegengesteuert werden, lange bevor teure Prototypen gebaut werden.
INTONATE hat gezeigt, dass dieser Ansatz funktioniert. Zwar konnten im Projekt noch nicht alle Fragen abschließend beantwortet werden - das Projekt hat sich auf zwei sehr klassische Konfigurationen fokussiert um eine hohe Vergleichbarkeit mit vorhandenen Daten zu gewährleisten - doch die Grundlage ist gelegt.
Wie geht es weiter mit der leisen Kabine?
Mit INTONATE ist es gelungen, Kabinenlärm bereits in der Entwurfsphase erlebbar zu machen. Das Projekt markiert damit einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu leiseren und komfortableren Flugzeugen. Im Nachfolgeprojekt INPHASE wird dieser digitale Faden erweitert. Es sollen moderne Flugzeugentwürfe miteinander verglichen werden. Um die modernen Entwürfe abbilden zu können müssen Methoden für elektrische Antriebskonzepte und Lärmminderungsmaßnahmen in den digitalen Faden implementiert werden. Der Vergleich dieser Entwürfe wird nicht nur subjektiv durch die Projektteilnehmer stattfinden, sondern in einer wissenschaftlichen Probandenstudie durchgeführt werden.
Autor
René Winter, Abteilung Strukturdynamik und Systemidentifikation, DLR-Institut für Aeroelastik