24. März 2021

Ei­ne Kreu­zung wird zum Stadt­platz – DLR führt Real­ex­pe­ri­ment in Ber­lin durch

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Kreuzung vor der Umgestaltung
Kreu­zung vor der Um­ge­stal­tung
Bild 1/3, Credit: DLR (CC-BY 3.0)

Kreuzung vor der Umgestaltung

Die Kreu­zung wur­de zu ei­nem Stadt­platz um­ge­wid­met - ganz oh­ne Au­to­ver­kehr und Park­flä­chen.
Umgestaltung der Kreuzung
Um­ge­stal­tung der Kreu­zung
Bild 2/3, Credit: Bauer 2020

Umgestaltung der Kreuzung

Die Auf­ent­halts­qua­li­tät und die Nut­zung des öf­fent­li­chen Rau­mes hat sich durch den tem­po­rä­ren Stadt­platz deut­lich er­höht.
Nutzung des temporären Stadtplatzes
Nut­zung des tem­po­rä­ren Stadt­plat­zes
Bild 3/3, Credit: Nähring 2020

Nutzung des temporären Stadtplatzes

Die An­woh­ne­rin­nen und An­woh­ner nutz­ten den Stadt­platz nicht nur zum täg­li­chen Über­que­ren zu Fuß. Häu­fig wur­de der Platz ge­nutzt, um sich mit der Nach­bar­schaft zu tref­fen, an Ver­an­stal­tun­gen teil­zu­neh­men und das "Schwar­ze Brett" auf­zu­su­chen.
  • Zukünftig soll in Berlin mehr Infrastruktur für aktive Mobilität entstehen, um die Lebensqualität für die Bevölkerung zu erhöhen.
  • In einem Realexperiment wurde untersucht, wie eine Kreuzung als Stadtplatz umgestaltet werden kann.
  • DLR-Forschende untersuchten dabei die Akzeptanz der Anwohnerschaft.
  • Schwerpunkte: Verkehr, urbane Mobilität

Dichter Verkehr, parkende Autos prägen vielerorts das Bild in Großstädten. Mit dem 2018 in Berlin verabschiedeten Mobilitätsgesetz soll in Zukunft deutlich mehr Infrastruktur für aktive Mobilität beispielsweise durch Radwege geschaffen werden. In einem Realexperiment in Berlin untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Forschungsgruppe EXPERIwie öffentlicher Raum umgestaltet werden kann und welche Resonanz dies bei der Bevölkerung hervorruft. Die Befragung zeigt, dass sich jüngere Personen einen Stadtplatz wünschen. Hingegen beurteilen ältere Personen sowie Personen, die ein Auto besitzen, die Idee eines Stadtplatzes eher negativ.

In der Berliner Innenstadt verfügen weniger als die Hälfte aller Haushalte über ein Auto. Mehr als 80 Prozent der täglichen Wege werden mit dem Fahrrad, dem Öffentlichen Nahverkehr oder zu Fuß zurückgelegt. Im Verbundprojekt EXPERI wurde im Herbst 2020 für fünf Wochen eine Kreuzung im Berliner Bezirk Charlottenburg zu einem Stadtplatz umgewidmet - ganz ohne Autoverkehr und Parkflächen. Ziel der temporären Umgestaltung war es, städtischen Raum der Bevölkerung zur Freizeitgestaltung und als Aufenthaltsort zur Verfügung zu stellen, um die Lebensqualität zu erhöhen sowie aktive Mobilität, beispielsweise durch die Nutzung von Fahrrädern, attraktiver zu gestalten. DLR-Verkehrsforschende begleiteten das Projekt und befragten Anwohnerinnen und Anwohner zu ihrer Akzeptanz und führten zwei Haushaltsbefragungen durch – jeweils vor und nach der Einrichtung des temporären Stadtplatzes.

Mehr als zwei Drittel der jüngeren Altersgruppe sind für Stadtplätze

"Die Befragungen haben gezeigt, dass 42 Prozent eine positive und 13 Prozent eine neutrale Einstellung zum temporären Stadtplatz haben", sagt Julia Jarass vom DLR-Institut für Verkehrsforschung. Dagegen stehen 43 Prozent der Befragten der Umwidmung des Verkehrsraums negativ gegenüber, zwei Prozent haben sich (noch) keine Meinung gebildet. Dabei spielt auch der Besitz eines eigenen Autos eine Rolle: Verfügt der Haushalt über ein Fahrzeug, fällt die Meinung zum temporären Stadtplatz tendenziell negativer aus als es bei Haushalten ohne Auto der Fall ist. Dennoch haben immerhin knapp die Hälfte der Befragten mit Auto eine positive beziehungsweise neutrale Meinung. Besonders interessant ist hierbei die Abstufung anhand der Altersgruppen. "Je älter die Befragten sind, desto stärker nimmt die positive Meinung gegenüber dem Stadtplatz ab", erklärt Jarass. "In der Altersgruppe der 18 bis 29-Jährigen bewerten mehr als zwei Drittel den Stadtplatz positiv, wohingegen in der Altersgruppe der über 75-Jährigen weniger als ein Drittel eine positive Meinung dazu hat."

Mit Blick auf die soziodemographischen Daten zeigt sich, dass sich die Befragten insbesondere aus Ein- und Zweipersonen-Haushalten zusammensetzen, über hohe Bildungsabschlüsse verfügen und die höheren Altersgruppen (ab 40 Jahre) im Vergleich zur Grundgesamtheit des statistischen Planungsraums überrepräsentiert und damit stärker vertreten sind. Nur knapp ein Viertel der Befragten sind Familien. "Da die Befragten aus den Altersgruppen unter 40 Jahren in der Befragung unterrepräsentiert sind, würde bei einer repräsentativen Besetzung der Altersgruppen die positive Meinung noch etwas stärker zum Ausdruck kommen", erklärt die Verkehrsforscherin Jarass. Grund für die seltenere Teilnahme von Familien an der Haushaltsbefragung, könnte beispielsweise an den knappen zeitlichen Ressourcen liegen. "Gleichzeitig wird durch die abnehmende Zustimmung bei zunehmendem Alter deutlich, dass im Falle einer Umgestaltung insbesondere auch die Bedürfnisse älterer Menschen in den Blick genommen werden sollten, um im Rahmen der Stadtentwicklung, Räume zu schaffen, die für eine Vielfalt an Menschen nutzbar sind. Die Entwicklung von Stadträumen für Menschen jeden Alters ist dabei eine wesentliche Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe."

Positive und negative Auswirkungen des temporären Stadtplatzes

Die Einrichtung des temporären Stadtplatzes brachte für die Anwohnerschaft Vor- und Nachteile. In Bezug auf den Verkehrslärm begrüßte der überwiegende Teil eine Verbesserung. Gleichzeitig wurde eine Verschlechterung in Hinblick auf den Freizeitlärm als negativer Effekt genannt. Insgesamt hat sich aber die Aufenthaltsqualität und die Nutzung des öffentlichen Raumes durch den temporären Stadtplatz deutlich erhöht. So verbesserten sich die Bedingungen für den Fußverkehr und die Verkehrssicherheit. Insbesondere betrifft dies die Situation für Kinder und Familien. Die Anwohnerinnen und Anwohner nutzten den Stadtplatz dabei nicht nur zum täglichen Überqueren zu Fuß. Häufig wurde der Platz genutzt, um sich mit der Nachbarschaft zu treffen, an Veranstaltungen teilzunehmen und das "Schwarze Brett" aufzusuchen.

Als eindeutig negativen Effekt nannten die Befragten die Suche nach einem Parkplatz für ihr Auto. Längere Fußwege zu einem im Rahmen des Projekts angebotenen alternativen Parkplatz nannten die Befragten größtenteils nicht akzeptabel. Zudem haben sich nach Meinung der Befragten die Bedingungen des Autoverkehrs und die Verkehrssituation rund um die angrenzenden Straßen verschlechtert.

Vom temporären zum permanenten Stadtplatz

Das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf plant nach der Testphase im Herbst 2020 nun eine permanente Umgestaltung der Kreuzung. Das Team um Julia Jarass befragte die Anwohnerschaft auch hinsichtlich ihrer Meinung zu einem dauerhaften Stadtplatz. Hierbei äußerten sich 45 Prozent der Befragten positiv, 9 Prozent stehen dieser Veränderung neutral gegenüber. Hingegen sehen 45 Prozent eine dauerhafte Umwidmung kritisch. "Dabei zeigt sich deutlich, dass die Anwohnerinnen und Anwohner, die näher am Stadtplatz leben das Vorhaben kritischer sehen als die, die nicht direkt am Stadtplatz wohnen", stellt Jarass fest. Als Gründe dafür nannten die Befragten wegfallende Parkplätze, sowie die Sorge vor vermehrtem Müll und Freizeitlärm. "Wie bei anderen Umgestaltungen im öffentlichen Raum gehören wegfallende Parkplätze sowie das Thema Lärm zu den hauptsächlichen Sorgen der Anwohnerschaft, die zukünftig innovative Lösungen erfordern werden."

Zur Befragung

Jeweils 1.763 Haushalte in den umliegenden Straßen wurden gebeten, an der schriftlichen Haushaltsbefragung teilzunehmen. In der ersten Befragungswelle haben 204 Personen und in der zweiten Welle 263 Personen teilgenommen, sodass sich eine Rücklaufquote von 12 Prozent beziehungsweise 15 Prozent ergibt. Für eine schriftliche Befragung ist dies ein zu erwartendes bis gutes Ergebnis. Weitere Ergebnisse der Studie können hier eingesehen werden.

Zu EXPERI

EXPERI ist ein inter- und transdisziplinäres Kooperationsprojekt der Technischen Universität Berlin, des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) und dem DLR-Institut für Verkehrsforschung. Übergeordnetes Ziel von EXPERI ist die Erforschung, wie die sozial-ökologische Verkehrswende in Metropolregionen gelingen kann.

Dabei untersuchen die DLR-Verkehrsforschenden, wie aktive Mobilität – insbesondere das Zufußgehen - in Städten gefördert werden kann und welche neuen Flächenpotenziale durch den Wegfall von Pkw-Infrastrukturen entstehen.

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