31. Mai 2022
Windenergieforschung

1.500 Sen­so­ren für das Ro­tor­blatt der Zu­kunft

Rotorblatt von Innen
Ro­tor­blatt von In­nen
Bild 1/6, Credit: ©Enercon

Rotorblatt von Innen

DLR-For­scher Yves Go­vers (rechts) wirft mit ei­nem Kol­le­gen des In­dus­trie­part­ners Ener­con ei­nen Blick in das fer­tig mon­tier­te 57 Me­ter lan­ge Ro­tor­blatt.
Sensorik und Verkabelung
Sen­so­rik und Ver­ka­be­lung
Bild 2/6, Credit: Enercon

Sensorik und Verkabelung

Mess­tech­nik von der Spit­ze bis zur Wur­zel in je­dem der sechs Ro­tor­blät­ter – für das An­brin­gen und Tes­ten der 1.500 Sen­so­ren war das Team meh­re­re Wo­chen im Ein­satz.
Arbeiten in einer Blatthälfte
Ar­bei­ten in ei­ner Blat­thälf­te
Bild 3/6, Credit: ©Enercon

Arbeiten in einer Blatthälfte

Die Aus­stat­tung der Ro­tor­blät­ter mit Sen­so­ren war ex­akt in den Pro­duk­ti­ons­pro­zess ein­ge­tak­tet.
Erste Sensorik-Tests
Ers­te Sen­so­rik-Tests
Bild 4/6, Credit: ©Enercon

Erste Sensorik-Tests

Ers­te Tests der um­fas­sen­den Sen­so­rik fan­den be­reits kurz nach der Pro­duk­ti­on im Werk des In­dus­trie­part­ners Ener­con statt.
Verladen der Rotorblätter in Portugal
Ver­la­den der Ro­tor­blät­ter in Por­tu­gal
Bild 5/6, Credit: Enercon

Verladen der Rotorblätter in Portugal

Per Schiff mach­ten sich die Ro­tor­blät­ter auf die Rei­se nach Bre­mer­ha­ven.
Ankunft der Rotorblätter in Bremerhaven
An­kunft der Ro­tor­blät­ter in Bre­mer­ha­ven
Bild 6/6, Credit: © DLR. Alle Rechte vorbehalten

Ankunft der Rotorblätter in Bremerhaven

Nach dem Ent­la­den ha­ben die Ro­tor­blät­ter nur ei­nen kur­zen Weg vor sich. Nächs­te Sta­ti­on für sie sind Tests beim Fraun­ho­fer-In­sti­tut für Win­d­ener­gie­sys­te­me in Bre­mer­ha­ven.
  • Die Windenergieanlagen von morgen haben noch größere und leichtere Rotorblätter. So können sie noch effizienter werden.
  • Für den Forschungspark Windenergie des DLR wurden sechs Rotorblätter gefertigt und mit 1.500 Sensoren ausgestattet.
  • Diese umfassende Sensorik erlaubt zum ersten Mal, das Schwingungs- und Belastungsverhalten sowie die Aerodynamik und Statik von Windenergieanlagen im Betrieb zu untersuchen.
  • Schwerpunkte: Energie, Digitalisierung, Windenergieforschung

Rotorblätter gehören zu den Kernkomponenten einer Windenergieanlage. Sie sind bis zu 70 Meter lang und wiegen zwischen 15 und 20 Tonnen. Um Windenergieanlagen in Zukunft effizienter zu betreiben und auch Standorte nutzen zu können, die weniger windintensiv sind, braucht es noch größere und gleichzeitig leichtere Blätter. Wie sich das realisieren lässt und welche technischen Herausforderungen damit verbunden sind, untersucht das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit Partnern aus Forschung und Industrie.

Einmalig: Wissenschaft im Realmaßstab im Forschungspark Windenergie

Der im Aufbau befindliche Forschungspark Windenergie WiValdi (Wind Validation) des DLR in Krummendeich bietet dazu eine einmalige Gelegenheit: Über mehrere Wochen im März und April 2022 haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der beiden DLR-Institute für Aeroelastik sowie für Faserverbundleichtbau und Adaptronik mit der zum Zentrum für Windenergieforschung ForWind gehörenden Leibniz Universität Hannover die Produktion von sechs Rotorblättern für die beiden Windenergieanlagen des Forschungsparks begleitet: Im portugiesischen Werk des Industriepartners Enercon rüstete das 30-köpfige Team die Rotorblätter mit rund 1.500 Sensoren aus. Von der Blattspitze bis zur Blattwurzel steht nun modernste Messtechnik bereit. Diese ermöglicht es erstmals, das Schwingungs- und Belastungsverhalten sowie die Aerodynamik und Statik einer Windenergieanlage im Realmaßstab und Praxisbetrieb umfassend wissenschaftlich zu untersuchen.

Informationen sammeln: Sensoren als „Nervensystem“ der Rotorblätter

„Wenn man große und leichte Blätter hat, werden diese sehr elastisch und flexibel. Sie biegen sich unter Windlast durch. Damit sind neue technische Herausforderungen verbunden, die man sich genau anschauen muss“, erklärt Dr.-Ing. Yves Govers vom DLR-Institut für Aeroelastik und Leiter des Arbeitspakets zur Instrumentierung. Die Rotorblätter der beiden Windenergieanlagen des Forschungsparks sind 57 Meter lang und können sich mehrere Meter durchbiegen.

„Die Sensoren kann man sich wie das menschliche Nervensystem vorstellen. Sie sammeln Informationen, überwachen und geben Hinweise, wo ein Problem auftauchen könnte“, veranschaulicht DLR-Forscher Govers. Im Inneren der Rotorblätter sind elektrische und optische Sensoren verbaut. Sie messen zum Beispiel die Beschleunigung an unterschiedlichen Stellen der Blätter und ermöglichen so Aussagen über das Schwingungsverhalten. Faseroptische Dehnungssensoren, die mit Lasertechnologie arbeiten, zeichnen die Belastungen auf, die auf das Material wirken. Ein Netzwerk aus piezoelektrischen Wandlern empfängt und sendet Ultraschallsignale und kann entstehende Schäden im Rotorblatt direkt erkennen. Weitere Kameras im Umfeld der Windenergieanlagen schauen sich die Rotorblätter von außen an. Als Referenz für deren Messungen ist auf mehreren Abschnitten der Blätter ein Muster aus Punkten lackiert.

Schwingungen, Materialbelastung, Stabilität: umfassende Daten für bessere Simulation und Konstruktion

Werden die Blätter immer länger und die Anlagen dadurch größer, entstehen neue Effekte: Zum Beispiel können sich Schwingungen der Rotorblätter gegenseitig verstärken und die Stabilität der Anlage beeinflussen. „Das Schwingungsverhalten und damit auch die Materialbelastung konnten im Betrieb bisher kaum erfasst werden. Hier werden wir mit unserer umfassenden Sensorik wertvolle Daten sammeln und die Simulationen weiter verbessern können. Dieses Wissen hilft Forschung und Industrie dabei, genauere Vorhersagen zu treffen sowie noch leichter und stabiler zu bauen“, beschreibt Govers. Schon heute vereinen Rotorblätter Leichtbau mit Stabilität. Sie bestehen aus zwei zusammengeklebten Schalen, die innen weitgehend hohl und mit Stegen verbunden sind. Zum Einsatz kommen Sandwich-Materialien: Sie haben oben und unten eine Decklage aus mit Glasfasern verstärkten Hightech-Kunststoffen, dazwischen befindet sich Kunststoffschaum oder sehr leichtes Balsaholz.

Regelungstechnik: Anlagen optimal steuern für hohe Effizienz und lange Betriebsdauer

Unter Belastung verbiegt sich das Rotorblatt nicht nur, sondern verdreht sich zusätzlich. Die Sensoren im Inneren der Blätter zeichnen auch das auf. Diese Daten können helfen, neue Ansätze für die Regelung von Windenergieanlagen zu entwickeln, um sie effizienter und länger zu betreiben. Das DLR arbeitet dazu an Konzepten für eine lastadaptive Regelung von Anlagen: Kommt eine Böe auf, drehen spezielle Motoren an der Blattwurzel das Rotorblatt aus dem Wind. Sie verkleinern also den Winkel, in dem der Wind auf das Blatt trifft, und verringern die Belastung. In Verbindung mit Sensoren im Umfeld der Windenergieanlagen soll es so möglich werden, sehr kurzfristig und flexibel auf die lokalen Wetterbedingungen vor Ort zu reagieren.

Auch zwei hintereinanderstehende Windenergieanlagen – wie im Forschungspark des DLR – sind eine Herausforderung für die Regelungstechnik. Den Grund erklärt Yves Govers: „Die zweite Anlage steht im Nachlauf der ersten. Das heißt, sie bekommt die verwirbelte Luft der ersten Anlage ab. Deshalb wollen wir herausfinden, wie die zweite Anlage gesteuert werden muss, damit sie trotzdem möglichst viel Strom produziert und materialschonend betrieben werden kann.“ Auch hier setzen die Forschenden auf die große Menge an Daten aus den vielzähligen Sensoren. Die Nachfrage nach solchen neuen Regelungskonzepten ist groß. Denn schon heute stehen in Windparks die teilweise über hundert Anlagen so dicht zusammen, dass sie sich alle gegenseitig beeinflussen.

Auf Biegen und Schwingen – intensive Tests vor dem Praxiseinsatz

Nach ihrer Schiffsreise von Portugal nach Deutschland Mitte Mai 2022 haben die sechs Rotorblätter noch eine weitere Station vor sich. Bevor sie im Forschungspark in Krummendeich montiert werden, machen sie für zwei Monate einen Zwischenstopp in Bremerhaven. Am Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme (IWES) werden sie intensiven Tests an Prüfständen unterzogen. Dazu hängt das Team die Rotorblätter mit Gummiseilen an einen Kran und versetzt sie in Schwingung. Damit sollen vor allem die vielen Sensoren eingerichtet und getestet werden. Bei einem zweiten großen Test montieren die Forschenden die Blätter an einen Prüfstand und ziehen an ihnen, um so Statik, Deformation und innere Belastung zu testen. Nach Abschluss dieser Versuche ist die Montage der Hightech-Rotorblätter im Herbst 2022 geplant.

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