22. August 2019

Erd­na­her As­te­ro­id Ryu­gu: ein fra­gi­ler kos­mi­scher 'Schutt­hau­fen'

Ryugu bei Nacht: „Blumenkohlfelsen“ mit hellen Mineralen
Ryu­gu bei Nacht: „Blu­men­kohl­fel­sen“ mit hel­len Mi­ne­ra­len
Bild 1/6, Credit: MASCOT/DLR/JAXA

Ryugu bei Nacht: „Blumenkohlfelsen“ mit hellen Mineralen

Die Wis­sen­schaft­ler im MAS­Cam-Team iden­ti­fi­zier­ten auf den Bil­dern, die wäh­rend des Ab­stiegs von MAS­COT und nach der Lan­dung auf­ge­nom­men wur­den, zwei Ar­ten von Ge­stei­nen: die et­was hel­le­ren (aber auch nur 5 Pro­zent des Son­nen­lichts re­flek­tie­ren­den Fel­sen vom ‚Typ 2‘ mit schar­fen Kan­ten und glat­ten Bruch­flä­chen, und die dunk­le­ren, nur 4 Pro­zent Licht re­flek­tie­ren­den, un­re­gel­mä­ßi­ger ge­form­ten Fel­sen vom ‚Typ 1‘ mit ei­ner an Blu­men­kohl er­in­nern­den, krum­pe­li­gen Ober­flä­che. Letz­te­re be­fan­den sich in der ers­ten Ryu­gu-Nacht un­mit­tel­bar vor dem Ob­jek­tiv von MAS­Cam und wur­den mit den ein­ge­bau­ten Leucht­di­oden an­ge­strahlt. Aus ei­ner Kom­bi­na­ti­on von Auf­nah­men mit blau­em, grü­nem und ro­tem Licht wur­de die­ses Farb­bild er­zeugt. Ei­ne Über­ra­schung für die Wis­sen­schaft­ler war die Ent­de­ckung von hell re­flek­tie­ren­den Mi­ne­ra­len, die an kal­zi­um- und alu­mi­ni­um­rei­che Ein­spreng­lin­ge ei­ner sel­te­nen Klas­se von Me­teo­ri­ten er­in­nern, den so ge­nann­ten ‚CI-Chon­dri­ten‘, wie sie 2000 am Ta­gish La­ke in Ka­na­da auf die Er­de ge­fal­len sind. Es sind mit die äl­tes­ten und ur­sprüng­lichs­ten Zeu­gen der Ent­ste­hung des Son­nen­sys­tems in den Me­teo­ri­ten­samm­lun­gen der Er­de. Rechts oben der ver­grö­ßer­te Aus­schnitt des Felss­porns rechts un­ten im großen Bild, der sich et­wa 25 Zen­ti­me­ter vor MAS­Cam be­fand.
MAS­COT im frei­en Fall auf As­te­ro­id Ryu­gu
Video 2/6, Credit: MASCOT/DLR/JAXA

MASCOT im freien Fall auf Asteroid Ryugu

Credit: MASCOT/DLR/JAXA
Länge: 56.4 MB
Am 3. Ok­to­ber 2019 wur­de das mo­bi­le As­te­roi­den­lan­de­mo­dul MAS­COT aus 41 Me­tern Hö­he über dem Aste­ro­iden Ryu­gu von der Mut­ter­son­de Ha­ya­bu­sa2 ab­ge­trennt. Wäh­rend des sechs­mi­nü­ti­gen bal­lis­ti­schen, von kei­nem An­trieb kon­trol­lier­ten Ab­stiegs mach­te die DLR-Ka­me­ra MAS­Cam an Bord des zehn Ki­lo­gramm schwe­ren Mo­duls 20 Auf­nah­men. Der Flug von MAS­COT war er­war­tungs­ge­mäß tur­bu­lent, so dass die Ori­en­tie­rung der Ka­me­ra will­kür­lich war und die Bil­der in völ­lig un­ter­schied­li­che Rich­tun­gen auf­ge­nom­men wur­den. So sind auch Auf­nah­men in Blick­rich­tung Son­ne (Bil­der Num­mer 9, 11, 13, 14 und 15) in die­ser An­ein­an­der­rei­hung ent­hal­ten, die stark über­strahlt sind und kei­ne De­tails auf der Ober­flä­che des Aste­ro­iden er­ken­nen las­sen. MAS­Cam war so pro­gram­miert, dass die Auf­nah­meab­stän­de mit An­nä­he­rung an Ryu­gu kür­zer wur­den.
MASCOTs Abstieg und Weg über die Oberfläche von Ryugu
MAS­COTs Ab­stieg und Weg über die Ober­flä­che von Ryu­gu
Bild 3/6, Credit: JAXA/U Tokyo/Kochi U/Rikkyo U/Nagoya U/ Chiba Inst Tech/Meiji U/U Aizu/AIST; DLR (digitales Geländemodell)

MASCOTs Abstieg und Weg über die Oberfläche von Ryugu

Nach dem Her­aus­schie­ben von MAS­COT aus der La­de­bucht von Ha­ya­bu­sa2 ver­folg­te das Auf­nah­me­sys­tem ONC (Op­ti­cal Na­vi­ga­ti­on Ca­me­ra) der Son­de den Ab­stieg von MAS­COT aus 41 Me­tern Hö­he. Mit die­sen Fo­tos war es mög­lich, die Spur des Ab­stiegs­we­ges vom Ab­tren­nen (MR = MAS­COT Re­lea­se point) bis zum ers­ten Kon­takt (CP1 = Con­tact Point 1) auf die Ober­flä­che zu pro­ji­zie­ren und auch den wei­te­ren Ver­lauf der Missi­on MAS­COT auf Ryu­gu ge­nau zu re­kon­stru­ie­ren. Die Dar­stel­lung zeigt ein di­gi­ta­les Ge­län­de­mo­dell der Lan­des­tel­le­num­ge­bung, in der die Hö­hen­un­ter­schie­de von mi­nus 3,6 Me­tern bis plus 3,6 Me­tern – be­zo­gen auf ein Re­fe­renz­ni­veau – farb­lich ko­diert sind. Der Bild­aus­schnitt ist nach Nor­den aus­ge­rich­tet, das Ge­biet be­fin­det sich et­wa bei 300 Grad öst­li­cher Län­ge und 30 Grad süd­li­cher Brei­te von Ryu­gu.
Meteorit vom Tagish-See
Me­teo­rit vom Ta­gish-See
Bild 4/6, Credit: Michael Holly, Creative Services, University of Alberta

Meteorit vom Tagish-See

Bei der Aus­wer­tung der MAS­Cam-Auf­nah­men iden­ti­fi­zier­ten die Wis­sen­schaft­ler zwei un­ter­schied­li­che Ty­pen von Ge­stei­nen: ei­ne mit schar­fen Kan­ten und glat­ten Bruch­flä­chen, und ei­ne zwei­te mit Ober­flä­chen, die an ei­nen Blu­men­kohl er­in­nern. Auf den mit Leucht­di­oden be­strahl­ten Nacht­auf­nah­men die­ser et­was krum­pe­li­gen Ober­flä­chen ent­deck­ten die For­scher in der fast schwar­zen Ge­steins­ma­trix hel­le Ein­spreng­sel von Mi­ne­ra­len, die an Mi­ne­ra­linklu­sio­nen in Me­teo­ri­ten vom Ta­gish-See er­in­nern (Bild). Am 18. Ja­nu­ar 2000 reg­ne­ten nach der Ex­plo­si­on ei­ner großen Feu­er­ku­gel über Ka­na­da hun­der­te klei­ne Me­teo­ri­ten auf die Er­de und zahl­rei­che Bruch­stücke wur­den da­mals auf dem Eis des ge­fro­re­nen, na­mens­ge­ben­den Sees ge­fun­den. Bei den "Ta­gish-La­ke-Me­teo­ri­ten" han­delt es sich um sehr sel­te­ne Stein­me­teo­ri­ten aus der Klas­se der so­ge­nann­ten CI-Chon­dri­ten. Das C steht für das che­mi­sche Ele­ments Koh­len­stoff, und das 'I' für die Ähn­lich­keit mit dem Ivu­na Me­teo­ri­ten aus Tan­sa­nia. Es sind mit die pri­mi­tivs­ten und äl­tes­ten Be­stand­tei­le des Son­nen­sys­tems, Über­bleib­sel der ers­ten fes­ten Kör­per, die in der stel­la­ren Ur­wol­ke ent­stan­den sind. Man nimmt an, dass sich aus ih­nen die Kör­per des Son­nen­sys­tems ent­wi­ckelt ha­ben.
MASCOTs 17 Stunden auf der Oberfläche von Ryugu
MAS­COTs 17 Stun­den auf der Ober­flä­che von Ryu­gu
Bild 5/6, Credit: DLR (CC-BY 3.0)

MASCOTs 17 Stunden auf der Oberfläche von Ryugu

MAS­COT wur­de von Ha­ya­bu­sa2 am 3. Ok­to­ber 2018 um 01:57:20 Uhr UTC (ko­or­di­nier­te Welt­zeit) in 41 Me­tern Hö­he über dem Aste­ro­iden Ryu­gu ab­ge­sto­ßen. Wäh­rend des bal­lis­ti­schen Ab­stiegs in ei­ner Fall­ge­schwin­dig­keit von 0,4 Ki­lo­me­ter pro Stun­de über­schlug sich das Mo­dul er­war­tungs­ge­mäß mehr­mals und hat­te nach 6 Mi­nu­ten an der Schat­ten­sei­te ei­nes meh­re­re Me­ter großem Fels­blocks den ers­ten Bo­den­kon­takt. MAS­COT fiel rück­wärts und ‚roll­te‘ wei­te­re 17 Me­ter, ehe er in ei­ner Ver­tie­fung zum Still­stand kam (SP1 = Sett­le­ment Point 1; Ryu­gus An­zie­hungs­kraft be­trägt nur ein Sech­zig­tau­sends­tel der Schwer­kraft auf der Er­de: bei 10 Ki­lo­gramm Mas­se er­fährt MAS­COT auf Ryu­gu ei­ne Ge­wichts­kraft von 0,17 Gramm). Ein Ma­nö­ver zum Auf­rich­ten am ers­ten Mess­punkt (MP1) be­wirk­te al­ler­dings, dass MAS­COT auf dem ‚Rücken‘ lag und ei­ni­ge In­stru­men­te in Rich­tung Welt­all blick­ten. Die Ka­me­ra MAS­Cam er­fass­te in der ers­ten As­te­roi­den­nacht auf fünf Auf­nah­men die Pla­ne­ten Ju­pi­ter und Sa­turn wo wie den Stern Sig­ma Sa­git­ta­rii, aus de­ren sich ver­än­dern­de Po­si­ti­on auf dem Ka­me­ra­sen­sor die Ei­gen­ro­ta­ti­on des Aste­ro­iden prä­zi­se auf 7,63262 Stun­den ver­mes­sen wur­de. Am Mor­gen des zwei­ten Ryu­gu-Ta­ges wur­de der Schwung­arm von MAS­COT ak­ti­viert, um den zwei­ten Mess­punkt (MP2) in ei­nen für die In­stru­men­te kor­rek­ten Po­si­ti­on zu er­rei­chen. In der zwei­ten Nacht mach­te MAS­Cam Nacht­auf­nah­men mit Be­leuch­tung der Fel­sen durch vier Leucht­di­oden. Am Mor­gen des drit­ten Ta­ges führ­te MAS­COT ei­nen „Mi­ni Mo­ve“ um 5 Zen­ti­me­ter zur Sei­te aus, um dort (MP3) Ste­reo­bil­der auf­zu­neh­men. Schließ­lich er­reich­te MAS­COT bei MP4 sei­nen letz­ten Mess­punkt, be­vor um 19:04 Uhr UTC die Missi­on des Lan­ders (EoM = End of Missi­on) nach 17 Stun­den zu En­de war und der Kon­takt zu Ha­ya­bu­sa2 ab­brach.
MASCam im Mobile Asteroid Surface Scout MASCOT
MAS­Cam im Mo­bi­le As­te­ro­id Sur­face Scout MAS­COT
Bild 6/6, Credit: DLR (CC-BY 3.0)

MASCam im Mobile Asteroid Surface Scout MASCOT

Das am Deut­schen Zen­trum für Luft- und Raum­fahrt (DLR) ent­wi­ckel­te Auf­nah­me­sys­tem MAS­Cam (MAS­COT Ca­me­ra) war da­zu aus­ge­legt, nach dem Ab­tren­nen von Ha­ya­bu­sa2 mit sei­ner 14,8-Mil­li­me­ter-Weit­win­kel­op­tik Auf­nah­men so­wohl wäh­rend des Ab­stiegs auf den Aste­ro­iden Ryu­gu zu ma­chen, als auch auf der Ober­flä­che die Land­schaft di­rekt vor dem Ex­pe­ri­men­ten­mo­dul bis zum Ho­ri­zont zu er­fas­sen. Wäh­rend der vier­stün­di­gen Näch­te im Ver­lauf des 17 Stun­den lan­gen Ein­sat­zes von MAS­COT konn­te MAS­Cam das un­mit­tel­bar vor der Ka­me­ra lie­gen­de Ge­biet mit vier Leucht­di­oden in vier be­grenz­ten Wel­len­län­gen im sicht­ba­ren Licht und dem na­hen In­fra­rot an­strah­len. MAS­Cam soll­te den geo­lo­gi­schen Kon­text, die Va­ria­tio­nen in der Zu­sam­men­set­zung und die phy­si­ka­li­schen Ei­gen­schaf­ten der Ober­flä­che er­fas­sen und cha­rak­te­ri­sie­ren, so zum Bei­spiel die Ver­tei­lung und Form der un­ter­schied­lich großen Ge­steins­bro­cken oder des Re­go­liths (Staub). Kom­ple­men­tär zu den Be­ob­ach­tun­gen aus der Di­stanz mit den Ka­me­ras auf Ha­ya­bu­sa2 die­nen die Auf­nah­men di­rekt von der Ober­flä­che Ryu­gus auch da­zu, den Kon­text für die Mes­sun­gen der drei wei­te­ren In­stru­men­te auf MAS­COT (Ra­dio­me­ter, Spek­tro­me­ter und Ma­gne­to­me­ter) so­wie der an­de­ren klei­nen Lan­de­mo­du­le und dem Pro­be­nah­me-Ex­pe­ri­ment von Ha­ya­bu­sa2 zu er­hal­ten. Beim kür­zest­mög­li­chen Auf­nah­meab­stand von 15 Zen­ti­me­tern be­trägt die Bild­auf­lö­sung 150 Mi­kro­me­ter.
  • Asteroid hat große Ähnlichkeit mit kohlenstoffhaltigen, 4,5 Milliarden Jahre alten Meteoriten in den irdischen Sammlungen.
  • Großer Teil von Ryugu von Hohlräumen durchzogen.
  • Schwerpunkte: Raumfahrt, Exploration

Im Sommer 2018 bekam der nur 900 Meter große Asteroid Ryugu Besuch von der japanischen Raumsonde Hayabusa2. An Bord: die zehn Kilogramm schwere deutsch-französische Landesonde MASCOT (Mobile Asteroid Surface Scout), nur so groß wie eine Mikrowelle und bestückt mit vier Instrumenten. Am 3. Oktober 2018 wurde MASCOT, gesteuert aus dem Kölner Kontrollzentrum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), aus 41 Metern Höhe von der Muttersonde abgetrennt, berührte nach sechs Minuten zum ersten Mal die Asteroidenoberfläche und kam elf Minuten später wie ein Würfel auf einem Spielbrett in Zeitlupe zum Stillstand. Inmitten von groben Steinblöcken führte MASCOT über 17 Stunden und an verschiedenen Stellen seine Experimente aus. Die Auswertung von Bilddaten der DLR-Kamera MASCam vom Abstieg und auf Ryugus Oberfläche zeigen nun im Detail einen fragilen 'Schutthaufen' aus zwei verschiedenen, fast schwarzen Gesteinstypen mit geringem inneren Zusammenhalt. Das berichten Wissenschaftler um DLR-Planetenforscher Ralf Jaumann in der aktuellen Ausgabe von SCIENCE.

"Würde Ryugu oder ein ähnlicher Asteroid der Erde einmal tatsächlich gefährlich nahe kommen und wir müssten versuchen, ihn abzulenken, dann sollten wir sehr vorsichtig mit ihm umgehen. Denn wenn wir zu fest auf ihn 'draufhauen' zerfällt der ganze, eine halbe Milliarde Tonnen schwere Asteroid in unzählige Bruchstücke. Dann prasseln lauter tonnenschwere Einzelteile auf die Erde", interpretiert Prof. Ralf Jaumann, verantwortlich für das Experiment MASCam (MASCOT Camera), vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof, die Beobachtungen. Der Asteroid hat offensichtlich große Ähnlichkeit mit kohlenstoffhaltigen, 4,5 Milliarden Jahre alten Meteoriten in den irdischen Sammlungen. Mit einer durchschnittlichen Dichte von nur 1,2 Gramm pro Kubikzentimeter ist Ryugu nur wenig 'schwerer' als Wassereis. Da der Asteroid aber aus unzähligen unterschiedlich großen Gesteinsbrocken zusammengefügt ist, bedeutet dies, dass ein großer Teil seines Volumens von Hohlräumen durchzogen sein muss, die den diamantenförmigen Körper vermutlich extrem zerbrechlich machen. Darauf deuten auch Messungen hin, die mit dem DLR-Radiometerexperiment MARA und MASCOT durchgeführt und vor kurzem veröffentlicht wurden.

Wissenschaftler schreiben Raumfahrtgeschichte

"Das sind hochinteressante Ergebnisse, die wir jetzt durch die Auswertung der MASCOT-Experimente sehen. Es ist faszinierend, was diese kleine Hightech-Box in 300 Millionen Kilometer Entfernung von der Erde auf Ryugu geleistet hat", freut sich Prof. Hansjörg Dittus, DLR-Vorstand für Raumfahrtforschung und -technologie. "Gemeinsam mit unseren japanischen und französischen Kollegen haben wir mit MASCOT ein kleines Kapitel Raumfahrtgeschichte geschrieben."

MASCOT bewegte sich mit einem eingebauten Schwungarm über die Oberfläche. "Nach der Landung und ersten Ruheposition musste MASCOT eine Lagekorrektur durchführen, um die wissenschaftlichen Experimente passend auf die Asteroidenoberfläche auszurichten", erklärt MASCOT-Projektleiterin Dr. Tra-Mi Ho vom DLR-Institut für Raumfahrtsysteme in Bremen. "Danach folgten drei weitere Positionsänderungen mit nachfolgenden Messungen."

Zwei unterschiedliche Gesteinstypen aber kein Staub

Auf den Bildern, die während des Abstiegs von MASCOT und auf der Oberfläche mit der Kamera aufgenommen wurden, sind hauptsächlich dunkle dezimeter- bis metergroße kantige, manchmal aber auch glatte Felsblöcke zu sehen. Felsblöcke mit glatten Bruchflächen und scharfen Kanten sind dabei etwas heller als Brocken mit einer unregelmäßigeren, blumenkohlartigen und teilweise krümeligen Oberfläche. Ryugu reflektiert nur viereinhalb Prozent des Sonnenlichts, vergleichbar mit Holzkohle, und er gehört damit zu den dunkelsten Objekten im Sonnensystem. MASCam konnte sowohl tagsüber, als auch nachts Aufnahmen machen. Dafür war das Kamerasystem mit Leuchtdioden ausgestattet, die ihre unmittelbare Umgebung in verschiedenen, klar definierten Farbwellenlängen im sichtbaren Licht und nahen Infrarot beleuchteten, um das Reflexionsverhalten der Umgebung in unterschiedlichen Spektralkanälen aufzuzeichnen.

Die beiden beobachteten Felstypen sind zu etwa gleichen Teilen auf der Oberfläche auf Ryugu verteilt. Daraus lassen sich zwei mögliche Entstehungsgeschichten ableiten: "Zum einen", erklärt Jaumann, "könnte Ryugu nach der Kollision zweier Körper aus unterschiedlichem Material entstanden sein, die dabei zerbrochen sind und die Bruchstücke sich gravitativ zu einem neuen Körper mit den zwei unterschiedlichen Felssorten zusammengefügt haben. Oder aber Ryugu ist das Überbleibsel eines einzelnen Körpers, in dem es im Inneren Zonen verschiedene Temperatur- und Druckbedingungen gab und so dort zwei Typen von Gesteinen entstanden sind."

Besonders staunten Prof. Ralf Jaumann und sein Team über das Fehlen von Staub: "Die ganze Oberfläche von Ryugu ist von Gesteinsbrocken übersät, aber nirgendwo haben wir Staub entdeckt! Der müsste wegen des Beschusses des Asteroiden durch Mikrometeoriten über Milliarden von Jahren und deren verwitternder Wirkung eigentlich vorhanden sein. Aber er ist entweder in Hohlräumen verschwunden oder bei der geringen Schwerkraft von nur einem Sechzigtausendstel der Erde ins All entwichen. Dies gibt einen Hinweis auf komplexe geophysikalische Prozesse auf der Oberfläche dieses kleinen Asteroiden."

Felsblöcke erinnern an Meteoriten mit Material der stellaren Urwolke

Bisher sahen die MASCOT-Wissenschaftler bei Ryugu eher Ähnlichkeiten mit zwei Meteoriten, die 1969 in Allende (Mexiko) und im australischen Murchison auf die Erde fielen. Diese Meteoriten enthalten jedoch, vermutlich infolge der verwitternden Wirkung von Kristallwasser, kaum helle Einsprengsel. Die jetzt beobachteten hellen Inklusionen lassen die Wissenschaftler nun zu dem Ergebnis kommen, dass die blumenkohlartigen Gesteine von Ryugu mehr Ähnlichkeiten mit Meteoriten vom Tagish-See haben. Am 18. Januar 2000 regneten nach der Explosion einer großen Feuerkugel über Kanada hunderte kleine Meteoriten auf die Erde und zahlreiche Bruchstücke wurden damals auf dem Eis des gefrorenen, namensgebenden Sees gefunden.

Dabei handelt es sich um sehr seltene Steinmeteoriten aus der Klasse der sogenannten CI-Chondriten. Das C steht für das chemische Elements Kohlenstoff, und das 'I' für die Ähnlichkeit mit dem Ivuna Meteoriten aus Tansania. Es sind mit die primitivsten und ältesten Bestandteile des Sonnensystems, Überbleibsel der ersten festen Körper, die in der stellaren Urwolke entstanden sind. Man nimmt an, dass sich aus ihnen die Körper des Sonnensystems entwickelt haben.

Asteroid Ryugu gehört zu den 'Near-Earth Objects' (NEOs), also Asteroiden oder Kometen, die der Erdbahn nahe kommen oder diese schneiden. Sie können manchmal auch auf Kollisionskurs mit der Erde geraten. Die Bahn von Ryugu um die Sonne verläuft nahezu parallel zur Erdbahn und nähert sich dieser – um 5,9 Grad geneigt – bis auf eine Entfernung von etwa 100.000 Kilometer. Allerdings kommt Ryugu dabei nie in unmittelbare Nähe der Erde. Trotzdem sind die Erkenntnisse zu den Eigenschaften von Körpern der Art von Ryugu enorm wichtig für Einschätzungen, wie solchen "Erdbahnkreuzern" im Fall der Fälle begegnet werden könnte.

Vorbereitung auf die Rückkehr zur Erde

Während die Teilmission MASCOT abgeschlossen ist, führte Hayabusa2 zahlreiche weitere, zum Teil einzigartige Manöver durch, kartierte den Asteroiden in hoher Auflösung und nahm durch Berührung der Asteroidenoberfläche mit einem Rohr zur Probennahme Bestandteile von verschiedenen Punkten auf dem urtümlichen Körper auf, die in einem Transportbehälter versiegelt mit der Sonde Ende des Jahres zur Erde zurückfliegen wird, um in einer Landekapsel Ende 2020 zu landen.

Über die Mission Hayabusa2 und MASCOT

Hayabusa2 ist eine Weltraummission der japanischen Raumfahrtagentur JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency) zum erdnahen Asteroiden Ryugu. Der deutsch-französische Lander MASCOT an Bord von Hayabusa2 wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in enger Kooperation mit der französischen Raumfahrtagentur CNES (Centre National d'Études Spatiales) entwickelt und gebaut. Die wissenschaftlichen Experimente an Bord von MASCOT sind Beiträge des DLR, des Institut d'Astrophysique Spatiale und der Technischen Universität Braunschweig. Betrieb und Steuerung des MASCOT-Landers und seiner Experimente erfolgten durch das DLR mit Unterstützung der CNES und in kontinuierlichem Austausch mit der JAXA.

Das DLR-Institut für Raumfahrtsysteme in Bremen entwickelte federführend zusammen mit CNES den Lander und testete ihn. Das DLR-Institut für Faserverbundleichtbau und Adaptronik in Braunschweig war für die stabile Struktur des Landers zuständig. Das DLR Robotik und Mechatronik Zentrum in Oberpfaffenhofen entwickelte den Schwungarm, der MASCOT auf dem Asteroiden hüpfen ließ. Das DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin steuerte die Kamera MASCam und das Radiometer MARA bei. Überwacht und betrieben wurde der Asteroidenlander aus dem MASCOT-Kontrollzentrum im Nutzerzentrum für Weltraumexperimente (MUSC) am DLR-Standort Köln.

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