21. November 2019
Mission Mars Express

Glet­scher als Land­schafts­ge­stal­ter: Die Zeu­gen­ber­ge von Deu­te­ro­ni­lus Mensae

Bildausschnitt 3: glaziale Fließstrukturen zwischen Tafelbergen
Bild­aus­schnitt 3: gla­zia­le Fließ­struk­tu­ren zwi­schen Ta­fel­ber­gen
Bild 1/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Bildausschnitt 3: glaziale Fließstrukturen zwischen Tafelbergen

In den Nie­de­run­gen und Tä­lern zwi­schen den Ta­fel­ber­gen in Deu­te­ro­ni­lus Mensae sind die Spu­ren der Ab­tra­gung von Ge­stein des süd­li­chen Mars­hoch­lan­des, des­sen Trans­port durch lang­sam flie­ßen­de Glet­scher und sei­ner Ab­la­ge­rung all­ge­gen­wär­tig. Die Tex­tur der Ober­flä­che zeigt da­bei die Fließ­rich­tung und die Rich­tungs­än­de­run­gen durch to­po­gra­phi­sche Hin­der­nis­se an, die den Glet­scher ge­wis­ser­ma­ßen len­ken. In der Bild­mit­te ist ein et­wa zehn Ki­lo­me­ter großer Ein­schlags­kra­ter zu se­hen. Sei­ne schüs­sel­för­mi­ge Struk­tur wur­de durch die Ab­la­ge­rung von Se­di­men­ten ein­ge­eb­net. Vom Kra­ter­rand sind nur noch Res­te zu se­hen.
Blick auf den Norden der Region Deuteronilus Mensae
Blick auf den Nor­den der Re­gi­on Deu­te­ro­ni­lus Mensae
Bild 2/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Blick auf den Norden der Region Deuteronilus Mensae

In der Über­gangs­zo­ne ra­gen ein­zel­ne, bis zu 30 Ki­lo­me­ter große Ta­fel­ber­ge (Mensae) als „Zeu­gen­ber­ge“ aus der Ebe­ne des wei­ter süd­lich (links) ge­le­ge­nen Mars­hoch­lan­des her­aus. Deu­te­ro­ni­lus Mensae ist ei­ne für die­se ‚Di­cho­to­mie­gren­ze‘ auf dem Mars sehr ty­pi­sche Re­gi­on. Die et­wa 2.000 Me­ter ho­hen Zeu­gen­ber­ge zei­gen, dass sich das Mars­hoch­land ur­sprüng­lich wei­ter nach Nor­den er­streck­te, aber durch Ero­si­ons­pro­zes­se zu großen Tei­len ab­ge­tra­gen wur­de: Das Eis von Glet­schern, aber auch flie­ßen­des Was­ser, trans­por­tier­ten das Hoch­land­ma­te­ri­al nach Nor­den in die Tiefebe­nen. Die Spu­ren der Ver­glet­sche­run­gen sind als ver­schie­den­ar­ti­ge Li­ni­en­struk­tu­ren be­son­ders gut zwi­schen den Ta­fel­ber­gen zu se­hen.
Tafelberge und stark erodierter Krater in Deuteronilus Mensae
Ta­fel­ber­ge und stark ero­dier­ter Kra­ter in Deu­te­ro­ni­lus Mensae
Bild 3/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Tafelberge und stark erodierter Krater in Deuteronilus Mensae

Nach­dem das al­te Hoch­land ab­ge­tra­gen wur­de, blie­ben un­ter­schied­lich große „Zeu­gen­ber­ge“ zu­rück. Ih­re pla­teau­ar­ti­ge Ober­flä­che re­prä­sen­tie­ren die Über­res­te ei­ner einst­mals viel wei­ter nach Nor­den aus­ge­dehn­ten Land­ober­flä­che und „be­zeu­gen“ so­mit die Hö­he des ehe­ma­li­gen Ge­län­de­ni­ve­aus. Ver­mut­lich hat es meh­re­re Pha­sen von Ver­glet­sche­rung ge­ge­ben. Man­che Ein­schlags­kra­ter in der Re­gi­on, wie je­ner in der lin­ken Bild­hälf­te, ha­ben stark ero­dier­te Rän­der und wur­den von ver­frach­te­tem und ab­ge­la­ger­tem Ma­te­ri­al kom­plett ver­füllt. Nur noch an­satz­wei­se ist die­ser Kra­ter als kreis­run­de Struk­tur zu er­ken­nen.
Spuren ehemaliger Vergletscherung in Deuteronilus Mensae
Spu­ren ehe­ma­li­ger Ver­glet­sche­rung in Deu­te­ro­ni­lus Mensae
Bild 4/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Spuren ehemaliger Vergletscherung in Deuteronilus Mensae

Das Ge­län­de zwi­schen den Ta­fel­ber­gen ist gleich­mä­ßig von Ab­la­ge­run­gen be­deckt. De­ren Ober­flä­chen­tex­tur deu­tet stel­len­wei­se auf ei­ne vis­kos krie­chen­de, lang­sa­me Ab­wärts­be­we­gung ei­nes Ge­mischs aus Schutt und Eis hin. Die Fließ­struk­tu­ren, die in der Bild­mit­te zu se­hen sind, äh­neln mit Schutt be­deck­ten Glet­schern, wie sie auf der Er­de bei­spiels­wei­se in der Ant­ark­tis vor­kom­men.
Bildausschnitt 1: Überreste von Vergletscherungen in Deuteronilus Mensae
Bild­aus­schnitt 1: Über­res­te von Ver­glet­sche­run­gen in Deu­te­ro­ni­lus Mensae
Bild 5/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Bildausschnitt 1: Überreste von Vergletscherungen in Deuteronilus Mensae

In den Ebe­nen zwi­schen den 1.000 bis 2.000 Me­ter ho­hen Ta­fel­ber­gen in Deu­te­ro­ni­lus Mensae sind zahl­rei­che Spu­ren ehe­ma­li­ger Ver­glet­sche­run­gen zu se­hen, so wie die Struk­tur in der Bild­mit­te. Da­bei han­delt es sich um ei­nen von Ge­steins­schutt be­deck­ten Glet­scher. Ra­dar­mes­sun­gen ha­ben ge­zeigt, dass un­ter der sicht­ba­ren Ober­flä­che noch Eis vor­han­den ist, das durch die Be­de­ckung von Ge­stein und Ge­röll vor dem di­rek­ten Über­gang vom fes­ten in den gas­för­mi­gen Zu­stand ge­schützt ist. Auch die Ebe­nen im lin­ken und im rech­ten Bild­drit­tel rüh­ren von Eis her, das un­ter dem Ge­wicht der Se­di­ment­fracht und dem Ei­gen­ge­wicht plas­tisch rea­gier­te und zu flie­ßen be­gann. Da­durch wur­den die Schutt­fä­cher am Fu­ße der Ab­hän­ge von den Ta­fel­ber­gen weg­ver­frach­tet.
Bildausschnitt 2: von Sedimenten verfüllter Einschlagskrater
Bild­aus­schnitt 2: von Se­di­men­ten ver­füll­ter Ein­schlags­kra­ter
Bild 6/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Bildausschnitt 2: von Sedimenten verfüllter Einschlagskrater

Die meis­ten Ein­schlags­kra­ter in der Re­gi­on ha­ben stark ero­dier­te Rän­der und wur­den von ver­frach­te­tem und an an­de­rer Stel­le ab­ge­la­ger­tem Ma­te­ri­al fast kom­plett ver­füllt, wie an die­sem Bei­spiel zu se­hen ist. Stel­len­wei­se sind sie ge­ra­de noch als kreis­run­de Struk­tu­ren mit fla­chem Bo­den zu er­ken­nen. Bei die­sem 20 Ki­lo­me­ter großen, na­men­lo­sen Kra­ter ragt nur noch die Spit­ze des Zen­tral­bergs aus den Se­di­men­ten her­aus.
Bildausschnitt 4: konzentrische Ablagerungen um die Zeugenberge
Bild­aus­schnitt 4: kon­zen­tri­sche Ab­la­ge­run­gen um die Zeu­gen­ber­ge
Bild 7/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Bildausschnitt 4: konzentrische Ablagerungen um die Zeugenberge

Das Ge­län­de zwi­schen den Ta­fel­ber­gen ist an vie­len Stel­len von Ab­la­ge­run­gen be­deckt, de­ren Ober­flä­chen­tex­tur stel­len­wei­se auf ei­ne vis­kos krie­chen­de, lang­sa­me Ab­wärts­be­we­gung von ei­nem Ge­misch aus Schutt und Eis hin­deu­tet. Die kon­zen­trisch um die Pla­teaus an­ge­ord­ne­ten Fließ­struk­tu­ren äh­neln Block­glet­schern oder voll­stän­dig mit Schutt be­deck­ten Glet­schern, wie sie auf der Er­de bei­spiels­wei­se in der Ant­ark­tis vor­kom­men. Das Ober­flä­chen­mus­ter, das von Ge­röll und Ge­steins­schutt auf dem Glet­scher ge­bil­det wird, spie­gelt un­ter­schied­li­che Fließ­ge­schwin­dig­kei­ten des dar­un­ter be­find­li­chen vis­ko­sen Ei­ses wi­der. Es gilt als wahr­schein­lich, dass sich un­ter die­sem Ge­steins­tep­pich auch heu­te noch Eis be­fin­det. Ist Eis von Ge­röll be­deckt, dürf­te es für lan­ge Zeit vor der Sub­li­ma­ti­on ge­schützt sein (dem Über­gang vom fes­ten in den gas­för­mi­gen Zu­stand).
Ausschnitt 5: Bruchstrukturen von Gletschereis in Deuteronilus Mensae
Aus­schnitt 5: Bruch­struk­tu­ren von Glet­sche­reis in Deu­te­ro­ni­lus Mensae
Bild 8/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Ausschnitt 5: Bruchstrukturen von Gletschereis in Deuteronilus Mensae

Aus den gla­zia­len Struk­tu­ren in Deu­te­ro­ni­lus Mensae schlie­ßen ei­ni­ge Wis­sen­schaft­ler, dass es in geo­lo­gisch jüngs­ter Zeit – vor hun­dert­tau­send bis so­gar nur zehn­tau­send Jah­ren – hier Glet­scher gab. In Eis­zei­ten ähn­lich wie auf der Er­de dürf­te es auch in mitt­le­ren Mars-Brei­ten groß­flä­chi­ge po­la­re Ver­ei­sun­gen ge­ge­ben ha­ben. Un­ter den Stei­nen und dem Ge­röll, das die lang­sam flie­ßen­den Glet­scher be­deck­te, könn­te so­gar heu­te noch Eis vor­han­den sein. Be­ob­ach­tun­gen, die mit ei­nem Ra­dar­ex­pe­ri­ment auf der NA­SA-Son­de SHA­RAD (Shal­low Ra­dar) ge­macht wur­den, schei­nen die­se Theo­rie zu be­stä­ti­gen.
Deuteronilus Mensae, Mars: Übergangszone zwischen Hoch- und Tiefland
Deu­te­ro­ni­lus Mensae, Mars: Über­gangs­zo­ne zwi­schen Hoch- und Tief­land
Bild 9/11, Credit: NASA/JPL (MOLA), FU Berlin

Deuteronilus Mensae, Mars: Übergangszone zwischen Hoch- und Tiefland

Die Mars-Re­gi­on Deu­te­ro­ni­lus Mensae (lat. für die „Ta­fel­ber­ge am zwei­ten Nil“) ist et­wa so groß wie Deutsch­lands. Sie bil­det ei­nen mar­kan­ten Über­gang vom süd­li­chen Hoch­land zu den ein- bis zwei­tau­send Me­ter tie­fer ge­le­ge­nen Ebe­nen des Nor­dens an der so­ge­nann­ten Di­cho­to­mie­gren­ze. Die­se Über­gangs­zo­ne ist durch zahl­rei­che frei­ste­hen­de Ta­fel­ber­ge cha­rak­te­ri­siert. Die­se sind bei der nach Sü­den vor­drin­gen­den Ero­si­on üb­rig­ge­blie­ben und ste­hen heu­te als ‚Zeu­gen­ber­ge‘ frei in der Land­schaft. Die DLR-Ste­reo­ka­me­ra HR­SC auf der ESA-Raum­son­de Mars Ex­press scann­te am 25. Fe­bru­ar 2018 wäh­rend des Or­bits 17.913 das Ge­biet mit ih­ren neun quer zur Flug­rich­tung an­ge­ord­ne­ten Sen­so­ren. Die er­wähn­ten Land­schaf­ten be­fin­den sich in dem dick um­ran­de­ten Recht­eck. Es um­fasst ei­nen Ge­län­de­aus­schnitt von 170 mal 65 Ki­lo­me­tern.
Topographische Karte des nördlichen Teils von Deuteronilus Mensae
To­po­gra­phi­sche Kar­te des nörd­li­chen Teils von Deu­te­ro­ni­lus Mensae
Bild 10/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

Topographische Karte des nördlichen Teils von Deuteronilus Mensae

Aus den Bild­strei­fen, die das Ka­me­ra­sys­tem HR­SC auf Mars Ex­press aus ver­schie­de­nen Win­keln auf­ge­nom­men hat, be­rech­nen Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler des DLR und der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin di­gi­ta­le Ge­län­de­mo­del­le der Mar­so­ber­flä­che. Da­bei birgt je­der Bild­punkt ei­ne Hö­hen­in­for­ma­ti­on in sich. Die Farb­ko­die­rung des di­gi­ta­len Ge­län­de­mo­dells (Le­gen­de oben rechts) gibt Aus­kunft über die Hö­hen­un­ter­schie­de in der Re­gi­on: Die Hoch­flä­chen der frei in der Land­schaft ste­hen­den, zehn bis 30 Ki­lo­me­ter lan­gen Ta­fel­ber­ge be­fin­den sich et­wa 2.000 Me­ter über der Tiefebe­ne. Da­mit sind sie et­wa dop­pelt so hoch wie der Ta­fel­berg in Kap­stadt (Süd­afri­ka). Die Hö­hen­an­ga­ben rei­chen von mi­nus 4000 Me­ter (blau) bis mi­nus 2.000 Me­ter (rot). Das be­deu­tet, dass die­se Über­gangs­zo­ne bei et­wa 40 Grad nörd­li­cher Brei­te un­ter­halb des Be­zugs­ni­ve­aus, dem so­ge­nann­ten Areoi­den, liegt (von Ares, der grie­chi­schen Ent­spre­chung des rö­mi­schen Kriegs­got­tes Mars). Das Areo­id ist ei­ne be­rech­ne­te Flä­che glei­cher An­zie­hungs­kraft und­wird von den Wis­sen­schaft­lern auch Äqui­po­ten­ti­al­flä­che ge­nannt. Auf der Er­de ist die­se Be­zugs­flä­che der Mee­res­s­pie­gel.
3D-Ansicht des nördlichen Teils von Deuteronilus Mensae
3D-An­sicht des nörd­li­chen Teils von Deu­te­ro­ni­lus Mensae
Bild 11/11, Credit: ESA/DLR/FU Berlin, CC BY-SA 3.0 IGO

3D-Ansicht des nördlichen Teils von Deuteronilus Mensae

Aus dem senk­recht auf die Mar­so­ber­flä­che ge­rich­te­ten Na­dir­ka­nal (des vom DLR be­trie­be­nen Ka­me­ra­sys­tems HR­SC auf der ESA-Son­de Mars Ex­press) und ei­nem der vier schräg bli­cken­den Ste­reo­kanä­le las­sen sich so­ge­nann­te Ana­gly­phen­bil­der er­zeu­gen. Sie er­mög­li­chen bei der Ver­wen­dung ei­ner Rot-Blau- oder Rot-Grün-Bril­le ei­nen drei­di­men­sio­na­len Blick auf die Land­schaft. Nor­den liegt im Bild rechts. Die mar­kant aus der Ebe­ne her­aus­ra­gen­den Ta­fel­ber­ge, die bei der Ero­si­on des süd­li­chen Hoch­lands als „Zeu­gen­ber­ge“ in der nörd­li­chen Tiefebe­ne er­hal­ten ge­blie­ben sind, ha­ben ei­ne Hö­he von et­wa 2.000 Me­tern. Durch die ho­he Bild­auf­lö­sung von 13 Me­tern pro Pi­xel kann man so­gr auf den ab­ge­la­ger­ten Se­di­men­ten zwi­schen den Ta­fel­ber­gen Struk­tu­ren. Die­se las­sen Rück­schlüs­se auf gla­zia­le Ero­si­ons­pro­zes­se zu.
  • Wie auf der Erde prägten auch auf dem Mars Gletscher und Eiszeiten die Landschaften. Die Region Deuteronilus Mensae weist viele Spuren von Gletscherbewegungen auf, wie beispielsweise Tafelberge.
  • Das tiefer liegende Gelände im Norden des Mars und die Regionen zwischen den Tafelbergen sind gleichmäßig von Ablagerungen bedeckt, die Blockgletschern auf der Erde ähneln.
  • Messungen ergaben, dass die meisten gletscherartigen Strukturen in Deuteronilus Mensae auch heute noch einen hohen Anteil an reinem Wassereis enthalten (80 bis 90 Prozent).

Wann immer Eiszeiten über die Erde kamen, hatten sie nach dem Rückzug der Eisschilde das Landschaftsbild stark verändert. In den vergangenen zweieinhalb Millionen Jahren kam es allein in Mitteleuropa fünfmal zu massiven Vereisungen. Dabei drang das Eis aus der Arktis bis nach Mitteleuropa vor. Gleichzeitig schoben sich die Gletscher der Alpen kilometerdick weit nach Norden bis zur heutigen Donau. Zogen sich die Gletscher in den Warmzeiten (Interglazialen) wieder zurück, hinterließen sie typische Landschaftsformen mit Moränen oder Eiszeitseen. Die Trogtäler der Alpen mit ihrem U-förmigen Profil zeugen genauso davon wie „Findlinge”, ortsfremde Felsen und Steine aus Skandinavien oder den Alpen. Sie wurden auf den eisigen Förderbändern der Gletscher hunderte von Kilometern verfrachtet. Auch auf dem Mars prägten Gletscher und Eiszeiten die Landschaften. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Region Deuteronilus Mensae an der Grenze zwischen Marshochland und nördlichen Tiefebenen, wie Aufnahmen der vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betriebenen Stereokamera HRSC auf der ESA-Mission Mars Express zeigen.

Die Region Deuteronilus Mensae (lat.: Tafelberge am zweiten Nil) ist etwa so groß wie Deutschland. Sie bildet einen markanten Übergang vom südlichen Hochland zu den ein- bis zweitausend Meter tiefer gelegenen Ebenen der nördlichen Hemisphäre, der sogenannte Dichotomiegrenze (Bild 9). Diese ist durch zahlreiche freistehende Tafelberge charakterisiert, die bei der von Norden nach Süden vordringenden Erosion übriggeblieben sind und heute als „Zeugenberge“ frei in der Landschaft stehen.

Abgehobeltes Gestein wurde nach Norden verfrachtet

Die Täler zwischen diesen Zeugenbergen entstanden zum einen durch die erodierende Wirkung von fließenden Gewässern. Häufig finden sich aber auch Spuren, die zeigen, dass auch Gletscher die Landschaft stark geprägt haben. Wie auf der Erde entwickelt das unter dem Eigengewicht ganz langsam fließende Eis von Gletschern eine starke Erosionskraft. Das am Grund der Gletscher abgehobelte Material und das von den steilen Berghängen an den Gletscherseiten auf das Eis fallende Gestein wurde mit den nach Norden kriechenden Gletscherzungen abtransportiert und durch die intensive Reibung zerkleinert.

Die Abtragung des alten Hochlandgebiets hinterließ verschieden große Zeugenberge. Ihre plateauartigen Oberflächen repräsentieren die Überreste einer einstmals viel weiter nach Norden ausgedehnten Landoberfläche und bezeugen somit die Höhe des ehemaligen Geländeniveaus.

Die Geländeformen machen deutlich, dass es mehrere Vergletscherungsphasen gegeben haben muss. Viele Einschlagskrater in der Region haben stark erodierte Ränder und wurden von verfrachtetem und abgelagertem Material fast komplett verfüllt. Stellenweise sind sie heute gerade noch als kreisrunde Strukturen mit flachem Boden zu erkennen, bei manchen Kratern ragt nur noch teilweise der Zentralberg aus den Sedimenten (Bild 5, "Ausschnitt 2").

Mars-Eiszeiten in geologisch jüngster Zeit

Das tiefer liegende Gelände im Norden und die Regionen zwischen den Tafelbergen sind gleichmäßig von Ablagerungen bedeckt, deren Oberflächentextur teilweise auf eine viskos kriechende, langsame Abwärtsbewegung von einem Gemisch aus Schutt und Eis hindeuten. Die konzentrisch um die Plateaus angeordneten Fließstrukturen (Bilder 6 und 7) ähneln Blockgletschern oder vollständig mit Schutt bedeckten Gletschern, wie sie in kaltklimatischen Regionen auf der Erde, beispielsweise in der Antarktis, vorkommen. Das Muster, das Geröll und Gesteinsschutt auf dem sich talwärts schiebenden Gletscher bilden, spiegelt unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten des darunter befindlichen viskosen Eises wider.

Sehr wahrscheinlich befindet sich unter diesem Gesteinsteppich sogar heute noch Eis, auch wenn es nicht sichtbar ist. An der Oberfläche existiert Eis auf dem Mars nur in der Nord- und Südpolregion als Eiskappe und als Frost auf Dünenkämmen oder Kraterrändern, also dort, wo die Temperaturen extrem niedrig sind. Häufig ist es gemischt mit Kohlendioxideis. In mittleren Breiten wie in Deuteronilus Mensae erreichen die Temperaturen im Sommer durchaus Plusgrade. An der Oberfläche befindliches Wassereis würde bei dem auf dem Mars herrschenden niedrigen Atmosphärendruck sofort vom festen in den gasförmigen Zustand übergehen (sublimieren). Ist das Eis jedoch von Geröll bedeckt, dürfte es Tausende von Jahren vor Sublimation geschützt sein.

Bei der Interpretation der Strukturen in Deuteronilus Mensae nehmen einige Wissenschaftler deshalb an, dass es in geologisch jüngster Zeit – vor hunderttausend bis zehntausend Jahren – dort Gletscher gab, womöglich sogar Eiszeiten wie auf der Erde. Da die Drehachse des Mars viel häufiger hin- und herpendelt und somit unterschiedliche Gebiete mal zur Sonnen hin oder von ihr abgewendet werden, könnte es auch in diesen mittleren Breiten zu großflächigen polaren Vereisungen gekommen sein.

Bestätigt wird diese Annahme durch die Analyse von Daten des Instruments SHARAD (Shallow Radar) an Bord des Mars Reconnaissance Orbiters der NASA. Mittels Radarstahlen kann es einige hundert Meter in den Boden schauen. Die Messungen zeigen, dass die meisten gletscherartigen Strukturen in Deuteronilus Mensae auch heute noch einen hohen Anteil an reinem Wassereis enthalten (80 bis 90 Prozent). Sie könnten somit die Überreste eines überregionalen Eisschildes sein, das einst die Plateaus und angrenzenden Ebenen der Region bedeckte. Sublimation von Eis im Zuge eines Klimawandels könnte dann zu einem Abbau des großflächigen Eisschildes geführt haben, wodurch die Hänge der Plateaus freigelegt und weiter erodiert wurden. Die im nördlichen Teil des Bildes zu erkennende gerippte Textur (BIlder 4 und 8) der tieferliegenden Flächen kann durch hangabwärts gerichtete Kriechbewegungen des Eis-Schutt-Gemischs und dadurch entstehende Bruch- und Stauchungsmuster erklärt werden.

Weitere Bilder der HRSC finden Sie in der Mars Express-Bildergalerie auf flickr.

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  • Bildverarbeitung
    Die systematische Verarbeitung der Kameradaten erfolgte am DLR-Institut für Planetenforschung. Mitarbeiter der Fachrichtung Planetologie und Fernerkundung der Freien Universität Berlin erstellten daraus die hier gezeigten Bildprodukte. Die Aufnahmen mit der HRSC (High Resolution Stereo Camera) entstanden am 25. Februar 2018 während Orbit 17.913 von Mars Express. Die Bildauflösung beträgt etwa 13 Meter pro Bildpunkt (Pixel). Die Bildmitte liegt bei etwa 25,5 Grad östlicher Länge und 44 Grad nördlicher Breite. Die Farbaufsicht wurde aus dem senkrecht auf die Marsoberfläche gerichteten Nadirkanal und den Farbkanälen der HRSC erstellt, die perspektivische Schrägansicht wurde aus den Geländemodell-Daten, den Nadir- und Farbkanälen der HRSC berechnet. Das Anaglyphenbild, das bei Betrachtung mit einer Rot-Blau- oder Rot-Grün-Brille einen dreidimensionalen Eindruck der Landschaft vermittelt, wurde aus dem Nadirkanal und den Stereokanälen abgeleitet. Die in Regenbogenfarben kodierte Aufsicht beruht auf einem digitalen Geländemodell (DTM) der Region, von dem sich die Topographie der Landschaft ableiten lässt.
  • Das HRSC-Experiment auf Mars Express
    Die High Resolution Stereo Camera, kurz HRSC, wurde am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und in Kooperation mit industriellen Partnern gebaut (EADS Astrium, Lewicki Microelectronic GmbH und Jena-Optronik GmbH). Das Wissenschaftsteam unter Leitung des Principal Investigators (PI) Prof. Dr. Ralf Jaumann besteht aus 50 Co-Investigatoren, die aus 35 Institutionen in 11 Nationen stammen. Die Kamera wird vom DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof betrieben. Seit 2004 liefert die Kamera hochauflösende Bilder vom Roten Planeten.
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