24. Februar 2020
Erste Ergebnisse der Mission InSight und ein neuer Plan für den Marsmaulwurf

Der Mars bebt wie die Schwä­bi­sche Alb

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Cerberus Fossae, von Vulkanismus und Tektonik geprägt
Cer­be­rus Fossae, von Vul­ka­nis­mus und Tek­to­nik ge­prägt
Bild 1/7, Credit: ESA/DLR/FU Berlin

Cerberus Fossae, von Vulkanismus und Tektonik geprägt

Wie vom Mes­ser durch­schnit­ten er­scheint die Land­schaft in der Re­gi­on Cer­be­rus Fossae. Die tek­to­ni­schen Bruch­struk­tu­ren ent­stan­den vor we­ni­ger als hun­dert Mil­lio­nen Jah­ren, viel­leicht so­gar erst vor zehn Mil­lio­nen Jah­ren. Dies lässt sich auch am Pro­fil der Fossae ab­le­sen, die von ex­trem stei­len, stel­len­wei­se fast senk­rech­ten und stel­len­wei­se mehr als 500 Me­ter ho­hen Wän­den be­grenzt sind, die durch Ero­si­on so gut wie nicht ab­ge­flacht sind. Das Seis­mo­me­ter SEIS auf der NA­SA-Missi­on In­Sight hat hier, et­wa 1700 Ki­lo­me­ter öst­lich der Lan­des­tel­le, zwei Be­ben recht ge­nau und ein wei­te­res mit et­was grö­ße­rer Un­si­cher­heit lo­ka­li­sie­ren kön­nen. Das Bild wur­de von der hoch­auf­lö­sen­den Ste­reo­ka­me­ra HR­SC auf der eu­ro­päi­schen Raum­son­de Mars Ex­press am 27. Ja­nu­ar 2018 auf­ge­nom­men.
InSight lokalisiert Marsbeben in der Region Cerberus Fossae
In­Sight lo­ka­li­siert Mars­be­ben in der Re­gi­on Cer­be­rus Fossae
Bild 2/7, Credit: NASA/USGS/MOLA; DLR (nach Giardini et al., 2020)

InSight lokalisiert Marsbeben in der Region Cerberus Fossae

Das Seis­mo­me­ter SEIS auf der NA­SA-Lan­des­on­de In­Sight zeich­ne­te im Zeit­raum Fe­bru­ar bis En­de Sep­tem­ber 2019 ins­ge­samt 174 klei­ne Mars­be­ben auf. Mit Hil­fe von Mo­del­lie­run­gen zur Aus­brei­tung seis­mi­scher Wel­len im Mars­bo­den konn­te der wahr­schein­li­che Herd von zwei grö­ße­ren Be­ben (s0235b und s0173a) recht ge­nau, und von ei­nem wei­te­ren Be­ben (s0183a), das we­ni­ger kla­re Si­gna­le zeig­te, mit et­was grö­ße­rer Un­ge­nau­ig­keit er­mit­telt wer­den. Die Mars­be­ben er­eig­ne­ten sich in der Re­gi­on Cer­be­rus Fossae, ei­nem jun­gen vul­ka­ni­schen Ge­biet et­wa 1700 Ki­lo­me­ter öst­lich der Lan­des­tel­le von In­Sight in Ely­si­um Pla­ni­tia. Ro­te Li­ni­en zeich­nen be­kann­te Stö­rungs­zo­nen nach. Die to­po­gra­phi­sche Kar­te be­ruht auf La­ser-Hö­hen­mes­sun­gen der NA­SA-Raum­son­de Mars Glo­bal Sur­veyor (1999-2006) und zeigt Hö­hen­un­ter­schie­de von et­wa -3000 Me­tern (blau­grün) bis +7000 Me­tern (Gip­fel des Ely­si­um Mons) an, be­zo­gen auf die Re­fe­renz­flä­che des so ge­nann­ten Areo­ids, ei­ner mo­del­lier­ten el­lip­sen­för­mi­gen Flä­che glei­cher An­zie­hungs­kraft, die auf dem Mars in Er­man­ge­lung ei­nes Mee­res­s­pie­gels als Null­grad-Ni­veau ver­wen­det wird.
Modell der Beschaffenheit des Untergrunds
Mo­dell der Be­schaf­fen­heit des Un­ter­grunds
Bild 3/7, Credit: ©IPGP/Nicolas Sarter

Modell der Beschaffenheit des Untergrunds

Der Un­ter­grund an der In­Sight-Lan­des­tel­le be­steht aus drei un­ter­schied­li­chen Schich­ten und Ma­te­ria­li­en mit un­ter­schied­li­chen Ei­gen­schaf­ten. Aus der Lauf­zeit von Mars­be­ben­wel­len und den vom "Maul­wurf" beim Häm­mern in den Bo­den er­zeug­ten Si­gna­len der Ther­mal­son­de HP3, so­wie den vie­len Mes­sun­gen mit der APSS, der Au­xi­li­a­ry Pay­load Sen­sor Sui­te (be­ste­hend aus Ba­ro­me­ter, Wind­mess­ge­rät, Ma­gne­to­me­ter, zwei Ka­me­ras, dem HP3 Ra­dio­me­ter so­wie RI­SE, dem Ro­ta­ti­on and In­te­ri­or Struc­ture Ex­pe­ri­ment) konn­te ein Mo­dell der Bo­den­be­schaf­fen­heit ent­wi­ckelt wer­den. Un­ter ei­ner so­ge­nann­ten "Du­ri­krus­te" (von la­tei­nisch "du­rus" für hart und "crus­ta" für Krus­te, ei­ner ver­gleichs­wei­se fes­ten Krus­te, die aus ei­ner Art "ze­men­tier­tem" Sand be­steht und in et­wa mit der fes­ten, ka­ra­mel­li­sier­ten Zucker­krus­te ei­ne Crè­me Brûlée ver­gli­chen wer­den kann, fol­gen der meh­re­re Me­ter mäch­ti­ge Re­go­lith aus fein frag­men­tier­tem Krus­ten­ge­stein und schließ­lich tief in den Un­ter­grund rei­chen­den frag­men­tier­tem Grund­ge­stein.
SEIS-Experiment zur Aufzeichnung von Marsbebenwellen
SEIS-Ex­pe­ri­ment zur Auf­zeich­nung von Mars­be­ben­wel­len
Bild 4/7, Credit: NASA/JPL-Caltech/CNES/IPGP

SEIS-Experiment zur Aufzeichnung von Marsbebenwellen

SEIS ist ein Seis­mo­me­ter zur Mes­sung der Be­we­gun­gen im Mars­bo­den in ver­schie­de­nen Fre­quen­zen und be­steht aus ins­ge­samt sechs Sen­so­ren. Das In­stru­ment wur­de un­ter Fe­der­füh­rung der fran­zö­si­schen Welt­rau­m­agen­tur CNES ent­wi­ckelt. Das Herz­stück des SEIS-Ex­pe­ri­ments be­steht aus zwei­mal drei ex­trem emp­find­li­chen Pen­deln, die auch kleins­te Be­we­gun­gen der Mar­so­ber­flä­che re­gis­trie­ren. Das größ­te Pro­blem für dau­er­haft zu­ver­läs­si­ge Mes­sun­gen auf dem Mars sind die großen Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de zwi­schen Tag und Nacht und von Som­mer zu Win­ter. Weil sich Ma­te­ria­li­en bei Wär­me aus­deh­nen und bei Käl­te zu­sam­men­zie­hen, ist SEIS mit ei­nem raf­fi­nier­ten Ther­mal­sys­tem in Form von meh­re­ren Iso­la­ti­ons­hül­len aus­ge­stat­tet – ver­gleich­bar mit ei­ner ‚Ma­trosch­ka-Pup­pe‘. Die Hül­len glei­chen die­se Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de aus, so­dass im In­stru­ment dau­er­haft sta­bi­le Mess­be­din­gun­gen herr­schen. SEIS ist vor den Ein­flüs­sen des Mars­win­des und den mit ihm trans­por­tier­ten Staub von ei­ne halb­ku­gel­för­mi­gen Kup­pel ge­schützt, die aus meh­re­ren Ein­zel­schich­ten be­steht. De­tail­lier­te In­for­ma­tio­nen fin­den Sie hier.
Nächster Versuch der DLR-Thermalsonde HP³
Nächs­ter Ver­such der DLR-Ther­mal­son­de HP³
Bild 5/7, Credit: NASA/JPL-Caltech

Nächster Versuch der DLR-Thermalsonde HP³

Bis­her war es nicht mög­lich, mit dem selbst­häm­mern­den "Maul­wurf" als Haupt­be­stand­teil des DLR-Ex­pe­ri­ments HP3 tie­fer als 38 Zen­ti­me­ter in den Mars­bo­den mit sei­nen auch für den Mars un­ge­wöhn­li­chen Ei­gen­schaf­ten ein­zu­drin­gen. Nach­dem der Maul­wurf fast voll­stän­dig im Mars­bo­den war, kam er wie­der ein Stück aus dem Bo­den her­aus. Mitt­ler­wei­le ist er mit wie­der­hol­tem seit­li­chen Druck des Grei­farms wie­der ein Stück tie­fer in den Bo­den vor­ge­drun­gen mit ei­ner zu­letzt er­neu­ten leich­te­ren Rück­wärts­be­we­gung. In den kom­men­den Wo­chen soll durch Druck des Grei­farms von oben ‚nach­ge­hol­fen‘ wer­den."
Tägliche Temperaturschwankungen an der InSight-Landestelle
Täg­li­che Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen an der In­Sight-Lan­des­tel­le
Bild 6/7, Credit: DLR (CC-BY 3.0)

Tägliche Temperaturschwankungen an der InSight-Landestelle

Auf dem Mars sind die Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de viel grö­ßer als auf der Er­de. In­Sight misst die Wär­me­strah­lung an der Lan­des­tel­le am Bo­den mit Hil­fe des Ra­dio­me­ter­ex­pe­ri­ments RAD, ei­nem Teil des DLR-Ex­pe­ri­ments HP3. Na­he dem Äqua­tor ge­le­gen, er­wärmt die hoch­ste­hen­de Son­ne den fei­nen Sand an der Ober­flä­che auf Tem­pe­ra­tu­ren, die an den meis­ten Ta­gen über dem Ge­frier­punkt lie­gen, wäh­rend die dün­ne Luft 10 bis 20 Grad Cel­si­us käl­ter bleibt. Nachts sin­ken die Tem­pe­ra­tu­ren aber dann bis auf mi­nus 90 Grad Cel­si­us und tie­fer. Die Lücken in den Tem­pe­ra­tur­kur­ven ent­ste­hen, wenn das Ra­dio­me­ter zwi­schen den auf Tag und Nacht spe­zia­li­sier­ten Ope­ra­ti­ons­mo­den hin und her­schal­tet.
Die NASA-Sonde InSight auf dem Mars
Die NA­SA-Son­de In­Sight auf dem Mars
Bild 7/7, Credit: NASA/JPL-Caltech

Die NASA-Sonde InSight auf dem Mars

Nach ih­rem Start am 5. Mai 2018 lan­de­te die NA­SA-Raum­son­de In­Sight am 26. No­vem­ber des­sel­ben Jah­res in der Ebe­ne Ely­si­um Pla­num, vier­ein­halb Grad nörd­lich des Äqua­tors und 2613 Me­ter un­ter­halb des Re­fe­renz­ni­ve­aus auf dem Mars. In­Sight, ei­ne Missi­on der Dis­co­ve­ry-Klas­se der NA­SA, ist das ers­te rein geo­phy­si­ka­li­sche Ob­ser­va­to­ri­um auf ei­nem an­de­ren Him­mels­kör­per. Ne­ben dem fran­zö­si­schen Seis­mo­me­ter SEIS (links un­ten) und der vom DLR bei­ge­stell­ten Geo­ther­mie­son­de HP³ (He­at Flow and Phy­si­cal Pro­per­ties Packa­ge, rechts un­ten) kommt ein gan­zes Pa­ket von un­ter­stüt­zen­den In­stru­men­ten auf der Lan­de­platt­form (APSS – die Au­xi­li­a­ry Pay­load Sen­sor Sui­te) zum Ein­satz, be­ste­hend aus Ba­ro­me­ter, Wind­mess­ge­rät, Ma­gne­to­me­ter, zwei Ka­me­ras, dem HP3 Ra­dio­me­ter so­wie RI­SE, dem Ro­ta­ti­on and In­te­ri­or Struc­ture Ex­pe­ri­ment).
  • Das Experiment SEIS auf der geophysikalischen Station InSight registrierte bis Ende September 174 seismische Ereignisse.
  • schwache Beben der Magnituden unter 3 bis 4
  • Begleitende Messungen geben Einblick in Landestellenumgebung und lokales Wettergeschehen.
  • Marsmaulwurf soll in den kommenden Wochen durch Druck des Greifarms von oben effektiver geholfen werden.
  • Schwerpunkte: Raumfahrt, Exploration, Planetengeophysik

Der Mars ist ein seismisch aktiver Planet. Er bebt mehrmals täglich: zwar nicht besonders stark, aber doch deutlich messbar. Dies ist eines von vielen Ergebnissen der Auswertung von Messdaten der NASA-Landesonde InSight, die seit 2019 als geophysikalisches Observatorium auf der Marsoberfläche steht. In einer Serie von sechs Fachaufsätzen in den Fachmagazinen Nature Geoscience und Nature Communications, zu denen auch acht Wissenschaftler vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zahlreiche Beiträge geleistet haben, werden das Wetter und die atmosphärische Dynamik an der Landestelle, ihre geologische Umgebung, die Struktur der Marskruste so wie die Beschaffenheit und Eigenschaften der planetaren Oberfläche beschrieben.

Mit dem Seismometer SEIS (Seismic Experiment for Interior Structure), einem Experiment in der Verantwortung der französischen Weltraumagentur CNES, konnten von Februar bis September 2019 insgesamt 174 seismische Ereignisse aufgezeichnet werden. 20 dieser Marsbeben hatten eine Magnitude von 3 bis 4. Beben dieser Stärke entsprechen schwachen Beben, wie sie auf der Erde immer wieder inmitten von Kontinentalplatten auftreten, in Deutschland beispielsweise am Südrand der Schwäbischen Alb. Obwohl nur eine einzige Messstation zur Verfügung steht, konnte mit Hilfe von Modellen zur Wellenausbreitung im Marsboden der wahrscheinliche Herd zweier dieser Beben ermittelt werden: Er liegt in der Region Cerberus Fossae, einem jungen vulkanischen Gebiet etwa 1700 Kilometer östlich vom Landeplatz.

"Wegen der höheren Schwerkraft konnte SEIS auf der Erde nur eingeschränkt getestet werden. Wir sind alle begeistert davon, wie empfindlich es tatsächlich ist", freut sich Dr. Martin Knapmeyer vom DLR-Institut für Planetenforschung, der an der Auswertung der Daten von SEIS beteiligt ist. "Wir sehen auf dem Mars bisher eine seismische Aktivität, die deutlich stärker ist als die des Mondes. Das hatten wir auch so erwartet. Wie viel stärker sie tatsächlich ist und ob es auch stärkere Marsbeben als solche der Magnitude 4 gibt, wird sich im weiteren Verlauf der Mission noch herausstellen", so die Einschätzung des DLR-Geophysikers. Aber schon heute können wichtige neue Aussagen zum inneren Aufbau das Planeten getroffen werden: "Ähnlich wie auf dem Mond scheint die Kruste bis in eine Tiefe von einigen Kilometern stark zerrüttet zu sein – dennoch ähneln die seismischen Signale mehr denen, die wir auf der Erde registrieren als denen, die wir vom Mond kennen. Vieles muss also noch verstanden werden. So können wir bei einigen Marsbeben nicht erklären, wodurch sie entstehen. Da betreten wir wissenschaftliches Neuland." Die Mission wird noch mindestens das ganze Jahr 2020 fortgeführt und liefert kontinuierlich weitere Daten. "Bisher haben wir noch keine Meteoriteneinschläge registriert. Allerdings war im Voraus klar, dass wir während der Missionsdauer nur mit einzelnen Einschlägen rechnen können."

InSight misst den "Puls" des Roten Planeten

Es ist das erste Mal, dass ein Experiment zur Erfassung von Marsbeben auf unserem Nachbarplaneten solche Daten in größerem Umfang und über einen längeren Zeitraum liefert. Nach dem Mond ist der Mars erst der zweite Himmelskörper neben der Erde, auf dem natürliche Beben registriert wurden. Zwar wurde auch auf den ersten Sonden auf dem Mars, den Landeplätzen der legendären Sonden Viking 1 und 2, die im Juli 1976 gelandet waren, Instrumente für seismische Messungen eingesetzt. Diese befanden sich allerdings nicht direkt auf der Marsoberfläche, sondern auf der Landeplattform und lieferten nur "verrauschte" Ergebnisse, die wegen störender Begleitsignale vor allem durch Wind nicht besonders aussagekräftig waren.

Nach ihrem Start am 5. Mai 2018 landete InSight am 26. November desselben Jahres in der Ebene Elysium Planum, viereinhalb Grad nördlich des Äquators und 2613 Meter unterhalb des Referenzniveaus auf dem Mars. "Homestead Hollow",– so taufte das InSight-Team die Landestelle, wobei homestead im Englischen eine Heimstätte (jetzt für InSight) bezeichnet und "hollow" die geologische Bezeichnung für alte, von Sand und Staub gefüllte, flache und stark erodierte Krater ist. Homestead Hollow hat einen Durchmesser von 25 Metern. Die weitere Umgebung von InSight ist geologisch nicht besonders aufregend, aber genau das war eines der wichtigsten Kriterien bei der Auswahl der Landestelle: flach, eben, so wenig Felsen und Steine wie möglich. Die ganze Region besteht aus erstarrten Lavaströmen, die vor zweieinhalb Milliarden Jahren erstarrt sind und in der Folgezeit durch Meteoriteneinschläge und Verwitterung zu sogenanntem "Regolith" zerkleinert wurde. Vermutlich gibt es bis in mindestens drei Meter Tiefe keine größeren Felsbrocken.

Magnetfeld überrascht

InSight, eine Mission der Discovery-Klasse der NASA, ist das erste rein geophysikalische Observatorium auf einem anderen Himmelskörper im Sonnensystem. Hauptziel ist die Untersuchung von Aufbau und Struktur des Mars, seiner thermischen Entwicklung und seinem jetzigen inneren Zustand und der aktuellen seismischen Aktivität. Kräfte und Energien im Inneren eines planetaren Körpers "steuern" gewissermaßen über Jahrmilliarden die geologischen Prozesse, deren Ergebnisse an der Oberfläche sichtbar sind, beispielsweise Vulkanismus und tektonische Brüche in der starren Kruste.

Mit SEIS und der vom DLR beigestellten Geothermiesonde HP³ (Heat Flow and Physical Properties Package) sowie einem ganzen Paket von unterstützenden Instrumenten (APSS – die Auxiliary Payload Sensor Suite, bestehend aus Barometer, Windmessgerät, Magnetometer, zwei Kameras, dem HP³-Radiometer sowie RISE, dem Rotation and Interior Structure Experiment) nimmt InSight gewissermaßen den "Puls" des Roten Planeten, misst Ungleichmäßigkeiten in seiner täglichen Rotation und zeichnet atmosphärische Parameter sowie das Wetter, an der Landestelle auf. Ein überraschendes Ergebnis war beispielsweise die Beobachtung, dass lokal ein Magnetfeld gemessen wurde, das zehnmal stärker ist, als es durch Beobachtungen aus dem Marsorbit vorhergesagt wurde. Dieses Magnetfeld wird durch magnetisierte Minerale im Gestein erzeugt. Die Magnetisierung stammt letztlich von einem planetenweiten Magnetfeld aus der Frühgeschichte des Mars.

Der "bewegte" Tag eines Seismometers auf dem Mars

Noch vor dem Jahreswechsel 2018/2019 wurde das SEIS-Experiment auf der Marsoberfläche abgesetzt und nahm, geschützt vor Wind und Wetter durch seine charakteristische über das Instrument gestülpte Kuppel (genannt "Käseglocke") sowie perfekt horizontal ausgerichtet durch ein am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen entwickeltes Nivellierungssystem, im Februar 2019 den Routine-Messbetrieb auf. Das Experiment ist so empfindlich, dass nahezu jedwede kleine Veränderung an der Landestelle als Signal aufgezeichnet wird: Bewegungen des Roboterarms, Windböen, durch die Temperaturunterschiede hervorgerufener thermaler "Stress" im Lander, oder natürlich auch die Erschütterungen des hämmernden Marsmaulwurfs direkt nebenan. SEIS kann Erschütterungen wahrnehmen, die den Marsboden vor Ort um weniger als die Größe eines Wasserstoffatoms auslenken. Aus diesem Grund wurden der tägliche Wetterverlauf, insbesondere die Aktivität des Windes und die extremen Schwankungen der Temperaturen im Tag- und Nacht-Rhythmus sowie die Erschütterungen durch den Hammer-Mechanismus des DLR-Experiments HP³ analysiert.

Bebenmessungen zur Nachtzeit
Bebenmessungen zur Nachtzeit
Ein Tag auf dem Mars, ein „Sol“, hat mit 24 Stunden und 37 Minuten fast dieselbe Länge wie ein Tag auf der Erde. Die Graphik zeigt eine 24-Stunden-Uhr mit ‚marsianischen‘ Stunden, die dadurch etwas länger sind als irdische Stunden. Mitternacht ist oben, dann folgen im Uhrzeigersinn der Morgen mit dem Sonnenaufgang, der Mittag und mit dem Sonnenuntergang der Abend. Die leicht geschwungene orangefarbene Linie gibt den Zeitpunkt des Sonnenaufgangs- und -untergangs an, der im Laufe des Jahres leicht schwankt. Der Abstand von der Mitte gibt die Anzahl der Sols an, der Marstage seit der Landung von InSight. Der innerste Kreis ist Sol 72, an dem das Seismometer kontinuierlich aufzuzeichnen begann. Die verschiedenen Symbole zeigen die unterschiedlichen Typen von Marsbeben, die sich von der Signalfrequenz her unterscheiden. Da sich nach Sonnenuntergang das Wetter merklich beruhigt, ist die erste Nachthälfte das beste Zeitfenster für die Registrierung entfernter Marsbeben, weil praktisch kein Wind die Messungen mit dem ultraempfindlichen Experiment beeinträchtigt.
Credit: DLR (CC-BY 3.0)

"Wir haben es an der Landestelle mit viel größeren Temperaturunterschieden als auf der Erde zu tun", erklärt Dr. Nils Müller vom DLR-Institut für Planetenforschung, der die Wärmestrahlung vom Boden mit Hilfe des HP³-Radiometerexperiments analysiert hat. "Mittags erwärmt hier, nahe dem Marsäquator, die hochstehende Sonne den feinen Sand an der Oberfläche auf Temperaturen die an den meisten Tagen über dem Gefrierpunkt liegen, während die dünne Luft 10 bis 20 Grad Celsius kälter bleibt. Nachts sinken die Temperaturen aber dann bis auf minus 90 Grad Celsius und tiefer".

Tagsüber entwickelt sich infolge der Temperaturzunahme immer ein ganz charakteristisches Wettermuster mit auffrischenden und nachmittags wieder nachlassenden Winden. Sogar die Spuren kleiner Windhosen haben die Wissenschaftler am Boden identifiziert, nachdem ihr Verlauf vom NASA-Orbiter MAVEN aus der Umlaufbahn aufgezeichnet wurde. Diese Windhosen können sogar den Marsboden ein wenig anheben, was vom Seismometer registriert wird. Das erlaubt Rückschlüsse auf Materialeigenschaften im unmittelbaren Untergrund. Nachts beruhigt sich das Wetter merklich, so dass das beste Zeitfenster für die Registrierung entfernter Marsbeben in der ersten Nachthälfte liegt, weil praktisch kein atmosphärisches Rauschen das Experiment beeinträchtigt.

HP³ liefert Ergebnisse und der Marsmaulwurf bekommt Hilfe von oben

In die bisherige wissenschaftliche Bestandsaufnahme fließen auch Messungen und Beobachtungen des DLR-Experiments HP³ ein, wie beispielsweise die Radiometerdaten und die vom bisherigen Experimentverlauf abgeleiteten Bodeneigenschaften, wobei das Hämmern des Marsmaulwurfs unter anderem als seismische Quelle zur Analyse der oberen Bodenschicht diente. Allerdings war es bisher nicht möglich, mit der selbsthämmernden Thermalsonde tiefer als 38 Zentimeter in den dortigen Marsboden mit seinen auch für den Mars ungewöhnlichen Eigenschaften einzudringen. Im Herbst 2019 schien das Experiment auf einem guten Weg zu sein: Dem Marsmaulwurf konnte durch die Greifarm-Schaufel ein seitlicher Halt gegeben werden, was die für das Vordringen notwendige Reibung bereitstellte. "Nachdem der Maulwurf fast vollständig im Marsboden war, kam er wieder ein Stück aus dem Boden heraus. Mittlerweile ist er mit wiederholtem seitlichen Druck des Greifarms wieder ein Stück tiefer in den Boden vorgedrungen mit einer zuletzt erneuten leichteren Rückwärtsbewegung", erklärt der wissenschaftliche Leiter des HP³-Experiments Prof. Tilman Spohn vom DLR-Institut für Planetenforschung den bisherigen Verlauf. "Nun wollen wir in den kommenden Wochen durch Druck des Greifarms von oben effektiver helfen." Wissenschaftler des DLR und zahlreiche Techniker und Ingenieure am Jet Propulsion Laboratory (JPL) arbeiten seit Monaten akribisch mit dem Maulwurf auf dem Mars sowie mit Simulationen, Modellen und Tests auf der Erde an einer Lösung. Im Blog erklärt Prof. Tilman Spohn die aktuelle Situation und die Möglichkeiten mit dem Marsmaulwurf doch noch tiefer in den Boden vorzudringen.

Das HP³-Instrument auf der NASA-Mission InSight

Die Mission InSight wird vom Jet Propulsion Laboratory (JPL) in Pasadena, Kalifornien, im Auftrag des Wissenschaftsdirektorats der NASA durchgeführt. InSight ist eine Mission des NASA-Discovery-Programms. Das DLR steuert zur Mission das Experiment HP³ (Heat Flow and Physical Properties Package) bei. Die wissenschaftliche Leitung liegt beim DLR-Institut für Planetenforschung, welches das Experiment federführend in Zusammenarbeit mit den DLR-Instituten für Raumfahrtsysteme, Optische Sensorsysteme, Raumflugbetrieb und Astronautentraining, Faserverbundleichtbau und Adaptronik, Systemdynamik und Regelungstechnik sowie Robotik und Mechatronik entwickelt und realisiert hat. Daneben sind beteiligte industrielle Partner: Astronika und CBK Space Research Centre, Magson und Sonaca, das Institut für Photonische Technologie (IPHT) sowie die Astro- und Feinwerktechnik Adlershof GmbH. Wissenschaftliche Partner sind das ÖAW Institut für Weltraumforschung und die Universität Kaiserslautern. Der Betrieb von HP³ erfolgt durch das Nutzerzentrum für Weltraumexperimente (MUSC) des DLR in Köln. Darüber hinaus hat das DLR Raumfahrtmanagement mit Mitteln des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie einen Beitrag des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung zum französischen Hauptinstrument SEIS (Seismic Experiment for Interior Structure) gefördert.

Ausführliche Informationen zur Mission InSight und zum Experiment HP³ finden Sie auf der DLR-Sonderseite zur Mission mit ausführlichen Hintergrundartikeln sowie in der Animation und der Broschüre zur Mission und über den Hashtag #MarsMaulwurf auf dem DLR-Twitterkanal. Der leitende Wissenschaftler des HP³-Experiments Prof. Tilman Spohn berichtet im Blog über die Aktivitäten des Marsmaulwurfs.

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