19. März 2020
Flug durch Wolken

Unterkühlte Wassertropfen unter eisigen Bedingungen detektieren

Mehr zu:
Luftfahrt
Partikelsonden zur SLD-Charakterisierung
Partikelsonden zur SLD-Charakterisierung
Bild 1/3, Credit: DLR (CC-BY 3.0)

Partikelsonden zur SLD-Charakterisierung

Wolkenpartikelsonden werden in Flugversuchen zur Charakterisierung von unterkühlten Wassertropfen und Eispartikeln verwendet. Hier bei  früheren Flugversuchen mit dem DLR-Forschungsflugzeug HALO.
Wolkenpartikel im Fokus
Wolkenpartikel im Fokus
Bild 2/3, Credit: DLR (CC-BY 3.0)

Wolkenpartikel im Fokus

Mit Hilfe von Laserstrahlen misst das Instrument CAPS (Cloud , Aerosol and Precipitation Spectrometer) die Größe und Anzahl der Wolkenpartikel in einem Größenbereich von wenigen Mikrometern hin zu einem Millimeter.
Einsatz im Windkanal
Einsatz im Windkanal
Bild 3/3, Credit: DLR (CC-BY 3.0)

Einsatz im Windkanal

Die Wolkensonde CCP (Cloud Combination Probe) des Instituts für Physik der Atmosphäre dient der Charakterisierung von Eiswindkanälen. Die SLD-Tropfengrößenverteilung  im Vereisungswindkanal der TU Braunschweig, wurde im Januar zum ersten Mal mit der CCP-Sonde vermessen.
  • DLR und Partner untersuchen im Projekt SENS4ICE das Thema Vereisung durch Supercooled Large Droplets (SLD) und die Auswirkungen auf das Flugverhalten.
  • Kombination aus verschiedenen Technologien und Sensoren zur frühzeitigen Ekennung von Vereisung an Flugzeugen wird erforscht.
  • Schwerpunkt: Luftfahrt

Vereisung an Flugzeugen ist keine Frage der Jahreszeit, sondern der Wetterbedingungen. Im EU-Projekt SENS4ICE (SENSors and certifiable hybrid architectures for safer aviation in ICing Environment) erforscht das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gemeinsam mit 18 internationalen Partnern das Thema Vereisung und die Auswirkungen auf das Flugverhalten. Im Fokus steht dabei ein besonderes Phänomen: die sogenannten Supercooled Large Droplets (SLD). Diese unterkühlten Wassertropfen mit einem Durchmesser größer als 50 Mikrometer können unter ganz bestimmten Wetterbedingungen in der Atmosphäre auftreten und zur Vereisung von Flugzeugen führen.

Für typische Vereisungsbedingungen sind größere Flugzeuge schon heute mit effektiven Enteisungssystemen ausgestattet. Ablagerungen von Eis insbesondere an Flügelvorderkanten oder Triebwerkseinläufen werden so verhindert. Für Verkehrsflugzeuge sind solche Schutzsysteme bereits seit Jahrzehnten im Zulassungsprozess vorgeschrieben. Unter besonderen Wetterbedingungen können Wassertropfen bei Minusgraden jedoch noch in flüssiger Form auftreten. Dies geschieht zum Beispiel in Inversionswetterlagen, wenn Wassertropfen aus wärmeren Luftschichten durch kältere fallen. Die dabei entstehenden großen unterkühlten Wassertropfen vereisen erst dann, wenn sie beispielsweise auf die Oberfläche eines Flugzeugflügels auftreffen – und können so zu Eisablagerungen auch hinter den Enteisungssystemen führen. "Diese SLD-Vereisung beeinflusst die aerodynamischen Eigenschaften des Flugzeuges ungünstig, der Luftwiderstand wird deutlich erhöht und der Treibstoffverbrauch steigt. Zudem verschlechtert sich die Auftriebscharakteristik und in sehr unwahrscheinlichen Extremfällen kann ein Strömungsabriss die Folge sein", erklärt Projektleiter Carsten Schwarz vom DLR-Institut für Flugsystemtechnik. "Zu diesen speziellen Vereisungsbedingungen gibt es seit einigen Jahren zusätzliche Zulassungsvorschriften. Zuverlässige Sensoren und Methoden, die diese SLD-Bedingungen detektieren, sind daher ein wichtiger Bestandteil für Flugzeuge, die in Vereisungsbedingungen fliegen."

Warnung bei erhöhtem Luftwiderstand

Im Projekt SENS4ICE untersuchen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler deshalb einen neuen Ansatz verschiedene Detektionsmöglichkeiten miteinander zu kombinieren, um SLD-Vereisung am Flugzeug frühzeitig und zuverlässig zu erkennen. Am DLR-Institut für Flugsystemtechnik in Braunschweig wird dafür ein Überwachungsalgorithmus entwickelt, der die Flugzeugeigenschaften kontinuierlich überprüft. Ändert sich beispielsweise der Luftwiderstand deutlich, spricht das für eine potenzielle Vereisung am Flugzeug. "Einen fortgeschrittenen Vereisungsgrad würde der Pilot ab einem gewissen Punkt daran erkennen, dass in Folge des stärkeren Widerstands mehr Schub erforderlich ist. Der Vorteil des Überwachungsalgorithmus ist, dass bereits kleine Änderungen erkannt werden und den Piloten frühzeitig ein Warnhinweis gegeben werden kann", so Schwarz.

Bei der Vereisungserkennung am Flugzeug werden in einem weiteren Ansatz im Projekt SENS4ICE die Ergebnisse verschiedener, teilweise neu entwickelter, Sensoren berücksichtigt. Insgesamt zehn verschiedene Sensortechnologien nehmen die Forscherinnen und Forscher unter die Lupe. So wird unter anderem direkt detektiert, ob auf der Oberfläche des Flugzeuges Eisbildung vorliegt. Dafür entwickelt das DLR-Institut für Faserverbundleichtbau und Adaptronik eine spezielle Sensortechnologie auf Basis von Ultraschallwellen.

Weitere Sensoren, wie sogenannte Wolkenpartikelsonden, messen die atmosphärischen Bedingungen wie Wassergehalt und Tröpfchengröße. Mit Hilfe von Lasermessungen überprüfen sie wie viele Tropfen sich in der Luft befinden und wie groß deren Durchmesser ist. Das DLR-Institut für Physik der Atmosphäre begleitet die Wolkenmessungen und liefert eine Referenz für die neuen Sensortechnologien.

"Wir sprechen dabei von einer sogenannten Hybrid-Lösung: Die Ergebnisse der indirekten Überwachung des Flugzustandes und der direkten Sensoren zur Beobachtung von atmosphärischen Bedingungen und Eisbildung fließen zusammen und ermöglichen es uns, einen Vereisungszustand am Flugzeug schneller und zuverlässiger zu erkennen", sagt Schwarz. Welche der Sensoren sich am besten für das Hybrid-System eignen, soll sowohl in Windkanalversuchen in Deutschland, den USA und Russland sowie später auch in Flugversuchen in Nordamerika und in Europa erprobt werden.

Das Projekt SENS4ICE

Das DLR leitet das EU-Forschungsprojekt SENS4ICE und untersucht gemeinsam mit 18 internationalen Forschungseinrichtungen und Unternehmen das Thema SLD-Vereisung. Begleitet wird das Projekt von einem Advisory Board unter Beteiligung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA, der US-amerikanischen Zulassungsbehörde FAA (Federal Aviation Administration) und weiteren internationalen Einrichtungen. Das Projekt wird über das EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 unter der Nummer 824253 gefördert.

Kontakt
  • Jasmin Begli
    Kommunikation Braunschweig, Cochstedt, Stade, Trauen
    Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

    Politikbeziehungen und Kommunikation
    Telefon: +49 531 295-2108
    Lilienthalplatz 7
    38108 Braunschweig
    Kontaktieren
  • Anna Boos
    Institutskommunikation
    Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
    Institut für Flugsystemtechnik
    Telefon: +49 53 1295-2006
    Lilienthalplatz 7
    38108 Braunschweig
    Kontaktieren
  • Carsten Walter Schwarz
    Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
    Institut für Flugsystemtechnik
    Telefon: +49 531 295-2605
    Fax: +49 531 295-2845
    Lilienthalplatz 7
    38108 Braunschweig
    Kontaktieren
  • Dr. Tina Jurkat-Witschas
    Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
    Institut für Physik der Atmosphäre
    Telefon: +49 8153 28-1426
    Münchener Straße 20
    82234 Weßling
    Kontaktieren
  • Christian Mendig

    Institut für Faserverbundleichtbau und Adaptronik
    Telefon: +49 531 391-2687
    Kontaktieren
Neueste Nachrichten

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen zum Datenschutz erhalten Sie über den folgenden Link: Datenschutz

Hauptmenü