16. September 2026 | Mission Mars Express

Thyles Rupes – das „sagenhafte Land“ im Süden des Mars

  • Neue Bilder, aufgenommen von der deutschen Stereokamera HRSC, zeigen die markanten Steilhänge von Thyles Rupes nahe des Mars-Südpols.
  • Die Motive dokumentieren tektonische Prozesse, die teilweise vor Milliarden von Jahren stattfanden.
  • Seit 2004 schickt HRSC hochaufgelöste Bilddaten des Mars zur Erde, aus denen digitale Geländemodelle generiert werden.
  • Schwerpunkte: Raumfahrt, Exploration, Mars

Kilometer breite Steilhänge mit einer bewegten Vorgeschichte – neue Bilddaten der hochauflösenden Stereokamera (HRSC) an Bord der europäischen Mars-Express-Mission zeigen einen Teil der „Thyles Rupes“. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von langestreckten Rücken in den polaren Breitengraden der südlichen Hemisphäre. HRSC ist ein Kameraexperiment des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Der Name „Thyles“ geht zurück auf das Land Thule in einer altgriechischen Sage, beschrieben als ferner Ort jenseits der Grenzen der bekannten Welt. Im späten 19. Jahrhundert verwendete der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli erstmals diesen Begriff. „Rupes“, der zweite Teil des Namens, ist lateinischen Ursprungs und bedeutet so viel wie „Klippe“ oder „Steilhang“. Auf dem Mars gibt es zahlreiche Rupes-Formationen. Sie dokumentieren tektonische Prozesse, die teilweise vor Milliarden von Jahren stattfanden. Auf dem Mars gibt es, anders als auf der Erde, keine aktive Plattentektonik, bei der durch die Bewegung von Kontinentalplatten Erdbeben auslöst werden. Die Kruste des Mars besteht nur aus einer einzigen zusammenhängenden Platte. Tektonische Prozesse haben hier andere Ursachen als auf der Erde.

Charakteristische Merkmale von Thyles Rupes auf dem Mars
Das Gebiet ist von Steilhängen („rupes“) durchzogen. Sie wurden durch tektonische Aktivität beim Schrumpfen des Roten Planeten in seiner Frühzeit gebildet. Manche Hänge bildeten sich auf bereits vorhandenen Einschlagskratern („crater superimposed by rupes“). Andere Hänge existierten bereits, als sie von Asteroiden getroffen wurden („rupes superimposed by later craters“). In der unteren linken Ecke des Bildes befindet sich ein mächtiger Gletscher („glacier“), der tatsächlich ein Teil der Südpolkappe ist und ebenfalls eine hohe Steilkante besitzt. An ihr bilden sich durch große Temperaturunterschiede im Frühjahr oft Wolken, wie man auch hier im Bild beobachten kann („clouds“). Im rechten unteren Teil der Aufnahme sind großflächige frostbedeckte Dünenfelder („frost covered dune fields“ bzw. „partly frost covered dunes“) zu sehen. Im Bild befindet sich der Norden rechts, der Süden links.
Credit:

ESA/DLR/FU Berlin – CC BY-SA 3.0 IGO

DownloadDownload

Kurze Zeit nach der Entstehung des Mars hat sich sein Inneres über einen langen Zeitraum abgekühlt. Dadurch hat der gesamte Planet an Volumen verloren. In Folge dessen raffte sich seine Kruste wie eine schrumpelnde Haut zusammen, weil es nun weniger zu bedecken gab. Thyles Rupes entstand also durch Verformung und Verwerfungen, bei denen ein Block der Marskruste relativ zu einem anderen nach oben gedrückt wurde. Es bildeten sich gewaltige Klippen.

Die Thules-Steilhänge erstrecken sich über Hunderte von Kilometern und durchschneiden hier am Südpol stark kraterübersätes Gelände. Auf HRSC-Bildern sind sie daher leicht zu erkennen. Man sieht deutlich, dass die Steilwände Einschlagskrater überdecken oder selbst von Einschlägen getroffen worden sind. Forscherinnen und Forscher können daran das relative Alter der Krater und des Verwerfungsereignisses ablesen, durch das Thyles Rupes entstanden ist. Krater darunter sind älter, Krater darüber sind jünger – die tektonischen Prozesse fanden dazwischen statt.

Dünen aus Vulkansand

In einigen Bereichen sind Dünenfelder aus dunklem vulkanischem Material zu sehen. Selbst während des Marsfrühlings – also zum Zeitpunkt der Aufnahme – waren sie mit Frost aus Kohlendioxid bedeckt. Der dunkle Sand stammt von nahegelegenen Steilhängen oder Kraterwänden, von wo aus er allmählich auf die Marsoberfläche herabrieselt. Winde transportieren und lagern den Sand anschließend ab. Es bilden sich Längsdünen, Transversaldünen und barchanoide Rücken, eine Art zusammengewachsene Sicheldünen. Die Mischung aus verschiedenen Dünentypen deutet darauf hin, dass die Winde aus verschiedenen Richtungen geweht haben.

Die HRSC-Kamera des DLR befindet sich an Bord der europäischen Mission Mars Express und schickt bereits seit über zwanzig Jahren Daten von der Marsoberfläche und seiner Atmosphäre zur Erde. Aus den Bilddaten werden Farbbilder und digitale Geländemodelle generiert, mit denen der Rote Planet kartiert und seine Oberfläche dreidimensional dargestellt werden. Geologische Prozesse in der Frühzeit des Mars können auf diese Weise rekonstruiert werden.

Hintergrundinfo: Bildbearbeitung

Diese Bilder wurden am 17. Februar 2026 während der Mars-Express-Umlaufbahn 27925 von der HRSC aufgenommen. Die Bodenauflösung beträgt etwa 65 Meter pro Pixel, und der Bildmittelpunkt liegt bei etwa 69 Grad Süd und 137 Grad Ost. Das Farbbild wurde unter Verwendung des Nadir-Kanals – dessen Sichtfeld senkrecht zur Marsoberfläche ausgerichtet ist – sowie der Farbkanäle der HRSC erstellt. Die schräge perspektivische Ansicht wurde aus dem digitalen Geländemodell sowie dem Nadir- und den Farbkanälen der HRSC generiert. Das Anaglyphenbild, das bei Betrachtung mit einer Rot-Blau- oder Rot-Grün-Brille einen dreidimensionalen Eindruck der Landschaft vermittelt, wurde aus dem Nadir-Kanal und einem Stereokanal abgeleitet.

Weiterführende Links

Das HRSC-Experiment auf Mars Express

Die hochauflösende Stereokamera wurde am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und in Zusammenarbeit mit Beteiligung aus der Industrie gebaut (EADS Astrium – heute Airbus –, Lewicki Microelectronic GmbH und Jena-Optronik GmbH). Das Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Daniela Tirsch, Principal Investigator (PI), besteht aus 50 Co-Investigatorinnen und Co-Investigatoren aus 35 Institutionen und elf Ländern. Die Kamera wird vom DLR-Institut für Weltraumforschung (ehemals DLR-Institut für Planetenforschung) in Berlin-Adlershof betrieben.

Kontakt

Michael Müller

Redakteur
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
Kommunikation
Linder Höhe, 51147 Köln
Tel: +49 2203 601-3717