Der Traum vom Kreis

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Wenn ich meinem achtjährigen Sohn beim Spielen zusehe, bin ich oft gerührt. Ein paar Klemmbausteine genügen, und es geht los. Unter fröhlichem Pfeifen wird zusammengesteckt, unter wütendem Knurren auseinandergerupft. Die Ideen kommen spätestens beim Bauen. Manches will einfach nicht funktionieren, anderes klappt bereits beim ersten Versuch. Und wenn sich etwas gar nicht konstruieren lässt, erledigt die Fantasie den Rest. Natürlich baut mein Sohn auch Flugzeuge. Er unterstellt mir dabei eine gewisse Fachkompetenz. Ob denn das Heck lang genug sei? Ich schürze die Lippen. Doch, fast. Gut, dann kommt halt noch ein Stein dran. Zu guter Letzt muss der Flieger dann von mir abgenommen werden. Ob der echt aussieht? Ich lächle und schenke meinem Sohn ein ehrlich gemeintes Lob.
Er knackt derweil schon die Triebwerke ab. Offenbar hat er bereits die nächste Idee. „Moment!“, sage ich. „Wenn du ein richtig echtes Flugzeug bauen willst, darfst du es eigentlich nicht mehr auseinandernehmen. Du musst es in die Ecke stellen und dir neue Steine kaufen!“
Circular Economy in der Luftfahrt
Mein Vorschlag überzeugt meinen Sohn nicht. Dabei beschreibt er relativ akkurat, wie in der Luftfahrt gegenwärtig mit Flugzeugen verfahren wird, die das Ende ihrer Lebensdauer, ihr „end of life“ erreicht haben: Nachdem teure Komponenten wie die Triebwerke abmontiert wurden, wandert der Rest oft auf spezielle Friedhöfe, auf denen Hunderte von Maschinen langsam vor sich hin rosten. Dabei fordert der European Green Deal eine klimaneutrale Luftfahrt bis 2050. Und nicht nur das: Die Branche soll bis dahin auch „fully circular“ sein, also vollständig eingebettet in eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, eine Circular Economy. Finge das nicht bei einem umfassenden Recycling an?

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Eine, die es wissen muss, ist die Wissenschaftlerin Ligeia Paletti vom DLR-Institut für Instandhaltung und Modifikation. Circular Economy, betont sie, meine keinesfalls nur Recycling. Dieser Irrglaube sei auch eine Folge der großen Zahl völlig unterschiedlicher Definitionen. Es brauche, so Paletti, ein solides definitorisches Rahmenwerk, auf das sich alle Beteiligten verständigen können. Hier setzt ihre Forschung an. „Alle sind sich einig, dass eine nachhaltige Luftfahrt den Prinzipien der Circular Economy folgen muss. Damit aus der Luftfahrt eine Circular Aviation wird, muss man sie jedoch als ein umfassendes System begreifen, das darauf ausgelegt ist, den Wert aller verwendeten Teile so gut wie möglich zu erhalten“, erklärt sie. „Es reicht nicht, ein einzelnes Puzzleteil ‚circular‘ zu machen. Stellen Sie sich eine recycelbare Plastikflasche vor, die von keinem Händler zurückgenommen wird. Es wäre nichts gewonnen.“
Reparatur und Wartung
Im Bereich MRO (für Maintenance, Repair and Overhaul, also Instandhaltung, Reparatur und Überholung) wendet man einige Kreislauf-Prinzipien schon lange an. „Reparaturen sind seit jeher ein fester Bestandteil der Luftfahrt“, betont Paletti. „Das unterscheidet die Branche von anderen, deren Produkte nicht primär in Hinblick auf Reparierbarkeit entworfen wurden. Dieser Gedanke war und ist auch prägend für das Design von Flugzeugen.“

Video: Ligeia Paletti über Circular Economy in der Luftfahrt
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Es gehört zur Wahrheit dazu, dass die Reparierbarkeit in der Luftfahrt nicht erfunden wurde, um Nachhaltigkeitsziele zu erfüllen. Stattdessen ging und geht es um den profitablen und sicheren Betrieb sehr teurer und komplizierter Produkte. Für manche Akteure kommt es daher überraschend, dass jahrzehntealte Praktiken bereits „circular“ sein sollen. Für eine Circular Aviation ist die Instandhaltung aber letztlich nur ein Baustein. Wenn zukünftig zwei Materialien miteinander verbunden werden, muss bereits bedacht werden, wie sie sich später voneinander trennen lassen. Und auch der Betrieb der Flugzeuge muss überdacht werden. Das betrifft am Ende alle Abläufe im und am Flugzeug beziehungsweise am Flughafen, kurz: das gesamte Luftverkehrssystem.
Lieferketten in unsicheren Zeiten
Nachhaltigkeit ist jedoch nicht die einzige treibende Kraft bei der Transformation hin zur Circular Aviation. Von ebenso zentraler Bedeutung sind robuste und resiliente Lieferketten. An kaum einem Material lässt sich das so deutlich beobachten wie an Titan. Bereits in den Fünfzigerjahren kam es in Flugzeugen wie der Boeing 707 zum Einsatz. Seitdem ist der Titan-Anteil in Luftfahrzeugen kontinuierlich gestiegen. Die Gründe: Titan ist leicht und extrem belastbar, es übersteht große Temperaturschwankungen, wie sie beispielsweise im Inneren eines Triebwerkes auftreten, und es ist darüber hinaus mit vielen Verbundwerkstoffen kompatibel. Mit dem Metall lässt sich also Platz und Gewicht sparen. Aus diesem Grund bestehen heutige Verkehrsflugzeuge wie der Airbus A320neo oder die Boeing 737 MAX zu etwa zwölf Prozent aus Titan. Mittlerweile steckt der Werkstoff nicht nur in besonders kritischen Bauteilen wie den Triebwerken oder Tragflächen, sondern auch im Fahrwerk und im Rumpf. Die Rechnung ist einfach: Eine leichtere Maschine verbraucht weniger Treibstoff, stößt weniger Treibhausgase aus und lässt sich wirtschaftlicher betreiben.
Vor dem Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 war Russland Titan-Hauptlieferant sowohl für die europäischen als auch die amerikanischen Flugzeugbauer und Zulieferer. Diese Kapazitäten sollen seitdem von anderen Ländern aufgefangen werden – und das ist eine gigantische Herausforderung, wenn man sich folgende Zahlen vor Augen führt: Das Passagieraufkommen in der Luftfahrt wird absehbar um 4,5 Prozent pro Jahr wachsen. Mehrere Tausend Flugzeuge sind bestellt und gehen in den nächsten Jahren in Betrieb – mit steigendem Titan-Anteil. Man kann sich also leicht ausrechnen, dass Europa in gravierende Abhängigkeiten geraten wird, wenn sich keine klugen Lösungen für die Materialknappheit finden.
Der DLR-Wissenschaftler Tim Hoff hat sich eingehend mit den aktuell und künftig benötigten Mengen Titan beschäftigt. Dafür analysierte er die Daten von mehr als 55.000 Flugzeugen, aktiven wie außer Dienst gestellten. „Weltweit befinden sich etwa 13.600 Tonnen Titan in abgestellten Flugzeugen“, so Hoff. Was läge da näher, als das herumstehende Titan zu recyceln? „Der Ansatz ist zunächst einmal vielversprechend“, sagt Hoff. „Technisch gesehen sind die Hürden für das Recyceln von Titan niedrig. Das Problem ist vor allem ökonomischer Natur.“ Denn das Titan steckt breit verteilt in vielen Komponenten der Flugzeuge; der wirtschaftliche Anreiz, es mühsam zu extrahieren und zu sammeln, ist nicht groß genug. Dazu kommen regulatorische Einschränkungen. „Die Anforderungen an die Qualität von Titan sind sehr hoch. Mit recyceltem Material sind diese Standards zurzeit noch schwer zu erreichen. Es kann aber durchaus in anderen Industrien verwendet werden.“
Ein längeres Leben
Recycling allein kann die Herausforderung also nicht lösen. Stattdessen forscht Hoff parallel an einem anderen Ansatz. Er wies nach, dass eine Verlängerung der Lebenszeit von Flugzeugen die deutlich bessere Strategie ist. Denn selbst wenn man ausgemusterte Maschinen umfassend recycelt, sind sie im Schnitt vorher erst einmal 25 Jahre im Dienst. Besser ist es, den Bedarf zu reduzieren. Das lässt sich mit einer Verlängerung der Lebensdauer erreichen. „Eine Verlängerung der durchschnittlichen Lebenszeit um zweieinhalb Jahre würde knapp zehn Prozent Material einsparen“, erläutert Hoff. „Dreimal so viel, wie es das Recycling verspricht. Wenn man Recycling und Lebenszeitverlängerung kombiniert, können sogar 15 Prozent erreicht werden.“
Dass es überhaupt möglich ist, ein Flugzeug länger als geplant zu nutzen, liegt an seiner hervorragenden Wartbarkeit. Bis zu seiner Außerdienststellung wird es regelmäßig überprüft, manche Komponenten werden mehrere Male ausgetauscht – praktisch alles ist auswechselbar. Ein Flugzeugleben kann im Grunde beliebig verlängert werden. Um den künftigen Materialbedarf zu decken und stabile Lieferketten zu gewährleisten, müssen letztlich aber mehrere Strategien kombiniert werden. Hoff: „Ein besonders großes Potenzial in Richtung Circular Aviation liegt in den betrieblichen Abläufen und im Bereich MRO.“

Der Titan-Mangel und mögliche Auswege
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Die Zukunft der Instandhaltung
Wenn man an die Instandhaltung von Luftfahrzeugen denkt, stellt man sich hocheffiziente Prozesse vor, die seit Jahrzehnten perfektioniert wurden. Dass es in Sachen Instandhaltung durchaus Luft nach oben gibt, erläutert Robert Meissner vom DLR-Institut für Instandhaltung und Modifikation an folgendem Beispiel: „Die Prüfung des Reifendrucks geschieht nach streng festgelegten Intervallen. Das gilt auch für viele andere Instandhaltungsaufgaben. Bei 90 Prozent solcher präventiven Maßnahmen wird aber letztlich am Flugzeug nichts geändert.“ Nun könnte man intuitiv meinen, diese Vielzahl an geplanten Maßnahmen sei vor allem den hohen Sicherheitsstandards in der Luftfahrt geschuldet. Aber es gibt noch einen anderen entscheidenden Grund. „Geplante Maßnahmen lassen sich in einen Flugplan integrieren. Wird hingegen eine ungeplante Maßnahme nötig, zum Beispiel ein Reifenwechsel, kann das dazu führen, dass eine Maschine für eine unbestimmte Zeit ausfällt.“
Meissner forscht mit seinen Kolleginnen und Kollegen deshalb an neuen Instandhaltungsstrategien. Das Ziel: weg von starren Zeitplänen hin zu anlassbezogenen Begutachtungen – im Idealfall, kurz bevor eine Wartung tatsächlich nötig wird. Dafür muss man allerdings den Zustand der Komponenten genau kennen. „Neuere Flugzeugmuster sammeln bereits eine Vielzahl an Daten“, so Meissner. „Das Ziel ist dann, diese für die Instandhaltung nutzbar zu machen, indem man möglichst genaue Prognosen darüber erstellt, wann eine Komponente ausfällt.“

Neue Instandhaltungsstrategien
Diese Vorhersagemethodik, genannt Predictive Maintenance, ist für Meissner aber nur die Grundlage für einen noch weitreichenderen Ansatz. Dafür muss man nicht nur wissen, wann an welcher Maschine welche Komponente ausfällt, sondern auch, auf welchem Flughafen sie dann sein wird, ob Ersatzteile in der Nähe sein werden und ein MRO-Betrieb, der sie einbauen kann. „Eine solch weitreichende Strategie, genannt Prescriptive Maintenance, berücksichtigt das ganze Luftverkehrssystem. Sie kann Wartungsabläufe erheblich optimieren und unnötige Schritte vermeiden“, betont Meissner. Damit könnte der Prescriptive Maintenance eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Luftfahrt hin zur Circular Aviation zukommen.
„Wenn wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen wollen“, ergänzt Ligeia Paletti, „müssen wir den Blick weiten und nicht nur auf Flugphase und CO2-Ausstoß schauen, sondern auch sichtbar machen, welchen großen Einfluss MRO und end of life haben.“ Im vergangenen Jahr hat die EU mit der Direktive zum Recht auf Reparatur alle Branchen in die Pflicht genommen, ihre Produkte auch über die Gewährleistungsdauer hinaus reparierbar zu machen. „In dieser Hinsicht“, sagt Ligeia Paletti, „ist die Luftfahrt heute schon jedem Alltagsgut voraus.“
Mein Sohn hat den Flieger inzwischen wieder auseinandergenommen. Na ja, nicht ganz. Die Flügel waren gelungen, die behält er erst mal. Mit dem Rest ist er noch nicht zufrieden. Es ist vielleicht keine allzu überraschende Erkenntnis, aber: Auch mit Klemmbausteinen ist es schwer, einen perfekten Kreis zu bauen. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, es zu versuchen.
Ein Beitrag von Phillip Czogalla aus dem DLRmagazin 178. Phillip Czogalla ist für die Kommunikation am DLR-Institut für Instandhaltung und Modifikation zuständig. Ihn fasziniert, wie komplex Flugzeuginstandhaltung sein kann und wie entscheidend ihre Rolle für die Entwicklung hin zu einer nachhaltigeren Luftfahrt ist.