27. April 2026 | Forschung für künftige Raumfahrt-Missionen

Isolationsstudie und Bettruhestudie gestartet: 100 Tage isoliert oder 60 Tage im Bett

  • Die Studien SOLIS100 und SMC3 laufen im :envihab des DLR in Köln.
  • Bewerberinnen und Bewerber haben ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen.
  • Die Studien untersuchen die Auswirkungen von Isolation (SOLIS100) und die Auswirkungen von Schwerelosigkeit im All (SMC3).
  • Schwerpunkte: Raumfahrt, Exploration, Raumfahrtmedizin

100 Tage in einer beengten Umgebung, ohne Freunde und Familie, mit strengen Regeln, in einem kleinen Team und abgeschottet von der Außenwelt – was macht das alles mit uns Menschen? Darum geht es bei der Isolationsstudie SOLIS100, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gerade in Köln durchführt. Initiator ist die Europäische Weltraumorganisation ESA. Die Studie erforscht die Auswirkungen von Isolation auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Die sechs Teilnehmenden mussten viele Voraussetzungen erfüllen und es gab eine aufwändige Vorauswahl. Parallel zu SOLIS100 ist auch die nächste Bettruhestudie SMC3 im DLR gestartet. Für SMC3 – in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde NASA – hatte das DLR zwölf terrestrische Astronautinnen und Astronauten gesucht.

Roomtour zur Isolationsstudie SOLIS100 am :envihab des DLR

„Zukünftige Raumfahrtmissionen werden die Erdumlaufbahn verlassen und weit entfernte Ziele wie den Mond oder Mars im Blick haben. Da dies mit langen Missionszeiten in Schwerelosigkeit einhergeht, ist es wichtiger denn je, Astronautinnen und Astronauten auf die psychologischen und körperlichen Herausforderungen vorzubereiten“, sagt Dr. Amelie Therre vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, Leiterin von SOLIS100. „Missionen zum Mond und zum Mars erfordern psychische und physische Belastbarkeit, Selbstständigkeit und die Fähigkeit, in isolierten und beengten Umgebungen zu bestehen. Um solche Missionen erfolgreich durchzuführen und die Sicherheit von Astronauten und Astronautinnen zu gewährleisten, müssen wir die Auswirkungen dieser extremen Bedingungen auf die menschliche Gesundheit, das Verhalten und die Leistungsfähigkeit erforschen.“

Leben in einem engen Habitat

Eine Reise zum Mond dauert etwa drei Tage. Auf dem Weg zum Mars sind Astronautinnen und Astronauten ungefähr sechs Monate unterwegs. Und das auch nur, wenn Mars und Erde in einer günstigen Konstellation zueinander stehen. Der Mars ist zwar ein direkter Nachbar der Erde, aber trotzdem mindestens 55 Millionen Kilometer entfernt. Bis zum Mond sind es zum Vergleich „nur“ rund 400.000 Kilometer. Wer monatelang in einer Raumkapsel unterwegs ist oder hunderttausende Kilometer entfernt in einem Habitat wohnt, muss mit außergewöhnlichen Bedingungen umgehen: Man muss sich nicht nur mit Mitreisenden verstehen, sondern auch mit dem Habitat und der Entfernung zur Heimat zurechtkommen, mit Ressourcen haushalten und erfolgreich für die Mission arbeiten. Das ist das Thema von SOLIS100. Die Studie bewertet die psychischen und physischen Risiken, die mit der Isolation und der beengten Umgebung während Langzeitmissionen einhergehen.

Dazu leben sechs Personen 100 Tage lang in einer simulierten Raumstation mit begrenzten Ressourcen. Die Raumstation befindet sich in einem Labor des :envihab, der luft- und raumfahrtmedizinischen Forschungsanlage des DLR am Standort in Köln. Die Crew hat den gleichen Tagesablauf wie Astronautinnen und Astronauten auf einer Mission: Sie arbeiten als Team zusammen, haben wissenschaftliche Aufgaben, treiben Sport und müssen sich um ihre „Raumstation“ kümmern.

SOLIS100: Personen wie Astronautinnen und Astronauten

Die sechs internationalen Crew-Mitglieder haben ein ähnliches Profil wie Astronautinnen und Astronauten. Mit Fragebögen, Tests und Untersuchungen hat das Studienteam die medizinische und psychologische Eignung der Bewerbenden festgestellt. Da die Studiensprache Englisch ist, sind sehr gute Englischkenntnisse erforderlich. Inklusive Vorbereitung und anschließender Erholungsphase umfasst SOLIS100 insgesamt 126 Tage. Die Isolationsphase hat am 23. April 2026 begonnen. SOLIS100 wurde im Juli 2025 mit der achttägigen Studie SOLIS8 vorbereitet.

Oder 60 Tage im Bett liegen – für den Weltraum-Effekt

Ebenfalls im :envihab und zeitgleich zu SOLIS100 findet die dritte Kampagne der SMC-Bettruhestudie statt. SMC steht für Sensorimotor Countermeasure Study. Die Studie untersucht, wie den sensomotorischen Beeinträchtigungen, die durch die Schwerelosigkeit hervorgerufen werden, entgegengewirkt werden kann. Diese Studie ist am 27. April 2026 gestartet.

Künftige Astronautinnen und Astronauten werden längere Zeit der Schwerelosigkeit ausgesetzt sein. Sie werden auf der Mondoberfläche, auf der nur ein Sechstel der Anziehungskraft der Erde wirkt, arbeiten und zur Raumstation im Mondorbit zurückkehren. Sie müssen sich gut und sicher bewegen und brauchen Kraft. Allerdings wird es in der Raumstation nicht viel Platz für große Trainingsgeräte geben. „Die Studie untersucht, wie man mit relativ kleinen und leichten Trainingsmethoden die Funktion des Bewegungsapparats aufrechterhalten kann“, erklärt Dr. Stefan Möstl vom DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin, der die Bettruhestudie leitet. „Dafür simulieren wir zunächst die Effekte der Schwerelosigkeit. Die Probandinnen und Probanden liegen nicht nur 60 Tage im Bett. Zusätzlich ist das Bett zum Kopf hin um sechs Grad nach unten geneigt: Der Kopf liegt niedriger als die Füße, damit sich auch die Körperflüssigkeiten wie in der Schwerelosigkeit in Richtung Kopf verschieben. Wie im All nimmt dann die Muskelmasse ab und der Gleichgewichtssinn verschlechtert sich“, so Möstl weiter.

Die Teilehmenden werden auch „terrestrische Astronautinnen und Astronauten“ genannt. Während eine Gruppe als Kontrollgruppe „nur“ im Bett liegt, bekommen die anderen während ihrer Bettruhe zusätzlich ein Training für den Bewegungsapparat. Dabei trainiert eine Gruppe den Gleichgewichtssinn mit einem sogenannten „GravityBed“: Sie„schweben“ auf einem druckluftgelagerten Schlitten, während die Füße über ein Gurtsystem an ein Balance Board gedrückt werden. Sie sollen das Balance Board durch ausgleichende Bewegungen mit den Beinen und dem Oberkörper halten. Eine dritte Gruppe wird ausschließlich die Beinmuskulatur mit elektrischen Impulsen (der sogenannten Elektromyostimulation) trainiert. Da beide Trainingsmethoden auch für den Einsatz auf einer zukünftigen Raumstation geeignet wären, sollen sie schon jetzt beim DLR in Köln getestet werden.

Gesunde Personen mit einem durchschnittlichen Fitnesslevel

Für die NASA-Bettruhestudie SMC3 hatte das DLR zwölf gesunde Frauen und Männer zwischen 24 und 55 Jahren gesucht, mit einer Größe zwischen 1,53 und 1,90 Metern und einem BMI zwischen 18 und 28. Neben weiteren Voraussetzungen sollten sie eine durchschnittliche Fitness mitbringen. Außerdem sind für die Studie gute Deutschkenntnisse erforderlich. Inklusive Vor- und Nachbereitung bleiben die Probanden für genau 88 Tage im :envihab. Alle Interessierten mussten für eine Vorauswahl zunächst einen Fragebogen ausfüllen, anschließend fanden weitere Auswahlschritte statt.

Weiterführende Links

Die luft- und raumfahrtmedizinische Forschungsanlage :envihab in Köln

Was geschieht mit dem menschlichen Körper auf einem Flug zum Mars? Wie reagiert der Körper eines Patienten, der längere Zeit das Bett hüten muss? Wie wirkt sich die Beleuchtung auf unsere Stimmung aus? Gibt es Maßnahmen gegen die daraus resultierenden negativen Folgen? Auf diese wichtigen Fragen müssen wir für uns auf der Erde eine Antwort finden, um etwa die Auswirkungen von Alterung, Bettlägerigkeit, Immobilisation und Isolation besser verstehen zu können.

Das DLR-Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin ist ein in diesem Bereich weltweit führendes Forschungsinstitut. Im :envihab („environment“ = Umwelt und „habitat“ = Lebensraum), eine einzigartige, hoch technologische medizinische Forschungseinrichtung, kann das Institut seine zukunftsweisende Forschung zum Erhalt der Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Menschen umsetzen. Hier können auf 3.500 Quadratmetern die Wirkungen extremer Umweltbedingungen auf den Menschen und mögliche Gegenmaßnahmen erforscht werden.

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