Vom Windgott Aeolus aufgetürmt: Dünen im Krater ‚Kaiser‘ auf dem Mars



- Bilder der deutschen Stereokamera HRSC zeigen verschiedene Arten von Dünen am Boden eines großen Einschlagkraters auf dem Mars.
- Raureif sorgt für metallischen Glanz auf Dünen und Kraterhängen.
- Ein kilometerhoher „Staubteufel“ zeigt Wind in Aktion.
- HRSC ist ein vom DLR entwickeltes Kameraexperiment an Bord der europäischen Mission Mars Express.
- Seit 2004 schickt HRSC zuverlässig Aufnahmen des Mars zur Erde, aus denen digitale Geländemodelle generiert werden.
- Schwerpunkte: Raumfahrt, Exploration, Mars
Wenn man das Wort „äolisch“ hört, denkt man vielleicht an die Inselgruppe nördlich von Sizilien, wo in der Mythologie der Antike die Heimat des Windgottes Aeolos vermutet wurde. Auf unserem Nachbarplaneten – wie auch auf der Erde – geht es in diesem Kontext um windbedingte Ablagerungs- oder Abtragungsprozesse. Neue Bilddaten der deutschen Stereokamera HRSC an Bord der europäischen Mars Express-Mission zeigen ein großes dunkles Dünenfeld auf dem Boden des über 200 Kilometer großen Kraters Kaiser im südlichen Hochland.
HRSC wurde vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und schickt seit Januar 2004 Aufnahmen zur Erde. Aus den Stereobilddaten werden digitale Geländemodelle berechnet. So kann der „Rote Planet“ topographisch kartiert und seine Oberfläche dreidimensional visualisiert werden. Dies ermöglicht die Rekonstruktion geologischer Prozesse in der Frühzeit des Mars hinsichtlich Art und zeitlichem Ablauf. Auf der sich dynamisch verändernden Erde, deren Landschaften fast alle jünger als vier Milliarden Jahre sind, ist dieser Blick in ihre Entstehungszeit nicht möglich.
Sicheln verschmelzen in Feldern: Dünen in Noachis Terra

NASA/JPL/USGS/MOLA; FU Berlin
Der Krater Kaiser liegt in einer der ältesten Regionen auf dem Mars, Noachis Terra. Sie war Namensgeber für die Noachische Periode, eine geologische Ära vor etwa 4,1 bis 3,7 Milliarden Jahren. Das hohe Alter der Landschaft lässt sich anhand der dicht mit großen Kratern übersäten Oberfläche abschätzen. Das Bild zeigt den südlichen Teil von Kaiser inmitten zahlreicher benachbarter Krater, darunter Greeley, Le Verrier und Neukum (siehe Übersichtskarte links). Namensgeber ist der deutsche Planetenforscher Gerhard Neukum (1944 bis 2014), ehemaliger Direktor des DLR-Instituts für Planetenerkundung (heute: Institut für Weltraumforschung) und „Vater“ der Stereokamera HRSC.
Benannt wurde der fast zwei Kilometer tiefe Krater Kaiser nach dem niederländischen Astronomen Frederik Kaiser (1808 bis 1872). Sein Durchmesser entspricht ungefähr der Distanz zwischen Stuttgart und München. Die rechte (nördliche) Seite des Bildes zeigt seinen Boden. In der Mitte des Bildes befindet sich sein südlicher Rand, während auf der linken Seite nahebei einige kleinere Einschlagskrater zu sehen sind.
Bei den dunklen und mit metallischem Glanz schimmernden Strukturen am Kraterboden handelt es sich um ein riesiges Dünenfeld und um einzelne Dünen aus dunklem, vulkanischem Material. Der metallische Eindruck entsteht durch helle Raureif-Ablagerungen an ihren südwärts gerichteten Hängen. Diese Aufnahme stammt aus der zweiten Hälfte des Süd-Winters auf dem Mars, wenn die Raureif-Bedeckung vom Südpol stellenweise bis hinauf in die mittleren Breiten anwächst.
Rund um Kaiser kann man verschiedene Dünen-Typen erkennen, die teilweise ineinander übergehen: Bei den einzelnen Dünen, die meist am Rand gelegen sind, handelt es sich um klassische Sicheldünen, auch Barchane genannt (siehe kommentiertes Bild). Immer wenn mehr Sand vom Wind abgelagert wird und folglich für Dünen „zur Verfügung steht“, verschmelzen die einzelnen Barchane miteinander. Es bilden sich sogenannte barchanoide Rücken. Sie sind eine Übergangsform zu dem Typ, der einen Großteil des Feldes einnimmt: Transversaldünen. Ihre Kämme stehen senkrecht zur Richtung des Windes und zeigen, genau wie die Ausrichtung der Barchane, dass dieser aus Westen kam.

Dynamisches Land, geformt von Wind und Wasser
An einigen Stellen nahe des Dünenfeldes hat die Winderosion den Boden abgetragen und darunterliegende Schichten freigelegt. Sie erscheinen als helle Ablagerungen und deuten auf Tonminerale hin. Diese entstehen typischerweise durch Verwitterung des vulkanischen Ausgangsgesteins Basalt durch Kontakt mit Wasser. Wind kann man hier bei genauerem Hinschauen auch in Aktion erleben: Ein kleiner heller Fleck mit rotem Farbsaum ist ein Staubteufel, der sich gerade über die Oberfläche bewegt. Der lange Schatten dieser Windhose verrät, dass sie etwa zwei Kilometer emporragt. Dies ist ein weit verbreitetes Phänomen auf dem Mars und wurde mit Bildern der HRSC schon oft beobachtet.
Ein weiteres geologisches Merkmal von großem Interesse für die Forschung findet sich in einigen der kleineren Krater, wie beispielsweise dem im Inneren von Kaiser am rechten Bildrand und am Krater in der Bildmitte. Entlang ihrer inneren Wände sind schmale, hangabwärts verlaufende Rinnen deutlich zu erkennen. Wie diese Erosionsrinnen – im Englischen Gullies genannt – entstehen, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Vieles spricht für trockene Hangrutschungen durch instabil gewordenes Hangmaterial, was vor allem auf sich heute noch verändernde Gullies zutrifft. Einige ältere Rinnen könnten auch im Zusammenhang mit Schmelzwasser oder kurzzeitig austretendem Grundwasser entstanden sein.
Hintergrundinfo |
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Die Bilder wurden am 5. Oktober 2025 während der Mars Express-Umlaufbahn 27461 von der HRSC-Kamera aufgenommen. Die Bodenauflösung beträgt etwa 17 Meter pro Pixel, und das Bild ist auf etwa 48 Grad Süd und 19 Grad Ost zentriert. Das Farbbild wurde unter Verwendung von Daten des Nadir-Kanals – dessen Sichtfeld senkrecht zur Marsoberfläche ausgerichtet ist – sowie der Farbkanäle der HRSC erstellt. Die schräge perspektivische Ansicht wurde aus dem digitalen Geländemodell sowie dem Nadir- und den Farbkanälen der HRSC generiert. Das Anaglyphenbild, das bei Betrachtung mit einer Rot-Blau- oder Rot-Grün-Brille einen dreidimensionalen Eindruck der Landschaft vermittelt, wurde aus dem Nadir-Kanal und einem Stereokanal abgeleitet. Die farbcodierte topografische Ansicht basiert auf einem digitalen Geländemodell (DGM) der Region, aus dem sich die Topografie der Landschaft ableiten lässt. |
Weiterführende Links
Das HRSC-Experiment auf dem Mars
Die hochauflösende Stereokamera wurde am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt und in Zusammenarbeit mit Beteiligung aus der Industrie gebaut (EADS Astrium – heute Airbus –, Lewicki Microelectronic GmbH und Jena-Optronik GmbH). Das Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Daniela Tirsch, Principal Investigator (PI), besteht aus 50 Co-Investigatorinnen und Co-Investigatoren aus 35 Institutionen und elf Ländern. Die Kamera wird vom DLR-Institut für Weltraumforschung (ehemals DLR-Institut für Planetenforschung) in Berlin-Adlershof betrieben.