30. Juli 2026 | KI-Assistenz für astronautische Deep-Space-Missionen der Zukunft

Wenn die Erde zu weit weg ist

  • Das Nationale Raumfahrtkontrollzentrum (GSOC) des DLR nutzt seine jahrzehntelange Erfahrung im Betrieb astronautischer Missionen als Grundlage für die Entwicklung des Assistenzsystems METIS.
  • Reale Telemetriedaten, dokumentierte Anomalien, Betriebsprozeduren und das Erfahrungswissen der Flight Controller ermöglichen eine besonders praxisnahe Entwicklung und Erprobung.
  • Ziel von METIS ist es, künftige Crews bei Missionen jenseits des Mondes zu unterstützen, wenn wegen langer Signallaufzeiten keine Hilfe in Echtzeit von der Erde möglich ist.
  • Das GSOC verbindet operativen Raumfahrtbetrieb und Forschung und kann so Wissen aus dem Columbus-Betrieb in Technologien für autonome Deep-Space-Missionen überführen.
  • Schwerpunkte: Raumfahrt, Mensch-Maschine-Interaktion, KI-Assistenzsysteme

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat begonnen, eine Antwort auf eine zentrale Frage für die astronautische Raumfahrt der Zukunft zu finden: Wie betreibt man ein Raumfahrzeug auf einer Mission, die tief in den Weltraum vorstößt und die Erde zu weit entfernt ist, als dass man der Crew in Echtzeit von der Erde aus helfen könnte? Eine Möglichkeit könnte ein lernendes, smartes Assistenzsystem wie METIS (Mars Exploration Telemetry-driven Information System) sein – die Idee: eine Art zuverlässige reale Version des fiktionalen „HAL 9000“ aus dem Film „2001 – Odyssee im Weltraum“. An dem Konzept wird dort gearbeitet, wo europäische Raumfahrt seit Jahrzehnten im Alltag betrieben wird – im Nationalen Raumfahrtkontrollzentrum (GSOC) am DLR-Standort Oberpfaffenhofen.

Mit dem GSOC unterstützt das DLR zum Beispiel im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation ESA den Betrieb des Columbus-Moduls auf der Internationalen Raumstation ISS, dem europäischen Anteil an der ISS. Im Kontrollzentrum laufen Telemetriedaten ein, Systeme werden überwacht, Prozeduren abgearbeitet, Dialog mit der Crew geführt, ihre Aktivitäten geplant, Kommandos vorbereitet, Instandhaltungsroutinen initiiert, Anomalien an Bord bewertet. Dieses Zusammenspiel aus Technik, Erfahrung, menschlicher Interaktion zwischen Weltraum und Boden, Regelsystemen und Entscheidungen soll METIS nun im weit entfernten Weltraum übernehmen.

„METIS ist ein Konzept für ein intelligentes Assistenzsystem, das wir am Columbus-Kontrollzentrum gemeinsam mit dem Industriepartner System Vertrieb Alexander SVA GmbH entwickeln“, sagt Carsten Hartmann, der das Projekt METIS für die DLR-Einrichtung Raumflugbetrieb und Astronautentraining leitet. „Das System soll lernen, wie der Raumflugbetrieb heute von den Kontrollzentren aus durchgeführt wird – und daraus Werkzeuge für den Betrieb künftiger Missionen ableiten. Zukünftig soll METIS direkt an Bord von Raumfahrzeugen zum Einsatz zu kommen und den Crews unterstützend zur Seite stehen. Das Besondere an METIS ist die Nähe zur Praxis. METIS entsteht nicht aus abstrakten Datensätzen, sondern aus realem Raumfahrtbetrieb, bei dem seit vielen Jahren Daten, Wissen und Erfahrungen am GSOC gesammelt werden.“

Die aktuelle Version des METIS-Interfaces
Der Screenshot zeigt das User-Interface des METIS-Prototypen in der der aktuellen Version. Es ist ähnlich aufgebaut wie schon heute gewohnte KI-gestützte Websuchen, worüber die Nutzerinnen und Nutzer intuitiv Fragen an ein System stellen können.

Menschen im All entlasten und unterstützen, wenn kein Echtzeitkontakt zur Erde besteht

Der Bedarf entsteht durch die nächsten Schritte, vor denen die astronautische Raumfahrt heute steht. Seit Beginn der astronautischen Raumfahrt arbeiten Menschen im erdnahen Orbit auf Raumstationen oder zwischen Erde und Mond. Bei all diesen Missionen ist die Erde nah genug für einen schnellen Austausch mit den Kontrollzentren, denn die Signallaufzeiten ermöglichen einen Dialog in Echtzeit oder mit leichten Verzögerungen von wenigen Sekunden. Für künftige Missionen jenseits des Mondorbits wird das nicht mehr gelten. Bei Marsmissionen zum Beispiel kann ein Funksignal bis zu 23 Minuten für eine Richtung benötigen. Eine Antwort kann somit erst nach bis zu 46 Minuten vorliegen. In kritischen Situationen ist das zu spät.

Vollständige Autarkie im Deep Space – ein Paradigmenwechsel in der astronautischen Raumfahrt

Dass künftige Crews jenseits des Mondes eigenständig handeln müssen, ist ein Novum. Erreicht werden soll diese Autarkie auf Weltraummissionen durch smarte Systeme, die Daten einordnen, Routinevorgänge steuern, Vorschläge machen und Entscheidungen vorbereiten. METIS ist dabei kein Programm, das einfach „die Kontrolle übernimmt“.

Die Grundidee ist, das System als Multi-Agenten-System aufzubauen. Das Konzept orientiert sich an der menschlichen Entscheidungsfindung, dem sogenannten OODA-Loop: beobachten, beurteilen, entscheiden, handeln – im Englischen „Observe-Orient-Decide-Act“. Ein Monitoring-Agent überwacht eine riesige Menge an Parametern zum Zustand des Raumfahrzeugs. Ein Reasoning-Agent bewertet Anomalien und schlägt Aktivitäten zu deren Lösung vor. Ein Planning-Agent prüft und verändert Abläufe während des laufenden Betriebs. Ein Commanding-Agent unterstützt die Vorbereitung und Ausführung von Kommandos.

Das Columbus-Modul der ISS dient als Inspiration für METIS und liefert zum Beispiel Betriebslogik, Prozeduren, historische Telemetrie und dokumentierte Anomalien. Hinzu kommt das Erfahrungswissen der Flight Controller. Sie bewerten nicht nur einzelne Messwerte, sondern verstehen, was ein Wert im Zusammenhang mit einer Aktivität, einer Systemkonfiguration oder einer früheren Abweichung bedeutet und können entsprechend reagieren. All das bildet die riesige Datenbasis, mit der METIS trainiert wird.

Um das nötige Lageverständnis zu erlangen, sind die jahrzehntelang archivierten Telemetriedaten besonders wertvoll. Eine Lage richtig einschätzen zu können, ist besonders in einer abgeschlossenen Hightech-Umgebung eines Raumschiffs höchst komplex. Diese Komplexität gehört zu den größten Herausforderungen für autonome Assistenzsysteme. So kann ein Temperaturwert unauffällig sein – oder ein Hinweis auf ein ernstes Problem. Eine Verzögerung im Tagesplan kann harmlos sein – oder Auswirkungen auf weitere Aktivitäten an Bord eines Raumfahrzeugs und die Sicherheit haben. Ein Alarm kann auf eine echte Anomalie hindeuten – oder durch einen bekannten Funktionstest ausgelöst werden. METIS wird solche Zusammenhänge künftig schneller erfassen und für Astronautinnen und Astronauten nachvollziehbar machen.

Nachvollziehbarkeit – der Schlüssel zum Vertrauen von Menschen in KI-Assistenz

Ein Assistenzsystem kann noch so schnell Ergebnisse liefern. Ob diese in einem konkreten Fall als zuverlässig oder als seltsame „KI-Halluzination“ bewertet werden, hängt entscheidend von den Vorerfahrungen der Menschen mit ihren virtuellen Assistenten ab. Bereits vor einem – vielleicht kritischen – Vorfall muss die KI beweisen, dass sie vertrauenswürdig und verlässlich ist. Dies benötigt im Vorfeld eine längere gemeinsame Zeit und dabei stets die maximale Transparenz der Ausgabe der „Maschine“. Darum ist deren Nachvollziehbarkeit ein zentraler Baustein der METIS-Architektur. Das Assistenzsystem muss immer erklären können, warum es eine Situation wie bewertet. Und es muss seine Grenzen kennen und stets menschliche Eingriffe ermöglichen. Schließlich soll kein „HAL 9000“ wie in Kubricks Film entstehen, der die Anweisungen der Besatzung ignorieren kann.

METIS ist aktuell noch kein operatives System für den laufenden Raumfahrtbetrieb, sondern besteht aus bodengebundenen Prototypen. Getestet wird das System bislang am Columbus-Simulator am Boden. Dort lassen sich Aktivitäten, Telemetrie und Anomalien untersuchen, ohne in den realen Betrieb im Erdorbit einzugreifen. Das prägt grundsätzlich das Selbstverständnis der Raumfahrtforschung: Neue Systeme müssen schrittweise erprobt, validiert und verstanden werden, bevor sie sicherheitsrelevante Aufgaben übernehmen können. Ziel des METIS-Teams ist es, das System auf der Internationalen Raumstation ISS – und damit in einem realen Umfeld einer astronautischen Weltraummission – zu testen, sobald es den entsprechenden technologischen Reifegrat erreicht hat.

DLR-Weltraumforschung am Nationalen Raumfahrtkontrollzentrum (GSOC)

Ein Assistenzsystem wie METIS zeigt das Potenzial der Forschungsaktivitäten am Nationale Raumfahrtkontrollzentrum (German Space Operations Center, kurz GSOC). Dort verbindet das DLR zwei Welten: Aus der Erfahrung aus dem Betrieb auf der ISS entstehen zugleich forschungsseitig immer wieder Ideen und Wissen für Technologien und Missionskonzepte, die die astronautische Raumfahrt in den 2030er Jahren deutlich weiterbringen können – nach dem Mond zum Mars und auch darüber hinaus.

Weiterführende Links

METIS, ein Eckpfeiler für das neu entstehende Human Exploration Control Center (HECC)

Für die astronautische Raumfahrt von morgen entsteht am DLR-Standort in Oberpfaffenhofen westlich von München ein neues Kontrollzentrum: das Human Exploration Control Center (HECC). Von dort aus sollen künftig astronautische und robotische Missionen zu Mond und Mars betrieben werden. In Kooperationen mit europäischen Partnern wird das HECC auch dazu beitragen, die nationale und europäische Eigenständigkeit in der Raumfahrt zu sichern. Der Freistaat Bayern fördert die Baumaßnahmen mit 58 Millionen Euro. Das DLR investiert zusätzlich 20 Millionen Euro aus der institutionellen Grundförderung von Bund und Ländern und ist dafür verantwortlich, die Entwicklungsarbeiten für die Mond- und Mars-Missionen am HECC umzusetzen. METIS, ein Konzept in der Entwicklung von Betriebskonzepten für den Mars und andere Deep-Space-Missionen, ist ein vielversprechender Eckpfeiler für das künftige HECC.

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Philipp Burtscheidt

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