Forschungsaustausch zu Innovative Air Mobility

- Verbindung von Luftfahrt- und Verkehrsingenieurwesen an Universitäten und Forschungszentren
- Vergleich regionaler Infrastrukturen in Italien und Deutschland zur Verbesserung der Nachfragemodellierung
- Stärkung der zukünftigen Mobilität durch internationale Zusammenarbeit
Innovative Air Mobility (IAM) – also neue Konzepte für urbane und regionale Luftmobilität – wird voraussichtlich künftig eine wachsende Rolle im Mobilitätssystem übernehmen. Zu verstehen, wie sich Passagiere für solche Dienste entscheiden könnten und wie diese Entscheidungen mit bestehendem Bodenverkehr interagieren, ist wichtig für Infrastrukturplanung, Systemintegration und politische Gestaltung.
Heute sprechen wir mit Valeria Cosenza, Doktorandin an der Universität Neapel Federico II, die kürzlich einen Gastforschungsaufenthalt am DLR-Institut für Luftverkehr absolviert hat. Sie teilt ihre Forschungsthemen, ihre Motivation für den Aufenthalt am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und ihre Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit.
DLR-Institut für Luftverkehr: Können Sie sich und Ihren Forschungshintergrund kurz vorstellen?
Valeria: „Mein Name ist Valeria Cosenza, ich bin Doktorandin an der Universität Neapel Federico II, Department of Civil, Building and Environmental Engineering. Meine Forschung konzentriert sich auf Verkehrstechnik, insbesondere auf die Nachfragemodellierung für IAM, wobei Methoden aus dem Verkehrs- und Luftfahrtingenieurwesen kombiniert werden. Meine Dissertation wird durch ein nationales Programm des italienischen Luft- und Raumfahrtforschungszentrums (CIRA) kofinanziert und steht unter gemeinsamer akademischer und Forschungssupervision. Ziel ist es, zu verstehen, wie IAM aus Nutzersicht mit traditionellen Verkehrsmitteln konkurrieren könnte.“
Was hat Sie zu einem Forschungsaufenthalt am DLR-Institut für Luftverkehr motiviert?
„Ausschlaggebend waren der internationale Ruf des DLR und seine ausgewiesene Expertise in der Luftverkehrsforschung. Durch die langjährige Zusammenarbeit zwischen CIRA und DLR wurde das DLR-Institut für Luftverkehr als ideale Einrichtung identifiziert, um meine Arbeit insbesondere in den Bereichen Passagierverhalten und Systemmodellierung weiterzuentwickeln.“
Wie verbindet sich Ihre Arbeit zu Passenger Choice Models für urbane Luftmobilität mit der hier durchgeführten Forschung?
„Meine Forschung ist eng mit der Arbeit des Instituts zu Verkehrsnachfrage, Zugänglichkeit und Systemintegration verknüpft. Ich habe mich einer Forschungsgruppe angeschlossen, die sich mit IAM-Themen und Passenger Choice Models beschäftigt. Obwohl mein akademischer Hintergrund stärker auf den Bodenverkehr fokussiert ist, überschneiden sich viele Kernfragen – wie Nutzerverhalten, Zugänglichkeit und der Wettbewerb zwischen Verkehrsträgern – mit der Luftverkehrsforschung.“
An welchen Themen arbeiten Sie gemeinsam, und wie ergänzen sich Ihre Fachgebiete?
„Während meines Aufenthalts habe ich eng mit Kollegen von DLR und CIRA an einem gemeinsamen Forschungsprojekt zusammengearbeitet, das die Universität Neapel Federico II, CIRA und das DLR verbindet. Ziel ist die Entwicklung eines IAM-Nachfragemodells auf Basis der Discrete Choice Theory. Ergänzend nutzen wir eine gemeinsam mit CIRA entwickelte Zonenmethodik, um die Konkurrenz zwischen IAM und konventionellen Verkehrsmitteln zu analysieren.
Während meines Aufenthalts arbeitete ich eng mit Jan Pertz vom DLR-Institut für Luftverkehr an einem Mode Choice Model, um abzuschätzen, wie viele Nutzer verschiedene Bodenverkehrsoptionen – wie Auto, Bus oder Taxi – wählen würden, um Vertiports zu erreichen oder zu verlassen, von denen aus IAM als Hauptverkehrsmittel genutzt würde. Diese Ergebnisse können für vielfältige Analysen genutzt werden, z. B.:
- Bewertung des potenziellen Einflusses von IAM auf die Bodenverkehrsbelastung
- Unterstützung von Studien zur Planung optimaler Vertiport-Standorte
Wir vergleichen derzeit zwei Fallstudien, eine in Italien und eine in Deutschland, um besser zu verstehen, wie unterschiedliche Infrastrukturen und räumliche Strukturen Nachfrage und Systemleistung beeinflussen.“
Beeinflussen regionale Unterschiede Ihre Perspektiven oder Annahmen in der Forschung?
„Ja, absolut. Meine Forschung berücksichtigt Verhaltensheterogenität, da die Wahl des Verkehrsmittels von den Präferenzen und Entscheidungsprozessen der Nutzer abhängt. In unserer gemeinsamen Arbeit vergleichen wir zwei Regionen – eine in Süditalien und eine in Norddeutschland. Hier untersuchen wir nicht primär das Nutzerverhalten selbst, sondern die Struktur der terrestrischen Verkehrsnetze und Annahmen über zukünftige Vertiport-Standorte. Diese Kontextfaktoren sind entscheidend für die Ausgestaltung von IAM-Nachfrage und Systemdesign.“
Welche Aspekte Ihres Aufenthalts waren bisher am wertvollsten?
Zunächst war ich skeptisch, ob eine physische Präsenz nötig sei, und dachte, die Zusammenarbeit könne vollständig online erfolgen. Ich lag falsch. Am wertvollsten war die Möglichkeit, täglich Seite an Seite mit den Kolleginnen und Kollegen zu arbeiten. Der Ideenaustausch, spontane Diskussionen und gemeinsames Lösen von Problemen lassen sich durch Online-Meetings einfach nicht ersetzen.“
Welche Hauptvorteile sehen Sie in dieser internationalen Zusammenarbeit für Ihr Fachgebiet?
„Die Entwicklung von Innovative Air Mobility erfordert koordinierte Anstrengungen zwischen Institutionen mit komplementärer Expertise, unterschiedlichen geografischen Perspektiven und geteilter Forschungskapazität. Tatsächlich arbeiten CIRA und das DLR als EREA-Institutionen (European Research Establishments in Aeronautics) bereits bei IAM-Themen zusammen, z. B. in einer Arbeitsgruppe des International Forum for Aviation Research (IFAR). Internationale Zusammenarbeit stärkt die wissenschaftliche Qualität und hilft dabei, IAM-Lösungen zu entwickeln, die robust, anpassungsfähig und praxisnah sind. Sie legt auch die Grundlage für langfristige Partnerschaften zwischen der Universität Neapel Federico II, CIRA und DLR, was die internationale Weiterentwicklung zukünftiger Lufttransportsysteme fördert.“
Was haben Sie aus Ihrem Aufenthalt gewonnen – wissenschaftlich und persönlich?
„Wissenschaftlich kehre ich mit der Erfahrung zurück, eng mit neuen und erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet zu haben, und ihre Projekte, Methoden und Zukunftspläne zu diskutieren – eine Gelegenheit, die ohne physische Präsenz nicht möglich gewesen wäre. Persönlich hatte ich die Chance, in Hamburg zu leben, eine Stadt, die ich vorher gar nicht auf dem Schirm hatte. Es war eine wunderbare Erfahrung, und ich empfehle bereits Freunden und Kolleginnen und Kollegen, die Stadt zu besuchen.“
Haben Sie einen Rat für andere Forschende, die einen internationalen Forschungsaufenthalt planen?
„Mein Haupttipp wäre, die Ziele und den Umfang der Zusammenarbeit vor Beginn klar zu definieren. Gleichzeitig würde ich sagen: Erkunden Sie die Stadt, probieren Sie lokale Spezialitäten, lernen Sie Menschen kennen und genießen Sie die Erfahrung. Ein Forschungsaufenthalt dient nicht nur der wissenschaftlichen Arbeit – er fördert auch persönliche Entwicklung und kulturellen Austausch.“