Raumfahrt | 07. Februar 2022 | von Manuela Braun

Ordnung halten ist Rocket Science!

Quelle: NASA
Platz ist Mangelware auf der Raumstation, daher wird jede Möglichkeit genutzt, Material zu verstauen. Und von Zeit zu Zeit muss mal wieder gründlich aufgeräumt werden.

Dass es langsam Zeit für den Frühjahrsputz wird, haben sich unsere Astros auf der Internationalen Raumstation ISS wohl auch gedacht, als sie uns den Vorschlag unterbreitet haben, etwas Crew-Zeit dafür zu spendieren, auf der Raumstation einmal "grundsätzlich aufzuräumen".##markend##

Freilich ist auf der ISS das Chaos wesentlich organisierter als bei uns daheim: Jeder Gegenstand auf der Raumstation hat eine Seriennummer, einen Barcode und einen OpNom - einen eindeutig definierten Namen - sodass sichergestellt ist, dass wir alle hier die gleiche Sprache sprechen. Und eine große Datenbank, das Inventory Management System (IMS) sagt uns über jeden Gegenstand auch exakt, wo er zu finden ist. Oder zu finden sein sollte.

Quelle: NASA
Der "Stundenplan" der Astronautinnen und Astronauten ist eng getaktet. Auf der Timeline wurde das "STOW MANAGEMENT" von ihnen nach getaner Aufräumarbeit "ausgegraut" und damit als erledigt markiert.

Trotzdem erzeugt das alleine noch keine perfekte Ordnung: Zum einen ist in der ISS einfach nicht genug Stauraum vorhanden für all die Dinge, die wir dort oben brauchen, verbrauchen oder vorhalten müssen. Das führt dazu, dass wir etwas erfinderisch sein müssen - die CTBs (Cargo Transfer Bags), unsere "Stau-Bananenkisten", auf der ISS sind im Gang, vor unseren Versuchsschränken, im Endbereich der Module verstaut - überall da, wo die Sicherheitsanalysen dies erlauben und die Besatzung gerade keinen Zugang braucht. Dies erfordert ein ständiges Umbauen und Reorganisieren, da kann schon mal ein Bag an der falschen Stelle landen, wird beim nächsten Umräumen wieder ganz woanders verstaut und unsere Datenbank stimmt gar nicht mehr.

Zum anderen arbeiten so viele Leute - verschiedene Kontrollzentren, verschiedene Schichten, wechselnde Crew an Bord - zusammen: Ein Astronaut gibt den Schraubenschlüssel direkt an den Kollegen weiter statt erst zurück in den Werkzeugkasten. Eine Aktivität, an deren Ende die 17er-Nuss im Columbus-Labor verbleiben sollte, wird kurzfristig abgesagt. Bei uns hakt es im Handover und bei der Nachtschicht kommt nicht an, dass sie die IMS-Datenbank nachziehen müsste.

Und last but not least: Jeder Physiker weiß, dass die Entropie ("Maß der Unordnung") immer wächst...

So gibt es auf der ISS alle Situationen, die wir auch aus dem Kinderzimmer daheim kennen: Keine Ahnung, wo die kleine grüne Taschenlampe meines Sohnes hingekommen ist. Niemand weiß, was das für eine Schraubkappe ist, die sich hinter dem Schreibtisch meiner Tochter findet. Den Filzer hier können wir wegwerfen, wir brauchen wieder einen neuen, der auch schreibt...

In diesen Wochen haben wir für die amerikanisch-deutsche Crew immer wieder gemeinsame Zeit eingeplant, in der sie sich jeweils ein Modul vornehmen kann. Einfach mal umschauen: Gibt’s augenscheinlich Dinge, die dort nicht hingehören? Hängen noch irgendwo Beutel mit zu entsorgenden Sachen, von denen wir der Ansicht waren, dass die schon längst weg wären? Kann man die Verstauung der CTBs irgendwie optimieren? Kann man den "Leitungsknoten" verhindern, indem man die benutzten Steckdosen einfach tauscht?

Quelle: NASA
Alles am richtigen Platz verstaut? Manchmal eben nicht...

Im Minuten-Rhythmus bombardieren sie uns im Kontrollzentrum dann mit Fragen:

"Hey, wir haben hier ein Headset gefunden mit der Seriennummer 0815. Das ist schon seit einiger Zeit hier 'vorläufig verstaut' und keiner verwendet es. Was sollen wir damit machen?"

Oder: "Hier am Experimentierschrank hängt eine kleine Tüte mit USB-Adaptern. Brauchen wir die in der nächsten Zeit oder habt ihr einen besseren Stauraum hierfür für uns?"

Oder: "Hier haben wir irgendeine Art von Arretierungsstiften oder so etwas Ähnliches ohne Beschriftung gefunden. Wir haben Euch ein Foto gemacht, vielleicht könnt Ihr mehr dazu sagen?"

Unser COSMO und die Spezialisten in den anderen Kontrollzentren, die für die Logistik an Bord verantwortlich zeichnen, sind schwer beschäftigt: "Crew calls" mitschreiben, in der IMS-Datenbank und den dort referenzieren weiteren Dokumenten nach Antworten suchen, Empfehlungen an die Crew formulieren. Und auch so etwas gibt’s in der Raumfahrt: Für die Arretierungsstifte haben wir jetzt eine Flight Note (so eine Art Bearbeitungsticket) in unserem System, die alle Konsolenpositionen fragt: "Kennt jemand diese Teile?"

Dann haben wir jetzt auf der ISS einen "Lost-and-Found"-CTB, in dem die Astros alle Dinge sammeln, die in die Kategorie "Was soll denn das sein?" gehören. Auch "Wanted"-Poster hatten wir bereits - wir vermissen einen Gegenstand und fordern die Crew dazu auf, Ausschau danach zu halten.

Also: Ordnung halten IST Rocket Science!

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Über den Autor

Als Kind wollte Tom Uhlig Astronaut werden. Beim DLR kam er dabei seinem Traum sehr nahe: Er arbeitete als Columbus-Flugdirektor an der Konsole und leitete sowohl das Col-CC-Trainingsteam als auch Gruppe für den Betrieb von geostationären Satelliten bis Dezember 2016. zur Autorenseite