Historische Aufarbeitung der DLR-Vorgängerorganisationen von 1907 bis 1945
Beitrag zum kollektiven Gedächtnis
Historische Aufarbeitung der DLR-Vorgängerorganisationen von 1907 bis 1945
Modell eines Doppeldeckers im Windkanal Göttingen
Die Fotografie aus dem Jahr 1925 zeigt ein Modell eines Heinkel HD 33 Doppeldeckers im Windkanal der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA) in Göttingen.
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) blickt auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück. Ein zentraler Teil dieser Geschichte liegt in den Vorgängerorganisationen, deren Entwicklung von 1907 bis 1945 eng mit den wissenschaftlichen, technischen und politischen Rahmenbedingungen ihrer Zeit verknüpft war. Die Aufarbeitung dieses Zeitraums ermöglicht es, sowohl die bedeutenden Fortschritte in der Luftfahrtforschung als auch deren Entstehungskontexte umfassend zu verstehen.
Die Einrichtungen waren auch gestaltende Akteure in Zeiten, die von Krieg und Unrecht geprägt waren. Zeitweise war ihre wissenschaftliche Autonomie aufgrund von militärischen und politischen Interessen stark eingeschränkt.
Sie agierten nicht nur als Orte wissenschaftlicher Innovation, sondern auch als Teil der Kriegswirtschaft sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg – einschließlich der Nutzung von Zwangsarbeit und der Beteiligung an menschenverachtenden Praktiken. Diese Verflechtungen erfordern eine differenzierte, kritische und transparente Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.
Als DLR stehen wir zu unserer Verantwortung, unsere Vergangenheit nicht nur zu dokumentieren, sondern auch Lehren daraus zu ziehen. Unser Ziel ist es, die Geschichte für uns und für die Öffentlichkeit aufzuarbeiten und damit transparent zu machen. Damit wollen wir ein Bewusstsein schaffen für die Herausforderungen der Wissenschaft und Technik in verschiedenen Zeitepochen.
Wissenschaftliche Untersuchung zu den Vorläuferorganisationen des DLR
Vor diesem Hintergrund hat das DLR im Jahr 2022 eine unabhängige wissenschaftliche dreijährige Untersuchung initiiert (Projektzeit 2023-2026), die in mehreren Teilprojekten die Geschichte der Vorgängerorganisationen des DLR analysiert und aufarbeitet. Renommierte Historikerinnen und Historiker sowie ein interdisziplinär besetzter Beirat gewährleisten die Qualität, Unabhängigkeit und Transparenz der Forschung. Ziel ist es, historische Verantwortung zu übernehmen, die Erinnerung an die Opfer zu bewahren und Impulse für eine ethisch reflektierte Forschung in Gegenwart und Zukunft zu geben.
Mitglieder des unabhängigen Beirats
Prof. Dr. Margit Szöllösi-Janze, Inhaberin des Lehrstuhls für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte, LMU München, bis einschließlich Winter-Semester des Jahres 2022/2023
Dr. Bernd-Rüdiger Ahlbrecht, Vorsitzender der Gesellschaft zur Bewahrung von Stätten deutscher Luftfahrtgeschichte (GBSL)
Dr. Bernd Lukasch, ehemaliger Leiter Lilienthal-Museum Anklam
Prof. Dr. Heiko Stoff, Institut für Ethik, Geschichte und Philosophie der Medizin, Medizinische Hochschule Hannover
Heiko Triesch, Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden
Ralf Raths, Direktor Deutsches Panzermuseum Munster (DPM) im Jahr 2023 bis 2024
Der Zeitraum der Aufarbeitung beginnt 1907 mit der Gründung der Modellversuchsanstalt der Motorluftschiff-Studiengesellschaft (MVA) in Göttingen.
Die acht Teilprojekte der Aufarbeitung
In insgesamt acht Teilprojekten der Geschichtsaufbereitung nehmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowohl festgelegte Zeiträume in den Blick als auch die Geschichte der Vorläuferorganisationen des DLR während des Ersten Weltkriegs, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus.
Aus den Teilprojekten, die bis Ende 2026 abgeschlossen werden, gingen sechs Monografien und zwei Bildbände hervor. Das Ziel war, eine möglichst umfassende Darstellung des jeweiligen Zeitraums, in der sowohl die wissenschaftlich-technischen Errungenschaften als auch die Einbindung in das Regime des Nationalsozialismus dargestellt werden.
Die Ergebnisse eines Teilprojekts fließen überdies in eine Ausstellung und einen Katalog ein. Die Monografien sind ab Sommer 2026 über den Cuvillier-Verlag erhältlich und ab 2027 hier als Open Access verfügbar.
Projekt-Titel
Ergebnis
Projekt 1: Die Geschichte der Aerodynamischen Versuchsanstalt (AVA) von 1918 bis 1933: Die Nachwirkungen des Versailler Friedensvertrags
Geschichtswissenschaftliche Monografie, Band 1
Projekt 2: Die Geschichte der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) von 1918 bis 1933: Die Nachwirkungen des Versailler Friedensvertrags
Geschichtswissenschaftliche Monografie, Band 2
Projekt 3: Zwangsarbeit, Menschenversuche und der Umgang mit jüdischen Mitarbeitern und politisch verfolgten Personen in den Vorgängerorganisationen des DLR von 1933 bis 1945
Geschichtswissenschaftliche Monografie, Band 3
Projekt 4: Die Zusammenarbeit der Vorgängerorganisationen des DLR mit den Hochschulen von 1933 bis 1945
Ausstellung und Katalog
Projekt 5: Innovationen, Irrwege und Sackgassen der Forschung in den Vorgängerorganisationen des DLR von 1933 bis 1945
Geschichtswissenschaftliche Monografie, Band 4
Projekt 6: Die Geschichte der Drahtlostelegraphischen und Luftelektrischen Versuchsstation Gräfelfing (DVG) von 1908-1945 und die Entwicklung des Flugfunk-Forschungsinstituts Oberpfaffenhofen (FFO) von 1937 bis 1945
Bildband
Projekt 7: Akteure, Versuchsanlagen und -einrichtungen in den Vorgängerorganisationen des DLR von 1933 bis 1945
Bildband
Projekt 8: Das Verhältnis zwischen Staat, Militär und Forschung am Beispiel der Vorgängerorganisationen des DLR sowie die Zusammenarbeit der Vorgängerorganisationen von 1933 bis 1945
Dr. Jessika Wichner, Leiterin des Zentralen DLR-Archivs ist gemeinsam mit Jens Wucherpfennig und Daniel Beckmann aus der DLR-Kommunikation für die Umsetzung des Aufarbeitungsprojekts verantwortlich.