Dem Fliegen auf der Spur

Er war einer der Ersten, der sich in Deutschland systematisch mit aero- und hydrodynamischen Fragen befasste – in selbst gebauten Versuchsanlagen gelang es dem Zoologen und Physiker Friedrich Ahlborn, Strömungen im Wasser zu visualisieren und diese auf Glasplattennegativen zu dokumentieren. Damit schuf er wichtige Grundlagen, auf denen andere Strömungsforscher aufbauen konnten, darunter Ludwig Prandtl (1875-1953), der Leiter der ersten Vorgängerorganisation des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Göttingen.

Von Göttingen nach Quakenbrück und zurück
Friedrich Ahlborn wurde am 4. Januar 1858 in Göttingen geboren. Dort besuchte er das Königliche Gymnasium. Im Alter von 15 Jahren brach er die Schule ab und arbeitete für eine Landvermessergruppe, die Landkarten für die nähere und weitere Umgebung Göttingens anfertigte.
1878 holte er in Quakenbrück das Abitur nach. Anschließend kehrte Ahlborn nach Göttingen zurück und studierte an der dortigen Universität Zoologie, Geologie, Chemie und Mathematik. Danach promovierte er bei dem Göttinger Zoologen Ernst Ehlers (1835-1925) und widmete sich in seiner Doktorarbeit der Zirbeldrüse von Neunaugen.
Der Weg zur Strömungsforschung
1884 erhielt Alhborn eine Anstellung am Realgymnasium in Hamburg, um dort den naturwissenschaftlichen Unterricht neu zu gestalten. Gemeinsam mit anderen Lehrkräften der Schule baute er eine geologische, mineralogische und zoologische Sammlung auf und richtete ein chemisches Laboratorium ein, in dem Schüler selbst experimentieren konnten.
Parallel zu seiner Schultätigkeit begann er, das Flugverhalten von fliegenden Fischen und Pflanzensamen zu studieren. Insbesondere der Samen der in der Südsee beheimateten Zanonia, eines Kürbisgewächses, hatte es ihm angetan. Zanonia-Samen können nicht nur über weitere Strecken von der Luft getragen werden, sondern zeichnen sich auch durch ihre stabile Fluglage aus.
Pionierleistung im Wohnzimmer
Um dem Phänomen des Fliegens auf die Spur zu kommen, baute er im heimischen Wohnzimmer eine erste Versuchsanlage auf. Diese bestand aus einem kleinen handelsüblichen Aquarium, einem Lineal, einer Holzklammer und einer Karteikarte. Zunächst füllte er das Aquarium mit Wasser und fügte Eosin, einen roten Farbstoff, hinzu. Danach befestigte er die Karteikarte mit der Holzklammer in der Mitte des Lineals und tauchte das Kärtchen zur Hälfte ins Wasser. Das Lineal schob er nun langsam über den Beckenrand des Aquariums und zog auf diese Weise die Karteikarte durch das Wasser. Mithilfe dieser Konstruktion konnte er die Veränderungen der Druckverhältnisse an der Karteikarte bei verschiedenen Geschwindigkeiten beobachten. Für die Beurteilung von Strömungsvorgängen selbst reichte die Eigenkonstruktion allerdings noch nicht.
Gemeinsam mit seinem Schüler Max Wagner konzipierte er einen Wasserkanal, der zehn Meter lang und einen Meter breit war. Über dem Kanal befestigten sie eine Schleppvorrichtung, die es nicht nur ermöglichte, unterschiedliche Modellkörper durch das Wasser zu ziehen, sondern auch eine Kamera mitzuführen, mithilfe derer Strömungen fotografiert werden konnten.

Während des Ersten Weltkriegs wurden Ahlborns Arbeiten als kriegswichtig eingestuft. Er erhielt ein eigenes Institut in der Flugzeugmeisterei in Berlin-Adlershof, in dem er einen 20 Meter langen Wasserschleppkanal aufstellen konnte. Darin untersuchte er mit seinen Mitarbeitern nicht nur Schiffsmodelle, sondern auch Schiffsschrauben und Luftschiffmodelle mit dem Ziel, jeweils die aerodynamische Form zu verbessern. Nach Kriegsende war die Luftfahrtforschung in Deutschland verboten, sodass Ahlborns Versuchsanlage demontiert wurde. Sie landete am Lehrstuhl des Aerodynamikers Theodore von Kármán (1881–1963) in Aachen, wurde dort eingemottet und später nach und nach zerlegt.

„Altglas“ aus Kanada
Ahlborn, der nach dem Ersten Weltkrieg wieder dazu überging, einen kleineren Wasserschleppkanal in seiner Privatwohnung zu betreiben, starb 1937 in Hamburg. Ein Teil seines Nachlasses wurde kurz nach seinem Tod dem Deutschen Museum in München übergeben. Anfang 2025 nahm die Urenkelin Ahlborns, Dorit Mason, Kontakt mit dem DLR auf.
Ihr Vater, Boye Ahlborn, der in Kanada lebt, verfügt über zahlreiche Dokumente und Dutzende Glasplattennegative seines Großvaters. Eine Übergabe von ersten Glasplattennegativen fand Anfang 2025 in London statt. Das „Altglas“ aus Kanada liegt derzeit im Zentralen Archiv des DLR, wird aber voraussichtlich seine finale Heimat im Archiv des Deutschen Museums in München finden, um den dort befindlichen Nachlass zu ergänzen.
Ein Beitrag aus dem DLRmagazin 178. Die Autorin Jessika Wichner leitet das Zentrale Archiv des DLR und nahm die ersten Glasplattennegative von Ahlborns Urenkelin persönlich entgegen – als sich die beiden bei einer Reise auf einem gemeinsamen Zwischenstopp in London trafen.