Vollautomatische Unternehmensberaterin

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Der Stand von Lukas Beckenbauer ist ein Publikumsmagnet auf dem Innovationstag Mittelstand 2025 in Berlin. Der junge Forscher präsentiert, woran er und ein Team von der TU München und der TU Bergakademie Freiberg in einem Projekt der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) knapp zwei Jahre lang gearbeitet haben: Rosie – ein Chatbot, der kleine und mittlere Unternehmen (KMU) berät, künstliche Intelligenz gewinnbringend einzusetzen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) ermöglicht solche Projekte durch Förderprogramme wie die Industrielle Gemeinschaftsforschung. Der DLR Projektträger setzt im Auftrag von Ministerien Programme für den Mittelstand um, durch die innovative Lösungen für KMU in die Praxis kommen. Als Berater und Bindeglied zwischen Regierung und Wissenschaft bringt er Innovationen für Wirtschaft und Gesellschaft voran.
Zurück auf den Innovationstag Mittelstand in Berlin: Eine junge Buchhändlerin spricht mit Rosie. Sie fragt, wie sie den Verkauf in ihrem Buchladen steigern kann. Rosie stellt Rückfragen und entwickelt im Chat die ersten Schritte einer Strategie. Sie schlägt vor, eine Community rund um das Buchgeschäft aufzubauen, dafür Social-Media-Kanäle zu nutzen und die Webpräsenz des Buchladens gezielt auf Suchmaschinen auszurichten. Die Buchhändlerin ist überrascht – die Antworten sind konkret und leicht umsetzbar. Das leistet Rosie, die vollautomatische Unternehmensberaterin. Entwickelt wurde der Chatbot von Lukas Beckenbauer und Professorin Isabell Welpe sowie Tim Kanis und Professorin Jutta Stumpf-Wollersheim.
So funktioniert die Industrielle Gemeinschaftsforschung (IGF)
Das Besondere an der IGF ist, dass sich Unternehmen in Forschungsvereinigungen zusammenschließen, um den Forschungsbedarf ihrer Branche zu definieren. „Hier sitzen Wettbewerber an einem Tisch, um gemeinsam die Themen und Ziele von IGF-Forschungsvorhaben festzulegen“, sagt Judith Hellhake, Leiterin der Abteilung Innovationen im Mittelstand. „Das ist ein entscheidendes Merkmal und ein großer Vorteil dieses Förderprogramms. Denn jedes Unternehmen, ob Branchenriese oder kleines KMU, mit oder ohne eigene Forschungsabteilung, bringt sein spezielles Wissen ein.“ Forschungsthemen werden gemeinsam festgelegt und die Risiken der Forschung auf viele Schultern verteilt. Die Ergebnisse werden veröffentlicht und stehen der Allgemeinheit zur Verfügung. Wettbewerbsvorteile Einzelner sind damit ausgeschlossen. Durch das Netzwerk von mehr als 100 Forschungsvereinigungen bietet die IGF eine Vielzahl an Anknüpfungspunkten für Unternehmen – branchenübergreifend und themenoffen.

AiF Project GmbH
Das Bundeswirtschaftsministerium hat den DLR Projektträger 2024 damit beauftragt, die IGF umzusetzen. Judith Hellhake erklärt: „Wir schaffen Möglichkeiten, in denen sich die diverse IGF-Community mit unterschiedlichsten Schwerpunktbereichen austauschen kann. Auf dem IGF-Kongress 2025 im BMWE in Berlin kamen über 130 IGF-Akteure aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zum Netzwerken zusammen, um sich gegenseitig zu inspirieren.“
Als Schnittstelle zu den Forschungsvereinigungen und im Gespräch mit Forschenden sammeln die Expertinnen und Experten des DLR Projektträgers Erfahrungen aus der IGF im Auftrag des BMWE und ermöglichen so, dass das Programm immer weiter entwickelt werden kann. Und auch im täglichen Geschäft sorgen sie für reibungslose Abläufe in der IGF. „Wir prüfen Anträge, erlassen Förderbescheide und beraten die Forschungsvereinigungen auch bei der Antragsstellung“, sagt Hellhake. Ihr Team organisiert und betreut Gutachtersitzungen, in denen externe Expertinnen und Experten über Förderanträge diskutieren und ihre Empfehlung abgeben.
Von der Förderung im Rahmen der IGF können nur zuvor autorisierte Forschungsvereinigungen profitieren. Das ist aber an Voraussetzungen geknüpft – zum Beispiel an die Gemeinnützigkeit. Der DLR Projektträger prüft, ob alle Voraussetzungen erfüllt sind, und autorisiert schließlich die Forschungsvereinigungen für die Teilnahme an der IGF.
IGF-Forschende entwickeln Rosie
Das Team, das Rosie entwickelt, hat von der IGF profitiert. Rosie, die vollautomatische Unternehmensberaterin, basiert auf dem Sprachmodell Mistral aus Frankreich. Aber sie kann deutlich mehr als andere Chatbots. „In der alltäglichen Nutzung von Anwendungen wie ChatGPT kratzen viele User häufig nur oberflächlich am Potenzial von großen Sprachmodellen“, so Beckenbauer. Tim Kanis ergänzt: „KMU sind hochmotiviert, KI zur Steigerung ihrer Effizienz und zur Stärkung ihrer Innovationsfähigkeit einzusetzen – allerdings fehlen ihnen oft Ressourcen und KI-Expertise.“ Rosie füllt diese Lücke.
Mehrere Unternehmen haben Rosie bereits ausprobiert – darunter die Agentur Platzer Kommunikation aus München. Ihr Geschäftsführer Karl Platzer hat Rosie getestet und sein eigenes Fachwissen mit den Antworten von Rosie verglichen. Er kommt zu dem Schluss, dass der Chatbot inhaltlich tragfähige Empfehlungen gibt: „Das gibt mir ein hohes Vertrauen, dass auch in den Bereichen, die noch Neuland für mich sind, die Qualität entsprechend hochwertig ist.“ Und auch die KoSytec Systemhaus GmbH mit Fachleuten für IT-Infrastruktur und Sicherheit hat Rosie getestet. Ihr Geschäftsführer Eberhard Vogel resümiert: „Rosie ist eine echte Hilfe für KMU, die sich mit dem Thema KI beschäftigen. Für die Planung konkreter Einsatzszenarien in den Unternehmen liefert der Chatbot Ideen und Vorschläge.“ Diese seien umsetzbar, verständlich und nah an der Praxis, so Vogel.
Nur ein Beispiel von vielen
Lukas Beckenbauer und seine Kolleginnen und Kollegen haben mit dem Chatbot Rosie einen Ansatz gefunden, den Nutzen von KI vielen Unternehmerinnen und Unternehmern mit knappem Budget verfügbar zu machen. Doch es ist nur ein Projekt von vielen, das versucht, die Zukunftstechnologie KI für den Markt passend zu gestalten.
Der DLR Projektträger begleitet eine Menge Projekte in unterschiedlichen Programmen der Bundesregierung – zum Beispiel mit KI-Trainern im Programm Mittelstand-Digital des BMWE und mit dem Förderprogramm „KI-Innovationswettbewerb – Generative KI für den Mittelstand“ im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Der Innovationswettbewerb unterstützt praxisnahe Projekte, die den Einstieg in generative KI erleichtern, und ist explizit auf die Bedürfnisse von KMU zugeschnitten. So treibt der DLR Projektträger als Fördermanager und strategischer Partner KI-Spitzenforschung in Deutschland und Europa voran und sorgt gleichzeitig dafür, dass die neue Technologie konkret in die Anwendung kommt. Damit deutsche wie europäische Wirtschaft und Wissenschaft im internationalen Wettbewerb auf Augenhöhe bleiben.
Ein Beitrag aus dem DLRmagazin 178. Evelyn Stahl ist Bereichskommunikatorin für Gesellschaft, Innovation, Technologie im DLR Projektträger und freut sich, dass sie dank KI immer die schnellste Route zum Ziel findet. Lovis Krüger arbeitet in der Unternehmenskommunikation des DLR Projektträgers und lässt sich von KI Trainingspläne schreiben.