Artikel aus dem DLRmagazin 179: Der DLR Projektträger vernetzt wichtige Akteure der Gesundheitswirtschaft in Nordrhein-Westfalen

Innovation für die Medizin

Medizinische Versorgung verbessern und Spitzenforschung fördern
Das Cluster Medizin.NRW fördert gezielt die strategische Vernetzung am Innovations- und Medizinstandort NRW.
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Können Menschen über den Darm atmen, wenn ihre Lunge nicht mehr funktioniert? In Aachen forscht ein Biomedizin-Start-up zu genau dieser Frage. In Duisburg tüfteln Chemikerinnen und Chemiker derweil an Metall-Nanopartikeln, mit deren Hilfe Protonenlaser Tumore besser bekämpfen können. Und in Wuppertal prüft ein interdisziplinäres Team aus Politik und medizinischer Forschung, wie Kommunen am effektivsten gegen Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel vorgehen.

Rund um die Hochschulen und Spitzenforschungsinstitute in Nordrhein-Westfalen haben sich zahlreiche Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen, forschungsstarke Kliniken und internationale Großkonzerne aus Medizintechnik und Pharmaindustrie angesiedelt. In neun medizinischen Fakultäten und Universitätskliniken, rund 80 Lehrkrankenhäusern, 30 Universitäten und Hochschulen sowie mehr als 50 außeruniversitären Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen wird innovative Medizin gelehrt, erforscht und weiterentwickelt. Mit dem Cluster Medizin.NRW hat der DLR Projektträger eine zentrale Kompetenzplattform aufgebaut, die all diese Akteure miteinander vernetzt – damit ihre Ideen und Forschungsergebnisse schneller in der Praxis ankommen.

Spitzenmedizin für morgen

Es gibt wohl kaum einen aktuellen Trend in der medizinischen Wissenschaft und Praxis, der im bevölkerungsreichsten Bundesland nicht erforscht, erprobt oder neu gedacht wird. „Nanotubes, Biosensoren, Neuro-Implantate: Manches Forschungsthema klingt heute noch nach Science-Fiction, hat aber das Potenzial, als Sprunginnovation die medizinische Praxis zu revolutionieren“, sagt Dr. Patrick Guidato, Manager des Clusters Medizin.NRW im DLR Projektträger.

Wo Spitzenforschung betrieben wird, stellt sich auch die Frage danach, wie Patientinnen und Patienten im medizinischen Alltag von ihr profitieren können. Interdisziplinäre Kooperationen sind ein zentraler Erfolgsfaktor dafür, dass Innovationen es tatsächlich in die medizinische Versorgung schaffen und dies auch noch zügig erfolgt. Das Cluster Medizin.NRW fördert deshalb gezielt die strategische Vernetzung am Innovations- und Medizinstandort NRW. Der DLR Projektträger managt das Cluster im Auftrag des NRW-Wissenschaftsministeriums. „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, analoge und digitale Netzwerke zu bilden, die die relevanten Akteure im Kosmos Spitzenmedizin zusammenbringen“, sagt Guidato.

Medizinische Versorgung verbessern

Clusterkonferenz „Zukunftsfähige Spitzenmedizin in NRW“
Die Konferenz fand im April 2025 in Düsseldorf statt.
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Vogelheim TV/Jens Koch

Sechs dieser Netzwerke hat das vierköpfige Team des DLR Projektträgers im Clustermanagement seit der Gründung im Jahr 2019 bereits aufgebaut, mehr als 300 Expertinnen und Experten unterschiedlicher Karrierestufen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Versorgung engagieren sich aktiv. „Wir haben strategische Querschnittsthemen identifiziert, die Akteure aus möglichst unterschiedlichen Disziplinen zusammenbringen – und um diese Themen herum dann verschiedene Angebote und Veranstaltungen für den Wissens- und Erfahrungsaustausch entwickelt“, erklärt Guidato. Gemeinsam ist den Leuchtturmprojekten, dass Perspektive und Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten sowie der Zivilgesellschaft im Vordergrund stehen. Denn für die sogenannte Translation, also die Übertragung von Forschungsergebnissen aus dem Labor in die klinische Praxis, ist die Frage entscheidend: Was wird wirklich gebraucht?

Klinische Studien schneller finden

Aus dieser Fragestellung heraus ist auch eines der jüngsten Projekte des Clusters entstanden: eine Informationsplattform für klinische Studien. „Studien in der Klinik sind der Dreh- und Angelpunkt für jede medizinische und medizintechnische Innovation“, sagt Guidato. Erst wenn eine medizinische Neuerung in einer Studie unter Beweis gestellt hat, dass sie sicher und wirksam ist und eine messbare Verbesserung ins Gesundheitswesen einbringt, kann sie tatsächlich in der Versorgung eingesetzt werden.

Für viele Beteiligte in diesem Prozess, wie zum Beispiel Arztpraxen, Unternehmen und auch andere Forschende, ist es oft eine Herausforderung, die richtigen Studien und Studienstandorte, geeignete Partnerunternehmen sowie passende Patientinnen und Patienten zu finden. „Es gibt zwar verschiedene nationale und internationale Datenbanken, in denen man nach passenden Studien suchen kann“, erklärt Clustermanager Guidato, „aber die sind so komplex, dass sie selbst für Fachleute nur schwer zu nutzen sind.“ So entstand die Idee, eine Plattform zu schaffen, die einen Überblick über klinische Studien in Nordrhein-Westfalen bietet.

DLR-Start-up wertet Daten aus

Seit Oktober 2025 ist die digitale Plattform klinische-studien.nrw als Testversion live: Sie bündelt erstmals strukturierte Informationen zu klinischen Studien in Nordrhein-Westfalen. Die Grundlage bildet ein KI-gestütztes Tool der DLR-Ausgründung Kwintely Intelligence, das ursprünglich für die Auswertung von Patent- und Publikationsdatenbanken entwickelt worden ist. „Wir haben dann angefragt: Könnt ihr auch aus den medizinischen Registern Daten extrahieren und aufbereiten?“, berichtet Guidato.

Die Herausforderung: Die Daten sind in den bisherigen Studienregistern nicht in einheitlichen Formaten erfasst, das macht sie so unübersichtlich. Die Kwintely-KI löst dieses Problem – sie erfasst öffentlich verfügbare Studiendaten aus verschiedenen internationalen Registern, vereinheitlicht und verknüpft sie mit wissenschaftlichen Publikationen. Ein Team des DLR-Projektträgers hat zudem eine interaktive Web-Oberfläche entwickelt, die eine Suche und Auswertung nach Schlagwörtern, Start- und Endjahren der in Nordrhein-Westfalen durchgeführten Studien ermöglicht.

Auch in der Testphase des neuen Tools sei jetzt Feedback von möglichst vielen verschiedenen Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft und klinischer Praxis gefragt, betont Clustermanager Guidato: „Wir wollen vielfältiges Feedback sammeln – und die neue Studienplattform auch gezielt nutzen, um die Gesundheitswirtschaft in NRW besser zu vernetzen und die Patientenversorgung zu verbessern.“

„Wir machen sichtbar, was geht.“

Dr. Patrick Guidato
Guidato ist seit 2019 Clustermanager von Medizin.NRW im DLR Projektträger.

Die Rahmenbedingungen in der Gesundheitswirtschaft sind komplex. Dr. Patrick Guidato, Manager des Clusters Medizin.NRW, erklärt, wie Innovation trotzdem möglich wird.

Herr Guidato, woran scheitern Innovationen im Gesundheitssektor?

Die Rahmenbedingungen sind anspruchsvoll: Wer eine medizinische oder medizintechnische Innovation in die Versorgungspraxis bringen will, muss sich mit komplexen Zulassungsverfahren, mit Fragen der Kostenerstattung und Patentrechten auseinandersetzen. Man muss zu einem frühen Zeitpunkt nachweisen, dass die Innovation einen konkreten Nutzen erbringt – unter organisatorisch und technologisch herausfordernden Bedingungen. Das heißt aber nicht, dass man sich davon aufhalten lassen sollte.

Wie lassen sich diese Hemmnisse überwinden?

Indem man sich klar macht: Es gibt immer schon jemanden, der es geschafft hat und von dem ich etwas lernen kann. Alle Akteure im Gesundheitswesen bewegen sich in diesen anspruchsvollen Rahmenbedingungen. Sie können voneinander lernen, wie man Innovationen in diesem Umfeld erfolgreich in die Umsetzung bringt. Dazu müssen sie aber erst einmal voneinander wissen – sich kennenlernen und miteinander ins Gespräch kommen. Hier sehen wir eine zentrale Aufgabe für unser Cluster: Wir machen sichtbar, was geht.

Welche Themen sind für die Weiterentwicklung der Gesundheitswirtschaft denn besonders aktuell?

Da gibt es ganz vielfältige Themen und Trends, die wir aufgreifen. Themen wie die Verfügbarkeit von Rohstoffen und Personal beschäftigen in dem aktuell angespannten geopolitischen, internationalen Umfeld zum Beispiel viele Forschende und viele Unternehmen. Da sind wir in einem intensiven Austausch, auch mit anderen Clustern der Gesundheitswirtschaft in ganz Deutschland und in Europa. Innovative Lösungen sind hier gefragt, ebenso wie beim Thema Klimaauswirkungen auf die Gesundheit. Das Thema Alternsmedizin treibt ebenfalls besonders viele Menschen in der Branche um: Wie können wir vom Kinderarzt bis zur Geriatrie-Expertin medizinische Expertise bündeln, um die Folgen des demografischen Wandels für das Gesundheitssystem und die Patientenversorgung besser zu adressieren? Und die Fortschritte in der biohybriden Medizin faszinieren natürlich auch: Hier könnten bahnbrechende Durchbrüche die Medizin, wie wir sie heute kennen, völlig verändern. Also: Es bleibt spannend! Bei all diesen Themen wird das Cluster Medizin.NRW in den kommenden Jahren gefordert sein und Innovatorinnen und Innovatoren zusammenbringen.

Ein Beitrag von Sarah Sommer aus dem DLRmagazin 179. Sie schreibt für den DLR Projektträger und ist fasziniert von den Fortschritten moderner Medizin.

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